22. September 2017 Mauritius, Emmeram

Vom Wert der Erinnerung

Die ehemaligen Konzentrationslager der Nationalsozialisten sind heute Gedenkstätten gegen Hass und Terror. Das KZ Buchenwald war das größte auf deutschem Boden – regelmäßig kommen hier junge Menschen zusammen, um sich für den Erhalt der Erinnerung einzusetzen.

Dana (links) und Angelina arbeiten an Gedenksteinen für getötete Kinder. Foto: Schnieders
Dana (links) und Angelina arbeiten an Gedenksteinen für getötete Kinder. Foto: Schnieders

Ihre linke Hand umschließt den kleinen Meißel ganz fest. Dana setzt dessen Spitze an der geraden Linie des N an, holt mit dem Hammer ein ganz kleines bisschen aus, damit der Meißel nicht verrutscht und schlägt zu. Der Name Ivan ist auf dem Stein vor ihr eingezeichnet. Für ihn fertigt Dana einen Gedenkstein. Für ein Andenken an den Jungen – über 70 Jahre nach seinem Tod. Zusammen mit Angelina steht Dana im Keller der Jugendbegegnungsstätte der Gedenkstätte Konzetrationslagers Buchenwald. Die beiden jungen Frauen gehören zu den 13 Teilnehmern eines Sommerlagers bei Weimar: Zwei Wochen im Juli arbeiteten sie gemeinsam an der Erhaltung der Gedenkanlagen und in Seminaren zur Geschichte Buchenwalds.

In den vergangenen Tagen haben sie gemeinsam Entwässerungsgräben gereinigt, die entlang des „Gedenkwegs Buchenwaldbahn“ führen. Auch an den Gedenksteinen hatten sie draußen gearbeitet, doch schon in der Nacht hat es angefangen zu regnen. Der Regen prasselt an diesem Juli-Dienstag gegen die Fensterscheiben der Gebäude. Auf dem Besucherparkplatz der Gedenkstätte haben sich kleine Seen gebildet, über 130 Liter Regen pro Quadratmeter wird das Portal Wetter.com am Ende des Tages für Weimar gezählt haben.

Das Torgebäude des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar. Foto: Claus Bach, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald
Das Torgebäude des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar.
Foto: Claus Bach, Sammlung Gedenkstatte Buchenwald

Seit über 50 Jahren organisiert die evangelische „Aktion Sühnezeichen – Friedensdienste“ solche Sommerlager wie dieses in Buchenwald, zu dem Dana aus den USA angereist ist und Angelina aus Weißrussland. Das Konzentrationslager Buchenwald war zum Kriegsende das größte auf deutschem Boden. Mehr als 280.000 Menschen wurden hier und in den 139 Außenlagern interniert, mehr als 56.000 überlebten die erlittenen Torturen nicht. Im Juli 1937 mussten Häftlinge aus anderen Konzentrationslagern mit dem Bau nahe Weimar beginnen. Ursprünglich war das Lager für politische Gegner der Nationalsozialisten, Kriminelle, sogenannte Asoziale sowie Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Juden gedacht. Mit Beginn des Kriegs wurden in Buchenwald dann zunehmend Menschen aus anderen Ländern interniert.

Der Versuch, das Elende zu verstehen

Um das Schicksal der Gefangenen geht es während des Sommerlagers immer wieder. Die jungen Männer und Frauen arbeiten nicht nur daran, dass Besucher sicher über die Wege gehen können. Sie sollen viel über die Geschichte der Zeit lernen – und hinterher darüber reden. Diese Reflexion des Erlebten ist Holger Obbarius sehr wichtig. Der Leiter der Jugendbegegnungsstätte sitzt jeden Morgen nach dem Frühstück mit den Teilnehmern zusammen, um die Eindrücke des vorangegangenen Tages zu besprechen.

Am Vortag hatten sie sich den Appellplatz angesehen, auf dem die täglichen und oft demütigenden Zählappelle stattfanden, bei denen Häftlinge manchmal für Stunden still stehen mussten: in der Sonne, in der Kälte, im strömenden Regen. Sie haben Fundamente der Baracken angeschaut und zum Beispiel erfahren, dass es im Lager ein eigenes Bordell gab.

"Jedem das Seine" lautet die zynische Inschrift des
Lagertors.
Foto: Katharina Brand/Gedenkstatte Buchenwald

Dana meldet sich: Sie bewege immer noch, wie viele Menschen auf engstem Raum gelebt haben. „Das waren drei bis vier mal so viele, wie wir in der Gruppe sind. Dazu waren auch noch viele krank.“ Sie wirkt immer noch erschüttert. Und Alina, die aus Hessen kommt und die einzige Deutsche in der Gruppe ist, ergänzt: „Aus dem, was ich in der Schule gelernt habe, dachte ich: Es sei ein menschenverachtendes Gefängnis.“

