24. Juni 2017 Johannes der Täufer

Mehr als eine Suppe

Gut 100 Mahlzeiten gibt die Armenküche in Düsseldorf 
jeden Tag aus. Den Helfern geht es in ihrer Arbeit nicht nur um volle Bäuche. Sie wollen für ihre Gäste persönlich da sein.
Von Thomas Schnieders

Johanna Lochner (links) und Swantje Poschmann gehören zum Team, das regelmäßig die vielen Essen kocht. Foto: Schnieders
Johanna Lochner (links) und Swantje Poschmann gehören zum Team,
das regelmäßig die vielen Essen kocht. Foto: Schnieders

Als Swantje Poschmann um halb eins die Tür öffnet, steht in dem kleinen Innenhof schon ein gutes Dutzend Menschen, ihr Atem dampft in der Kälte. Die Sonne schafft es nicht in diesen kleinen Innenhof des Rathauses, in dem die Düsseldorfer Armenküche ihre Räume hat. Für eine Spende von 50 Cent bekommt hier seit 25 Jahren jeder ein warmes Mittagessen.
Schnell hat sich im Flur der Einrichtung eine Schlange zur Küchentür gebildet, wo das Essen ausgegeben wird. Direkt neben dem Eingang hat Marion Gather ihr Büro, vor dem sogar noch Platz für Waschmaschine und Trockner sein muss. Die Sozialarbeiterin steht im Türrahmen. Während hinter ihr die Maschine gerade schleudert, begrüßt sie jeden Gast einzeln. Viele kommen regelmäßig, mit den meisten duzt sie sich.

Holger Kirchhöfer und Marion Gather helfen schnell. Auch am Telefon.
Holger Kirchhöfer und Marion Gather helfen schnell.
Auch am Telefon. Foto: Schnieders


„Kommst du nachher noch einmal zu mir?“, fragt sie einen Mann. Der nickt, und wendet sich seinem Essen zu. Marion Gather ist eine von zwei Sozialarbeitern, die in der Armenküche arbeiten. Die meisten ihrer Gäste sind obdachlos, ihnen versuchen sie zu helfen. Sie kennen nicht nur die Orte für Notschlafstellen, sondern wissen auch, welche Ansprüche auf Sozialleistungen diese haben. „Essoll ein ganz niederschwelliges Angebot sein“, sagt Gather. Aufzwingen will sie niemandem etwas. Deshalb hängt an der Tür zu ihrem kleinen Büro kein Schild, und schon gar keins auf dem die Wörter „Sozialberatung“ oder „Sprechstunde“ stehen.

Düsseldorf ist reich – trotzdem gibt es viele Arme


Ihre Arbeit sei nötig, findet Gather, die selbst seit 23 Jahren für den privaten Verein arbeitet, der die Armenküche trägt. Jeder achte Düsseldorfer gilt als überschuldet, etwa 8.000 Haushalten haben die Stadtwerke im vergangenen Jahr den Strom gesperrt.
Vor allem beobachtet die Sozialarbeiterin, dass neben Obdachlosen eine andere Gruppe immer häufiger komme: „Es sind alte Menschen, die mit ihrem Geld nicht hinkommen und die sich schämen, Sozialleistungen zu beantragen. Das ist ein Problem, das es früher nicht gab.“

Zum Team der Armenküche in Düsseldorf gehören viele Ehrenamtliche. Foto: Schnieders
Zum Team der Armenküche in Düsseldorf gehören viele Ehrenamtliche. Foto: Schnieders


Um stärker auf deren Not aufmerksam zu machen, engagiert sich die Düsseldorfer Armenküche in einem Initiativkreis, an dem sich beispielsweise auch die Diakonie und die Katholische Arbeiternehmer-Bewegung beteiligen, erklärt Sozialarbeiter Holger Kirchhöfer. Es gebe zudem immer wieder Berichte, dass Ordnungs- oder Sicherheitsdienste Obdachlosen Verwarnungen oder Strafen androhten, um sie vom Weihnachtsmarkt zu vertreiben. Solche Missstände öffentlich zu machen, sieht er als eine seiner Aufgaben: „Obdachlose wehren sich erst einmal nicht“, ist seine Erfahrung.

100 Würstchen – 20 Kilo Rosenkohl

Hier muss niemand verschwinden, sondern kann in Ruhe essen – und zwar so viel er möchte. Seit neun Uhr früh steht Swantje Poschmann dafür mit Johanna Lochner in der Küche. 100 Würstchen haben sie gebraten und Soße für insgesamt 20 Kilo Rosenkohl gemacht; gut 15 Kilo Kartoffeln haben zwei Ehrenamtliche geschält.
Während sich draußen die nächsten Hungrigen sammeln, bekommen die Gäste drinnen den Nachschlag an den Platz gebracht, zusammen mit netten Worten, denn Zeit für einen Plausch soll immer sein. Swantje Poschmann erzählt, dass sie am Heiligabend hier Dienst hatte, ein Tag an dem nicht viele kommen, wie sie sagt. „Da hatte ich Zeit, mich zu ihnen an den Tisch zu setzen und zu reden.“ Natürlich will das nicht jeder, dann lassen Poschmann und ihre Kollegen ihn in Ruhe.

Deftig soll das Essen für die Gäste sein. Schließlich muss es vorhalten. Foto: Schnieders
Deftig soll das Essen für die Gäste sein. Schließlich muss es vorhalten. Foto: Schnieders


Zu viel Druck will auch Marion Gather als Sozialarbeiterin nicht ausüben. Dennoch oder gerade deshalb steht jetzt der Mann in ihrem Büro, den sie gebeten hat, kurz vorbeizukommen. Aus dem Tresor hat Gathers Kollege eben einen Umschlag geholt, in dem verschiedene Dokumente stecken. Sie haben diese für ihn in Verwahrung genommen, eine Ausnahme. Manchmal erfordern besondere Umstände eben auch besondere Maßnahmen, und es ist ein Zeichen für das Vertrauen, das der Mann in sie hat. „Obdachlose werden auch oft bestohlen“, sagt Gather. Ob er sie wieder an sich nehmen wolle? Der Mann bittet Gather, den Umschlag weiter zu verwahren.
Kaum ist der Mann gegangen, steht ein anderer in der Tür. Er kramt Kleingeld aus der Hosentasche, er will ein paar Exemplare der Düsseldorfer Obdachlosenzeitung mitnehmen, als Verkäufer ist er registriert. Zwei Stück nimmt er. Die kann er nun weiterverkaufen und damit etwas Geld verdienen. Marion Gather gibt ihm zum Schutz der Magazine noch eine Plastiktüte mit.
Bis halb drei geben sie täglich in der Armenküche Essen aus. Gather ist überzeugt, dass es den Menschen gut tut, „wenn sie hier nicht als Bettler vor der Tür stehen“. Und Swantje Poschmann ergänzt: „Wir lassen jeden, wie er ist.“ 

Geschichte:

Die Düsseldorfer Armenküche wurde 1992 gegründet. Die Initiative lag unter anderem bei einem Dominikanerpater, auch Vinzentinerinnen engagierten sich. Anfangs lagen die Räume in einem Gymnasium, bis 1993 die Stadt Räume im Rathaus zur Verfügung stellte. Die Armenküche wird von einem Verein getragen, der sich vollständig aus Spenden finanziert.
Informationen auch unter: www.armenkueche.de

Dieser Artikel erschien am 19. Februar 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.