23. Oktober 2017 Severin von Köln

 

Andi Weiss singt sein Lied

In seinen Liedern verbreitet Andi Weiss Zuversicht und Lust, das Leben zu leben. Von einem, der seine Berufung in der seelsorgerlichen Kraft der Musik sieht.
Von Thomas Schnieders

Andi Weiss sieht in der Musik eine seelsorgerliche Kraft. Foto: Sergej Falk
Andi Weiss sieht in der Musik eine seelsorgerliche Kraft. Foto: Sergej Falk

Andi Weiss schreibt gerade seinen Abschiedsbrief. Es ist ein sonniger Donnerstagmorgen in München-Laim, und er hat erstaunlich gute Laune – nicht nur für diese frühe Uhrzeit. Er hat auch schon angefangen zu packen, sagt er zumindest. Mit seiner Familie ist er aus dem Pfarrhaus schon vor längerer Zeit ausgezogen. Auch sein Tonstudio im Keller könne er nicht mehr zeigen, entschuldigt er sich. Das baue er gerade ab. Er hat sich entschieden, im Herbst die Paul-Gerhardt-Gemeinde zu verlassen. Zeit also auch, sich im Gemeindebrief zu verabschieden.

In diesem Ende wohnt für Andi Weiss auch ein Anfang inne. Einen, den er sich selbst ausgesucht hat. Er will sich auf die Musik konzentrieren können. Seit zehn Jahren singt der 39-Jährige am Klavier eigene Texte vor Publikum. Mehrere CDs hat er schon veröffentlicht. „Ich setze mich mit meinen Fragen ans Klavier“, erzählt er in seinem Büro, das er bald verlassen wird. „Ich finde nicht immer Antworten, aber manche Frage zu stellen, das war für mich oft schon ausreichend.“

Das Leben ist mehr als Sonnenschein

Man merkt seinen Texten an, dass er viel nachdenkt. „Ich weiß, es kommen wieder gute Tage. Drum hör’ nicht auf zu leben, denn Wolken zieh’n vorbei“ – mit diesem Lied beginnt er auch sein aktuelles Konzertprogramm. „Hör’ nicht auf, dein Weg ist dir beschieden. Und Glück entdeckt kein Lebender nur im Sonnenschein.“ Seine schönsten Lieder entstünden dann, erzählt Andi Weiss, „wenn nicht sofort eine Antwort da war oder wenn ich mit Leuten einen Schmerz ausgehalten habe“.

16 Jahre hat er nun in München als Diakon gewirkt und in dieser Zeit natürlich viel erlebt, was ihm nahe gegangen ist; Begegnungen, die er im Nachhinein als gut empfindet, die aber manchmal erzwungen waren. „Wenn Sie am Sterbebett einer krebskranken Frau sitzen, die sehr fromm ist und daran glaubt und darum betet wieder gesund zu werden, und dann stehen Sie am Grab: Da muss man umdenken“, erzählt er. „Denn obwohl sie so fromm ist, scheiterte sie.“

Andi Weiss ist viel auf Tour: er gibt Konzerte in Kirchengemeinden und auf dem Kirchentag. Foto: Mike Sommer
Andi Weiss ist viel auf Tour: er gibt Konzerte in Kirchengemeinden
und auf dem Kirchentag. Foto: Mike Sommer

Er zitiert den Psychotherapeuten Viktor Frankl, der habe einmal von der tragischen Trias gesprochen: „Leid – Schuld – Tod. Diese drei Dinge betreffen jeden Menschen. Jeder Mensch erfährt früher oder später einmal Leid, jeder Mensch macht sich im Leben immer wieder schuldig, und jeder Mensch hat ein zeitlich begrenztes Leben.“

Andi Weiss und sein Herz als Kirchenmann

Es müsse also darum gehen „Leid in Leistung, Schuld in Wiedergutmachung und das Wissen um den eigenen Tod in ein verantwortliches Handeln zu verwandeln.“ Das sei interessant findet Andi Weiss, „weil Glauben nicht bedeutet, nicht sterben zu müssen. Wir können die Gnade Gottes erst erfahren, wenn wir scheitern.“

Erlebnisse und Gedanken wie diese hätten ihn umdenken lassen. „Mein Kirchenmann-Herz ist von der missionarischen doch mehr in eine seelsorgerlich-therapeutische Richtung gegangen.“ Er habe viele Gespräche geführt, hier in seinem Büro, sitzend in den Sesseln vor dem Bücherregal. Vor allem aber am Telefon, denn Anfragen für ein Beratungsgespräch bekommt er durch seine Konzerte aus dem ganzen Land.

