21. November 2017 Johannes von Meißen

Sengelmanns Suche

Früher wollte er Schauspieler und Popstar werden. Heute spielt Julian Senglemann in Fernsehserien, singt auf Bühnen – und schreibt eine Doktorarbeit in Evangelischer Theologie. Der 35-Jährige Reformationsbotschafter versucht in seinem neuen Buch, den Menschen die christlichen Feiertage näherzubringen. Von Thomas Schnieders

Julian Sengelmann versteht was von Feiertagen. Deshalb versucht er sie anderen zu erklären. Foto: Moritz Weber
Julian Sengelmann versteht was von Feiertagen. Deshalb versucht er sie
anderen zu erklären. Foto: Moritz Weber

Feiertagen wird eine Frage in den Medien immer gestellt: „Warum ist dieser Tage ein Feiertag?“ Im Fernsehen sind dann Bilder von Straßenumfragen zu sehen, in denen Passanten mit den Schultern zucken oder wortreich etwas erklären, was sie eigentlich nicht oder zumindest nicht so genau wissen. Was nicht gleichzeitig bedeutet, dass die Befragten kein Interesse an den Antworten hätten, findet Julian Sengelmann.

Der 35-Jährige ist Musiker, Schauspieler und absolviert zurzeit ein berufsbegleitendes Vikariat in der Nordkirche. Sein Ziel: Evangelischer Pas-tor. In verschiedenen Fernseh-Formaten erklärt er, was es mit Feiertagen und der Reformation auf sich hat. Er beobachtet, dass viele Menschen kirchliche Bräuche nicht verstehen. Doch vielen sei es peinlich, wenn sie diese nicht verstünden, ist Sengelmanns Eindruck. „Ich glaube, dass das viel mit Scham zu tun hat. Nicht-Wissen ist etwas, das scham-belastet ist. Obwohl das Quatsch ist, denn wir alle wissen ganz viel nicht. Wir fragen nur nicht mehr richtig und wir haben niemanden mehr, der uns das richtig erklärt und auch so erklärt, dass man es versteht.“

Die Sehnsucht der Menschen

Mit dem Sprung in diese Lücke ist man auch schnell bei dem, was Julian Sengelmann „ein Lebensthema von mir“ nennt: Religiöse Bräuche zu erkunden, zu verstehen und zu erklären. Das macht er nicht nur im Fernsehen. Er hat ein Buch geschrieben, das wie ein Nachschlagewerk erklärt, was christliche Feste bedeuten. Anfang Oktober ist er als ehrenamtlicher Vikar an der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen eingeführt worden – mitten in der Altstadt und der neuen Hafen-City. Bei Trau- und Taufgesprächen merke er, dass viele Menschen eine Sehnsucht nach Gott spürten, erzählt er und fragt: „Warum wollen Menschen noch in einer Kirche heiraten, wenn sie gar nicht in die Kirche gehen oder nur zu Weihnachten auftauchen? Irgendwas gibt es da.“

In die Wiege gelegt war Julian Sengelmann der Bezug zur Kirche nicht, wie er bekennt. Klar, zu Weihnachten habe die Familie schon einen Gottesdienst besucht. „Wir waren das, was man U-Boot-Christen nennt. Wir tauchen kurz auf und verschwinden den Rest des Jahres wieder“, sagt er und lacht. Kontakt zur Kirche bekam er als Jugendlicher mit seinem Bruder bei den Pfadfindern. Diese gehörten als „Freie Pfadfinder“ nicht zu einer Kirche und hätten immer gesagt: „Wenn irgendwer irgendwas ganz laut skandiert, dann darfst du das auf keinen Fall glauben, dann musst du das selbst herausfinden.“

Weil sie aber gleichzeitig die Kirche immer abgelehnt hätten, habe er diese Ablehnung hinterfragen wollen. So kam er in den Konfirmanden-Unterricht und in seinen ersten Gottesdienst. Der Pastor habe einen Horror-Film gezeigt und anschließend darüber „so klug und lebensnah gepredigt“. Er weiß noch, dass er damals dachte: „So kann Kirche sein. Das finde ich gut!“ In dieser Hamburger Kirchengemeinde habe er eine „sehr intensive, lebensnahe Zeit gehabt“, erzählt er. „Und was will man als Heranwachsender mehr als gesehen zu werden? Dort wurde ich gesehen!“ Sich selbst sah er in dieser Zeit aber nicht als Pastor, sondern als Schauspieler und Popstar. In der Schulzeit hat er schon Theater gespielt und mit Freunden eine Band gegründet.

