23. Oktober 2017 Severin von Köln

Briefe zum Himmel

Mit Kindern schreibt Marielle Seitz sogenannte Liebensbriefe: Briefe und Zeichnungen an nahestehende Menschen oder Haustiere.

Die Briefe der Kinder stellte Marielle Seitz auf einem Münchner Friedhof aus.
Die Briefe der Kinder stellte Marielle Seitz auf einem Münchner Friedhof aus. Foto: Lothar Schiffler

Nicht nur Erwachsene, auch Kinder sind oft mit dem Tod konfrontiert. Gerade auch die Kleinsten müssten diese Erlebnisse verarbeiten. Sei es, dass die Großeltern sterben oder das geliebte Haustier. 2013 lud deshalb die Kunstpädagogin Marielle Seitz zum ersten Mal Münchner Kinder ein, Briefe an Verstorbene zu schreiben. „Die Erinnerung der Kinder an diese Menschen und Tiere sollte
dies möglich machen.“ Bereits im ersten Jahr schrieben und malten 1.000 Kinder auf transparente Folien. Anschließend wurden ihre Botschaften auf einem Münchner Friedhof ausgestellt.


Dankbarkeit der Kinder


„Es gibt ein großes Bedürfnis bei Kindern, ihre Liebe auszudrücken und sich für Schönes zu bedanken“, sagt Seitz. Das seien nicht die Geschenke von Oma und Opa, sondern gemeinsame Erlebnisse. Alle Briefe, erzählt Seitz, die die Kinder seitdem geschrieben hätten, seien „geprägt von der Hoffnung auf ein Wiedersehen“. Jedes Jahr zu Allerheiligen hat sie das Projekt mittlerweile wiederholt, in ganz Deutschland haben Lehrer schon mit Schülern solche Briefe geschrieben. Ihre Erfahrungen hat Seitz deshalb auch in einem Buch zusammengefasst. Sie macht darin Mut, mit Kindern über den Tod zu sprechen, ohne auf alle Fragen eine Antwort haben zu müssen.
„Briefe, die zum Himmel fliegen“ hat sie das Buch genannt. Der Titel ist eine Metapher für die Briefe und Bilder, die die Kinder für die Verstorbenen schreiben und malen. Ihre Werke sprechen auch zu den Erwachsenen, sagt Seitz, die einige Beispiele in ihrem Buch zeigt. Ein Kind schreibt an seinen Großvater: „Lieber Opa, ich vermisse dich sehr. Und es ist ungewohnt, dass du nicht mehr da bist. Hoffentlich gefällt es dir im Paradies!“ Ein anderes schreibt: „Lieber Tobi, ich vermisse dich sehr. Schade, dass wir nicht mehr Fußball spielen können.“
Diese Worte, oft verziert mit kleinen Bildern, gehen nahe. „Es sind Briefe, die etwas zu sagen haben“, findet Seitz. Im Umgang mit dem Tod, der Trauer und der Sehnsucht nach einem Wiedersehen können „Kinder Lehrmeister sein für unser Leben“. Denn in den Briefen werde klar, was sie sich von Erwachsenen wünschen: „Sie haben ein großes Bedürfnis nach Familie, nach Zusammenleben und danach, Dinge zu teilen. Wir geben es ihnen nur immer weniger.“ Doch man könne Kinder trösten, und das sei wichtig: „Denn, wenn sie das als Kind nicht erlebt haben – woher sollen sie es kennen und später selbst weitergeben?“

In der Münchner Kirche St. Michael wurden die Briefe ebenfalls gezeigt.
In der Münchner Kirche St. Michael wurden die Briefe ebenfalls gezeigt. Foto: Schnieders


Die meisten Kinder seien überzeugt, dass es ein Leben nach dem Tod gebe, die meisten nannten es Himmel, ganz unabhängig davon, ob sie aus einem christlichen, muslimischen oder atheistischen Elternhaus stammten. Diese Erfahrung hat auch Pater Karl Kern gemacht. Der Rektor der St. Michaelskirche in der Münchner Innenstadt engagiert sich für die Idee der „Liebensbriefe“. Im Oktober sind viele Schulklassen in der Kirche zu Gast, sie malen, sie zeichnen und dürfen ihre Werke anschließend an den Gittern der Sei-tenaltäre aufhängen. Gottesdienstbesucher und Touristen bleiben davor stehen, und während draußen vor der Tür das rege Treiben der Haupteinkaufsstraße herrscht, stellen sie ihre Tüten ab und lesen. „Es sind Fragen, die jeden Menschen betreffen, es ist ein interreligiöses Phänomen“, sagt Pater Kern. Vor allem in den Tagen um Allerheiligen und Allerseelen will er ein Gegengewicht setzen zu diesem „Halloween-Quatsch“, wie er sich ausdrückt.


Wie eine Pforte der Barmherzigkeit


Als Papst Franziskus für das vergangene Kirchenjahr das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hatte, habe sie viel darüber nachgedacht, erzählt Seitz noch. „Erst habe ich nicht gewusst, was er meint.“ Aber dann habe sie für sich entdeckt, dass die Briefe zur Erfüllung der „Sieben Werke der Barmherzigkeit“ beitragen, in denen es heißt, man solle Sterbende begleiten und Tote bestatten. „Beim Schreiben und Zeichnen hat sich so was wie eine Pforte der Barmherzigkeit bei den Kindern geöffnet und beim Lesen der Kinderbriefe auch bei den Erwachsenen.“

Die Liebensbriefe der Kinder sind voller Wärme und Herzlichkeit.
Die Liebensbriefe der Kinder sind voller Wärme und
Herzlichkeit. Foto: Schnieders


Dabei wollte Marielle Seitz im Ursprung gar kein religiöses Projekt machen. Sie appelliert an ein spirituelles Grundbedürfnis, das den meisten Menschen innewohnt. Wenn Kinder Trauer erfahren, trage das auch dazu bei, dass sie eigenständige Erwachsene werden. „Kinder sollen weinen erleben können. Erleben, dass man das darf und dann zurück ins Leben findet.“    
Thomas Schnieders

Lesen Sie in unserem Archiv mehr zum Projekt Liebensbriefe in unserem Artikel: Ein Flüstern zum Himmel. Den Text vom 24. Oktober 2014 finden Sie hier.

 

 

Marielle Seitz Buch: Briefe , die zum Himmel fliegen
Marielle Seitz: „Briefe , die zum Himmel fliegen“. Das Buch ist
im Kösel Verlag erschienen und kostet 22,90 Euro.

 

Dieser Artikel erschien am 29. Januar 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.