Jetzt habe sie erfahren, dass es Häftlinge mit Privilegien gab, ein Kino, ein Krankenlager, in dem aber auch Menschen umgebracht worden seien. Sie sagt: „Es war sehr viel schlimmer als ein menschenverach-tendes Gefängnis.“ Holger Obbarius fasst das Perfide an dem System vor der Gruppe so zusammen: „Es war ein System, das nicht für jeden unmittelbar existenzbedrohend war, aber trotzdem ein System, in dem es jederzeit zu Ende sein konnte. Ein System der Willkür.“

Ein System, dessen Lager man absichtlich den Kunstnamen Buchenwald gab. Denn der Name sollte nicht mit der großen Kulturgeschichte der Gegend verbunden werden können. Das Lager erbaute man auf dem Ettersberg, ein paar Kilometer außerhalb von Weimar und im einzigen Waldgebiet der Region.

Der Ettersberg und seine Geschichte

Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar ließ auf dem Ettersberg Anfang des 18. Jahrhunderts ein Schloss errichten. Die Mutter eines seiner Nachfolger, die bekannte Anna Amalia, weilte dort die Sommer über und lud illustre Gäste ein. Von 1776 bis 1781 war die Ettersburg eine Art In-Treff Weimarer Berühmtheiten. Der Dichter Christoph Martin Wieland kam zu den literarisch-musischen Kreisen, und mit ihm der Schriftsteller, Philosoph und Stadtkirchen-Oberpfarrer Johann Gottfried Herder. Johann Wolfgang Goethe war natürlich auch da. Als Anna Amalia längst ein neues Schlösschen für ihre Sommerfrische bevorzugte, vollendete Friedrich Schiller hier seine Maria Stuart.

Mit all dieser Hochkultur sollte ein Straflager nicht in Verbindung stehen. Vor allem, weil für die Nationalsozialisten Goethe und Schiller einen besonders deutschen Geist verkörpern sollte, zu dem ein Konzentrationslager nicht passte.

Die Gedenkstätte erreichen Besucher über die „Blutstraße“, von der ein Teil der Betonstraße original erhalten ist: Die etwa fünf Kilometer lange Zufahrtstraße mussten Häftlinge ausbauen, brutal und erbarmungslos angetrieben von der SS. Von den Häftlingen bekam diese Straße dann den Namen „Blutstraße“.

Parallel dazu verlief seit 1943 eine Bahnlinie, die ebenfalls Häftlinge errichten mussten. Zunächst diente sie dazu, das Lager und die angrenzenden Rüstungsbetriebe zu versorgen. Es gab nicht nur Sonderfahrten, sondern auch einen Linienfahrplan, dessen Züge auch die Bevölkerung benutzen konnte.

Deportation von Kindern

Dieser Bahnhof und die Bahnlinie symbolisieren für Heiko Clajus einen Schrecken, der ihn nicht los lässt. Den von hier deportierten Kindern will er ein Andenken geben. Vor zehn Jahren rief er mit Gleichgesinnten den „Gedenkweg Buchenwaldbahn“ ins Leben. „Wir wollten einen Erinnerungsort für die ermordeten Kinder schaffen“, erklärt er.

Heiko Clajus gehört zu den Initiatoren der
Heiko Clajus gehört zu den Initiatoren der "Gedenkbahn Buchenwald".
Foto: Schnieders

Zwei Jahre habe es gedauert, bis alle Genehmigungen beisammen waren, mit Unterstützung der Stadt Weimar wurde dann die historische Bahntrasse freigelegt. 2.000 Kinder sind von Buchenwald in Vernichtungslager deportiert worden, erzählt Clajus. An jedes deportierte Kind soll erinnert werden – auch er selbst bearbeitet gerade einen Gedenkstein. „247 Steine haben wir bisher geschafft.“ Mit jeder Jugendgruppe, die im Sommer nach Buchenwald kommt, werden es wieder ein paar mehr.

Ab April 1944 erreichten mit zwei Transporten 1.800 Sinti und Roma Buchenwald. Sie kamen aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. und sollten als Arbeitskräfte dienen. Etwa 300 von ihnen, die meisten Kinder und Jugendliche, blieben jedoch auf dem Ettersberg zurück. Noch einmal wurde selektiert und für 200 von ihnen sah man keine Einsatzmöglichkeit. Am 25. September 1944, um 10 Uhr morgens, verließ ein Zug mit fünf Waggons den Bahnhof Buchenwald. Er brachte die Jungen zurück nach Birkenau, der jüngste war gerade neun Jahre alt. Wahrscheinlich entkamen nur zwei von ihnen dem Tod.

Besucher haben Blumen im Krematorium abgelegt. Foto: Schnieders
Besucher haben Blumen im Krematorium abgelegt.
Foto: Schnieders

Bei ihr daheim in den Vereinigten Staaten wüssten ihre Mitschüler wenig über den Zweiten Weltkrieg, erzählt Dana. Die 17-Jährige geht auf die Highschool und hat sich vorgenommen, ihren Mitschülern davon zu berichten. „Ich will Fotos machen und meinen Freunden erstmal erklären, was Buchenwald überhaupt ist.“ Ihr selbst ist der Name des Lagers vertraut, ihre Großeltern leben in Illmenau, gut 40 Kilometer Luftlinie entfernt. „Ich bin mit keinem Nazi verwandt“, erzählt Dana, denn das scheint ihr wichtig zu sein; Spuren hinterließen sie trotzdem.