Andi Weiss im Hof seiner Münchner Kirchengemeinde. Seine Diakonstelle gibt er auf. Foto: Schnieders
Andi Weiss im Hof seiner Münchner Kirchengemeinde.
Seine Diakonstelle gibt er auf. Foto: Schnieders

„Ich glaube, dass eine therapeutische Kirche, die viel missionarischere Kirche ist.“ Andi Weiss will nicht nur für Menschen singen, sondern sich auch weiter um sie kümmern. Deshalb hat er sich zum Logotherapeuten ausbilden lassen – und will in diesem Bereich weiter arbeiten.

Vielleicht mag es paradox klingen, wenn er sagt: „Das Grund-Urvertrauen, dass es einen Gott gibt, der sich bedingungslos an den Menschen hält, das habe ich nie verloren. Im Gegenteil: Es wurde eher mehr.“ Mit seiner Musik möchte er versuchen, Menschen dieses Grundvertrauen zu schenken, das er selbst hat. In seiner Musik klingt das so: „Wenn dich im Hier und Jetzt dein Mut verlässt, wenn nichts dich stärkt, nichts hält dich fest, sing dein Lied!“ Neben dem Urvertrauen in Gott gelte es, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben – und diese dann zu nutzen.

Jeder Mensch soll seinen eigenen Weg gehen

Oft treffe er Menschen, die kurz vor der Rente stünden – meist seien das übrigens Männer. Sie erzählten von ihrem Leben, und ein immer wiederkehrender Gedanke sei: Hätte ich mich damals doch anders entschieden. Für sich selbst will Andi Weiss nicht den bequemen Weg. Bequem, das hieße in seinem Fall: Weiter als Diakon zu arbeiten und parallel zu komponieren und aufzutreten. Immer auch ein bisschen im Stress zu sein, weil der Hut ganz schön groß sein muss, wollte er Arbeit, Kunst und Familie darunter bekommen.

Der Mensch steht im Mittelpunkt von Andi Weiss' Liedern. Foto: Sergej Falk
Der Mensch steht im Mittelpunkt von
Andi Weiss' Liedern. Foto: Sergej Falk

„Die Möglichkeit, meine Berufung zu leben, ist unbezahlbar und größer als die Sorge, ob das der sachlich richtige Schritt ist. Ich bin optimistisch, dass das Glas am Ende des Tages doch halbvoll ist.“ Und dann fügt er noch lächelnd hinzu: „Ich möchte am Ende nicht in meinem Schaukelstuhl sitzen und denken: Ich habe den bequemeren Weg gewählt, aber es war dummerweise nicht meiner.“

„Summst du erst deine Melodie, verlierst du nicht – verstummst du nie. Bist du bereit? Es ist so weit!“, singt er in seinem Programm. Nicht nur für sein Publikum, sondern es wirkt, als singe er das auch ein bisschen für sich, weil aus einem Abschied ein guter Neuanfang werden soll.

Information:

Andi Weiss hat als Diakon 16 Jahre in München-Laim gewirkt. Am 14. Oktober 2017 feiert er im Theaterzelt „Das Schloss“ in München sein zehnjähriges Jubiläum als Solokünstler, tags darauf seine Verabschiedung in der Gemeinde. Weiss lebt mit Frau und Kind bei München.

Alle aktuellen Konzerttermine finden Sie auf seinen Internetseiten unter www.andi-weiss.de

 

Dieser Artikel erschien am 28. Mai 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.

 

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