22. September 2017 Mauritius, Emmeram

Reden hilft!

Ali Can nennt sich selbst augenzwinkernd: „Migrant Ihres Vertrauens“ und er telefoniert viel. Er hat die „Hotline für besorgte Bürger“ gegründet. Vor allem will er die erreichen, die Angst haben – vor Flüchtlingen etwa oder dem Islam. Der 23-Jährige ist überzeugt, dass reden hilft.

Ali Can betreibt die
Ali Can betreibt die "Hotline für besorgte Bürger".
Foto: Manfred Eßer

Vor ungefähr einem Jahr, im August 2016, saß Ali Can im Treppenhaus der Gießener Universitätsbibliothek. An diesem Nachmittag hielt er seine erste Sprechstunde an der „Hotline für besorgte Bürger“, er war aufgeregt, denn schließlich wusste er nicht, ob ihn jemand anrufen würde – oder gar wer. Aber er will mit denjenigen reden, die Angst haben: vor dem Islam, vor Flüchtlingen, vor Veränderungen.

Die Idee: „Ein Telefon, an dem man Fragen stellen kann oder auch einfach mal Dampf ablassen“, erzählt Can. Der 23-jährige Student sitzt im Innenhof eines Berliner Cafés, Autos hupen, Baumaschinen rattern, und es scheint mit seinen Gedanken ähnlich zu sein. Er spricht schnell, sein Kopf wirkt erfüllt von Gedanken und einer Vision. Can will die Menschen wieder näher zusammenbringen. Er beobachte, dass sich die Gesellschaft spalte, dass Menschen, die Sorgen haben, nicht zugehört werde. „Ich möchte mit Menschen reden, die sonst das Gefühl haben, dass sie abgestempelt werden und in einer Ecke gesehen werden, in der sie sich nicht wohlfühlen.“

Alis Reise zu Pegida

Seinen ersten Gesprächsversuch startete er Ostern 2016. Ali Can, der mit zweieinhalb Jahren selbst als kurdisch-alevitischer Flüchtling mit seinen Eltern als Asylbewerber nach Deutschland kam, machte sich auf eine Reise in den Osten Deutschlands. Im Februar hatte er das Video gesehen, wie Demonstranten im sächsischen Clausnitz stundenlang einen Bus mit Flüchtlingen vor einem Heim blockierten. „Das hat mich traurig gemacht“, erzählt er rückblickend. Er fährt also hin, mischt sich etwa unter die Pegida-Demonstranten in Dresden, versucht ins Gespräch zu kommen. „Wer bei besorgten Bürgern eine wertschätzende Haltung anstoßen möchte, muss den Demonstranten erst einmal selbst mit Wertschätzung begegnen“, schreibt Can in seinem Buch „Hotline für besorgte Bürger“. Solche Begegnungen seien wichtig, ergänzt er heute. „Aber weil ich nicht jede Woche nach Dresden kann, habe ich gesagt: ‚Ich mach eine Hotline.‘“

Für den Start machte er kaum Werbung, besonders vorbereitet habe er sich nicht. „Ich wusste nur, wichtig ist: Zuhören, Raum geben, Fragen stellen.“ Er will nicht seine Meinung durchdrücken, sondern versuche „zu sensibilisieren, was das Beste ist, das Zielführendste, das Friedlichste“.

Der erste Anruf an der Hotline

Am ersten Tag war dann der erste Anruf tatsächlich der einer Freundin, die sich erkundigen wollte, wie es ihm ginge. Außerdem machte sie ihm Mut, seine Idee als Friedensstifter weiterzuverfolgen. Mittlerweile bekommt er zahlreiche Anrufe und auch E-Mails, bei letzteren helfen ihm Freunde, alles zu beantworten.

Die Telefon-Hotline hat er momentan an zwei Tagen in der Woche geschaltet. Ihn rufen in dieser Zeit tatsächlich oft Pegida-Sympathisanten an, die einmal mit einem Flüchtling sprechen möchten, um bei ihm ihre Sorgen loszuwerden. Oder Ehrenamtliche aus der Flüchtlingshilfe, die Fragen zu ihrem Engagement haben. Can nennt sich deshalb schmunzelnd auch „der Migrant Ihres Vertrauens“.

Angst vor dem Fremden?

In seinem Buch sind einige solcher Gesprächsmitschriften abgedruckt. Dort wird klar, wie er versucht, bei den Anrufern die Gründe ihrer Ängste oder die Motive für das Handeln zu erfragen: „Es geht darum, dass man miteinander redet. Zusammen erörtert man ein Problem.“ Er sieht sich als Brückenbauer in andere gesellschaftliche Kreise. Von solchen Vermittlern müsste es viel mehr geben. Seiner Erfahrung nach sei die Angst vor Flüchtlingen oft eher die Angst vor dem Fremden an sich.

„Wenn wir Leute, die etwas gegen Migranten oder gegen Muslime haben, ablehnen und nicht im Gespräch bleiben, dann werden sie sich zu denen begeben, die wissen, wie man mit solchen Ängsten umgeht“, sagt er und seine Stimme klingt dabei nicht mehr so sanft und weich, sondern ärgerlich. „Manche Demagogen schaffen es, die Nation zu polarisieren und Hass und Angst zu schüren, indem sie pauschal eine ganze Menschengruppe als Gefahr für den Frieden betrachten.“

Muslimische Flüchtlinge hätten viel mit Christen gemeinsam – zusammen mit der Verfassung gebe es „eine ganz gute Basis für ein friedliches Miteinander“. Und Ali Can fügt hinzu: „Man kann mit Wertschätzung viel mehr erreichen, als es am Anfang vielleicht den Eindruck macht. Und wenn viele mitmachen, dann kann man nicht verlieren!“

Zentrum für Respekt

Für dieses Ziel schiebt er die Abschlussprüfungen seines Lehramtsstudiums noch einmal auf. Denn er hat noch weitere Pläne. Ab dem späten Herbst soll im Ruhrgebiet ein
„Zentrum für Respekt“ entstehen. Die Idee entwickelt er mit einem Stifter, sie wollen Menschen schulen, wie sie Respekt verbreiten können.

Immer wieder kommt er darauf zurück, dass die Menschen mehr miteinander reden müssten. Er überlegt kurz: „Jesus hätte an dieser Stelle vielleicht gesagt: Wenn du die Liebe wünschst, dann sei du selbst Liebe.“ Dann zitiert er noch Mahatma Gandhi und es klingt wie ein Lebensmotto von Ali Can: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ Thomas Schnieders

Informationen zur Hotline finden Sie auch unter: www.hotline-besorgte-buerger.de



Ali Can Buch: "Hotline für besorgte Bürger – Antworten vom Asylbewerber Ihres Vertrauens" ist bei Lübbe erschienen. Es kostet 16 Euro.

 

 

 

 

Dieser Artikel erschien am 17. September 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.