Die Teilnehmer und ihre eigene Familiengeschichte

„Mein Urgroßvater war im Krieg. Vermutlich ist er in Dresden gestorben, als die Stadt bombardiert wurde. Aber wir wissen wenig ...“ 25.000 Menschen starben bei Angriffen der Alliierten auf die Stadt im Februar 1945. Dana gehört zu einer Generation, die keine Zeitzeugen mehr über den Krieg befragen kann und die nun auf andere Weise die Vergangenheit kennenlernen muss. Neben Dana arbeitet auch Angelina an einem Gedenkstein. Ihr Großvater sei als Kind aus Deutschland nach Weißrussland gekommen. Als sie ihm erzählte, dass sie für zwei Wochen zum Arbeiten nach Deutschland gehe, „da war er stolz“, erzählt sie.

Angelina meißelt den Namen Erno Kurkusz in den Stein – Dana den Namen Ivan Liebermann. Wer die Jungen waren, das sollen die Beiden noch erfahren. Durch die Akribie der Nationalsozialisten ist fast jeder Häftling erfasst worden. Viele Unterlagen stehen deshalb im Archiv zur Verfügung. Dort hat Alina an diesem Morgen recherchiert, was es mit dem Kind auf sich hat, dessen Namen sie dieser Tage in Stein gehauen hat. Wenig hat sie herausgefunden, nur die Eckdaten eines jungen Lebens waren im Archiv verzeichnet: Andreas Klein, geboren 1928, kam von Auschwitz nach Buchenwald und zurück nach Auschwitz. 1944 ist er gestorben. „Das macht traurig“, sagt Alina. „Man redet oft eher allgemein, doch jetzt ist man näher dran. Ich habe seinen Namen in Stein gemeißelt, das ist ein Gefühl, etwas sinnvolles getan zu haben.“

Angelina bearbeitet einen Gedenkstein. Foto: Schnieders
Angelina bearbeitet einen Gedenkstein. Foto: Schnieders

Die kargen Lebensdaten wird sie für die Internetseite des „Gedenkwegs Buchendwaldbahn“ aufbereiten. Wenn Besucher dann den Stein sehen, können sie nachschlagen, wer der Mensch war, an den erinnert wird. „Eigentlich“, sagt Alina, und guckt in den strömenden Regen, „ist dieses Wetter das ideale Wetter um einen solchen Ort wie Buchenwald zu besuchen.“ Sonniges Sommerwetter finde sie irgendwie unpassend, bei 14 Grad und Regen könne sie sich besser in die Stimmung des Ortes hineinversetzen.

Im Archiv suchen Alina (links) und die anderen Teilnehmer nach Lebensdaten einzelner Hälftlinge. Foto: Schnieders
Im Archiv suchen Alina (links) und die anderen
Teilnehmer nach Lebensdaten einzelner Hälftlinge.
Foto: Schnieders

Die Teilnehmer des Sommerlagers erkunden natürlich auch das ehemalige Lager selbst, das heute eine Gedenkstätte mit Ausstellungen ist. Nach der Befreiung des Konzentrationslagers nutzte die sowjetische Geheimpolizei das Lager bis 1950. Auf Beschluss des Politbüros der SED wurden weite Teile des Lagers demontiert und bis 1958 ein Mahnmal errichtet. Ein Gang durch das erhaltene Krematorium lässt erkennen, wie grausam und gleichzeitig eiskalt und effizient das Töten praktiziert wurde. In einem Keller unterhalb wurden die Leichen gesammelt, Haken an den Wänden dienten dazu, noch Lebende aufzuhängen. Man konnte sie so einfacher totprügeln. Ein Lastenaufzug brachte die Toten zu den Öfen.

In einer anderen Baracke auf dem Gelände ist die Genickschussanlage nachgebaut. Ahnungslos kamen die Opfer zu einer vermeintlichen ärztlichen Untersuchung. Sie mussten sich aufstellen, um sich vermessen zu lassen. Hinter der Wand mit dem Metermaß saß ein SS-Mann mit Waffe, durch einen Spalt in der Wand konnte er die Szenerie beobachten. Mit Feststellung der Größe hatte er den perfekten Schusswinkel. Man hatte den Boden sogar rot gestrichen, damit etwaige Blutflecken nicht auffielen und die nächsten Opfer nichts ahnen ließen.

„Man sieht, wie böse der Mensch sein kann“, sagt Alina, die Abiturientin aus Hessen. „Man muss sich unbedingt die schlechten Zeiten ansehen, damit so etwas nicht wieder passiert.“

Thomas Schnieders

Dieser Artikel erschien am 27. August 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.