Für Julian Sengelmann ist Martin Luther kein Heiliger. Foto: Moritz Weber
Für Julian Sengelmann ist Martin Luther kein Heiliger. Foto: Moritz Weber

Nach dem Abitur schrieb er sich an der Universität für Evangelische Theologie ein. Ein „Luxus-Fach“, wie er es selbst nennt. Dort könne man sich mit vielen Bereichen von Philosophie über Soziologie und Kunstgeschichte beschäftigen. Zumal er in dieser Zeit immer noch Popstar werden könnte. Im Studium hat er dann weiter professionell Musik gemacht, mit seiner damaligen Band „Feinkost“ war er im Radio zu hören. Außerdem hat er in verschiedenen Fernsehserien mitgewirkt: „Die Albertis“ im ZDF und bei „Türkisch für Anfänger“ in der ARD.

Trotzdem hat er das Theologie-Studium nie aufgegeben, sondern sich vielmehr entschlossen, darin zu promovieren. Er untersucht für seine Doktor-Arbeit, wie man eine Form finden kann, in der die Menschen die Botschaft der Kirche besser verstehen. Dafür arbeitet er mit Studierenden an einem Film über Bibeltexte, der sich auf die heutige Zeit beziehen soll.

Luther ist kein Heiliger

Die Herausforderung sei, dies auf eine Art zu machen, die nicht belehrend sei, findet Julian Sengelmann. „Denn auch vieles, was wir im kirchlichen Kontext machen, hat ja Sinn und Verstand. Dann muss man aber auch immer rückfragen: Ist das Tradition oder ist das Abstellgleis? Machen wir das, weil wir das immer schon so machen oder weil das im Leben Aktualität hat?“

Bedeutung bis heute hat für ihn Martin Luther, aber: „Ich weigere mich hartnäckig Luther als Heiligen darzustellen. Das ist er nicht!“ Die Reformation sei mehr als Luther, in der Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts sei viel im Umbruch gewesen.

Zwei Dinge könne man an Luther lernen, findet Sengelmann, der auch Reformations-Botschafter der Evangelischen Kirche in Deutschland ist: „Die fundamentale Erkenntnis, dass wir scheitern dürfen und nicht gescheitert bleiben müssen. Wir sind Gottes geliebte Kinder, wir sind gerechtfertigt durch den Glauben.“ Zwar bleibe jeder Mensch ein Sünder, er müssen aber nicht daran zerbrechen. Diese Erkenntnis ist für Sengelmann selbst „ein unendlicher Grundstein in meinem Lebensverständnis und Selbstverständnis.

Für das Fernsehen erkundete Sengelmann die
Für das Fernsehen erkundete Sengelmann die "Tatorte der Reformation".
Zum Beispiel Luthers Schreibstube auf der Wartburg. Foto: MDR/EIKON Nord

Der andere wichtige Punkt sei, dass der Reformator kein Heiliger war. „Vor allem der späte Luther war ein menschenverachtender, judenhassender, furchtbarer Stiesel.“ Sengelmann zieht einen Vergleich ins Heute: „In der ganzen Populismus-Debatte, in der wir Menschen verdammen und sofort wieder hochleben lassen, muss man die Komplexität von Dingen verstehen.“ Und Luther sei eben auch komplex gewesen: Auf der einen Seite, ein Mann, der nach seinem Gewissen im Glauben gelebt hat, der aber trotzdem in anderen Dingen ein furchtbarer Kerl gewesen sei. „Bei Luther muss man auch die Schattenseiten wahrnehmen.“

Sengelmann: "Man muss nicht alles glauben, man kann aber alles wissen."

Da ist Julian Sengelmann dann wieder bei der Komplexität der meisten Dinge, die sich eben nicht in einfache Raster presse ließen. „Man muss nicht alles glauben, man kann aber alles wissen“, schreibt er zu Beginn seines Buches „Feiertag!“ und beschließt es mit diesem Satz. Er findet es wichtig, neugierig zu sein und Sachverhalte komplett erfassen zu wollen. Knappe Antworten auf sehr komplexe Zusammenhänge gebe es nicht.

Er selbst hat sich durch das Buch noch stärker mit den katholischen Feiertagen Allerheiligen und Allerseelen auseinandergesetzt, schließlich gibt es bei den Protestanten keine Heiligen wie bei den Katholiken. Er empfindet eine gewisse „Schönheit“ in der Dopplung der Feiertage. Denn neben den Heiligen und Seligen gebe es „viele namenlose Menschen, die nicht heilig- oder seliggesprochen sind und trotzdem irgendwie Selige oder Heilige im Alltag sind. Das fand ich schön, so zu denken: Es gibt so viel Heldenmut überall und für die Menschen, die Gutes tun, ist das noch einmal eine Art Kollektivfeiertag.“

Das Vorurteil, dass Katholiken besser feiern könnten als Protestanten, will Julian Sengelmann nicht stehen lassen.„Mein Pastor früher hat immer gesagt, wer beten kann, muss auch feiern können.“ Das Abendmahl feiere man ja auch. „Wir sind ja keine Trauerklöße."

 

Sengelmann_Feiertag

 

Julian Sengelmanns Buch "Feiertag! Die Bedeutung unserer christlichen Feste" ist erschienen im Rowohlt Verlag und kostet 10,99 Euro.

 

Dieser Artikel erschien am 29. Oktober 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.