14. Dezember 2019 Johannes vom Kreuz

Bruder Augustinus Diekmann spricht über die Franziskaner Mission

Bruder Augustinus Diekmann leitet in Dortmund die Franziskaner Mission. Zuvor lebte er 20 Jahre in Brasilien. Mit Thomas Rekendt sprach er über seine Arbeit und die gegenwärtige Situation in dem südamerikanischen Land. 

Der Zeitpunkt des Treffens war Bruder Augustinus Diekmann besonders wichtig. Der 10. Dezember sollte es sein – der internationale Tag der Menschenrechte. Für diese zu kämpfen ist nämlich seit Jahrzehnten eines der Hauptanliegen des Franziskaners, hat er ihre Missachtung doch in seiner zweiten Heimat Brasilien schon zu oft erleben müssen. 

Bruder Augustinus Diekmann. – Foto: Thomas Rekendt

Bruder Augustinus, wie bewerten Sie die momentante Lage in Brasilien?

Heute ist die Situation schlimmer denn je. Durch den neu gewählten Präsidenten Bolsonaro gewinnt neben dem Militär auch wieder die Gruppe der Großgrundbesitzer an Einfluss. Das wird die Vertreibung kleinerer Bauern und der indigenen Bevölkerung wieder verstärken. Außerdem erhalten Rassismus, Populismus und alternative Fakten großen Auftrieb. Ein hochgelobtes Schwellenland geht momentan kaputt – wirtschaftlich und menschenrechtlich. 

Wie wirkt sich die Situation auf die Franziskaner vor Ort aus?

Es galt bisher unter jedem Präsidenten das Motto: „Brasilien ist groß.“ Die Hauptstadt Brasília ist von den Orten der Franziskanermission, den Bundesstaaten Maranhão und Piauí im Nordosten des Landes, Tausende Kilometer entfernt. Auch Bolsonaro kann nicht überall für Sicherheit sorgen, auch wenn er das im Wahlkampf versprochen hat. Wir beobachten eine wachsende Bandenkriminalität. Zum Beispiel wurde die Nationalbank in Bacabal, einer Stadt in Maranhão, Opfer eines spektakulären Raubüberfalls. Das sah aus wie im Krieg. Schlimmer für uns ist jedoch, dass die Regierung die sozialen Grunddienste zurückfährt – und den Menschen so die Lebensgrundlage nimmt. 

Was kann die Kirche in dieser Situation tun? 

Die Kirche muss den Menschen Mut machen, ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen und sich nicht gängeln zu lassen. Und wir müssen ein politisches Bewusstsein schaffen, damit so ein Wahlausgang nicht noch einmal passieren kann. Man sagt ja gerne, die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber wenn Gott die Hoffnung ist, dann ist das falsch. Der stirbt nicht zuletzt, der stirbt nie. 

Wie genau sieht die Arbeit der Franziskaner vor Ort aus?

Brasilien ist schon ein franziskanisches Universum, etwa zehn Prozent aller Franziskaner weltweit leben hier.  Wir haben uns von einem Bettelorden zu einem Schulorden entwickeln müssen. Denn von den Reichen Almosen für die Armen zu erbitten macht die Armen auf Dauer abhängig. Bildung ist jetzt der goldene Schlüssel. Die Franziskaner betreiben Schulen in der Stadt und Landwirtschaftsschulen in den Dörfern. Hier lernen junge Menschen, wie sie sich selbst und andere versorgen können. Die eine Hälfte des Monats in der Theorie, die andere Hälfte in der Praxis auf dem familiären Hof. 

Schüler der Landwirtschaftsschule in Brasilien. – Foto: Franziskaner Mission

Warum ist das so wichtig?

Es macht die Armen unabhängig – Hilfe zur Selbsthilfe ist hier das Motto. Einen anderen Aspekt hat die brasilianische Caritas sehr gut so formuliert: „Wenn das Land nicht pflanzt, kann die Stadt nicht essen.“ Auch die Armen in den Städten sind von dieser Art von Landwirtschaft abhängig. Sie können das Land nicht nur mit den Monokulturen von Soja und Mais ernähren, wie sie die Großgrundbesitzer anbauen.

Wie bewerten Sie die Ausbreitung evangelikaler Gruppen in Brasilien?

Ich gerate da nicht so sehr in Panik.Es ist eher ein Klärungsprozess. Es gab unter den Katholiken schon immer viele „Taufscheinchristen“, die nicht im Glauben engagiert waren. Die lassen sich nun von den Versprechungen dieser Gruppen blenden. Wenn sie erkennen, dass es nichts bringt, werden sie allerdings kirchlich oft heimatlos – das ist die eigentliche menschliche Tragödie. 

Was können Gemeinden in Deutschland von brasilianischen Gemeinden lernen?

Es lohnt sich, zu sehen, wie eine Kirche an der Basis vor allem mit Hilfe von Laien arbeitet, da es nicht genug Priester gibt. Jeder Mensch ist geisterfüllt durch die Taufe, jeder Christ kann Verantwortung in der Kirche übernehmen. Auch der Wortgottesdienst wird hier höher eingeschätzt. In Brasilien spricht man vom „Volk des Priesters“, dass nur bei einer richtigen Eucharistiefeier kommt, und vom „Volk Gottes“: Das kommt immer, auch wenn kein Priester den Gottesdienst leitet. 

Sie haben 20 Jahre in Brasilien gelebt. Was fasziniert sie an diesem Land und der Arbeit dort?

Als Novize war ich vor allem beeindruckt von den Berichten der Missionare und ihrem Kampf um eine gerechte Agrarreform. Meine Familie im Sauerland betrieb selbst Landwirtschaft, weshalb ich in dieser Welt schon zu Hause war. Das Gemeinschaftsgefühl der Basisgemeinden vor Ort erinnert mich außerdem an den Zusammenhalt in meiner eigenen Großfamilie. Ich wäre heute noch dort, wenn ich nicht zurückgerufen worden wäre. Aber meine Arbeit hier in Dortmund ermöglicht es mir natürlich, die Menschen in Brasilien auch weiterhin zu unterstützen.