24. Juni 2017 Johannes der Täufer

Beim Helfen angegriffen

Sie kommen, um zu retten – und werden dabei selbst zu Opfern. Immer öfter begegnen die Helfer von Feuerwehr und Rettungsdiensten in Nordrhein-Westfalen Gewalt und Respektlosigkeit. Welche Erfahrungen machen die Retter, wie gehen sie damit um? Was wird politisch getan, die Situation zu entschärfen?

Von Henning Schoon (Text und Fotos)

2014 und 2016 wurde Björn Mustereit während seines Dienstes angegriffen. Zum Einsatzgebiet des Rettungssanitäters der Malteser gehört auch die Düsseldorfer Altstadt.

Der Knall kam in der 124. Minute. Daran erinnert sich Björn Mustereit noch genau. In dem Moment, als Deutschland 2014 Fußball-Weltmeister wurde und in den Kneipen der Düsseldorfer Altstadt grenzenloser Jubel ausbrach, empfand er nur noch schmerzhafte Stille. Als der hauptamtliche Rettungsassistent eine Patientin mit Kreislaufproblemen behandelte, wurde er mit Böllern beworfen. Ein besonders lauter sogenannter „Polen-Böller“ explodierte eine Armlänge neben seinem Ohr. Die Folge: Er musste wegen einer Innenohrverletzung selbst ins Krankenhaus gebracht und operiert werden. „Der Täter war ein alkoholisierter Mann Ende 40, der vorher auch schon den Rettungswagen beworfen hatte“, sagt Mustereit.Der Böllerwerfer sei anschließend von der Polizei festgenommen worden. Das Gerichtsverfahren laufe noch.

Erneuter Angriff

Im vergangenen Jahr wurde der 29-jährige Malteser dann erneut angegriffen. Diesmal bei einem Krankentransport aus einer Düsseldorfer Wohnung. Die Tür sei zunächst nicht geöffnet worden. Die Retter begegneten dem Patienten, den sie abholen sollten, dann aber doch noch. Im Hausflur kam es zur Eskalation. Mustereit erinnert sich, wie der Mann gerufen habe: Die Retter wären keine Menschen. Er würde jetzt ein Messer holen und sie umbringen. Der Patient, der zu Beginn ruhig war, sei dann plötzlich mit einer Taschenlampe auf Mustereit und seinen Kollegen losgegangen. Er habe auf die Retter eingeschlagen und getreten, während sie durch das Treppenhaus den Rückzug antraten. „Später wollte er noch einen Hammer vom Balkon werfen“, erinnert sich der Rettungsassistent. Aber dazu kam es nicht. Die hinzugerufene Polizei konnte die Lage vorher beruhigen.

Mit seinen Erlebnissen ist Björn Mustereit nicht allein. Wurden 2011 in Nordrhein-Westfalen noch 179 Straftaten gegenüber Feuerwehrleuten und Mitarbeitern aus den Rettungsdiensten angezeigt, so hatte sich die Zahl im Jahr 2015 bereits auf 298 erhöht. Ein Anstieg von mehr als 50 Prozent in vier Jahren. Die Delikte waren vor allem Körperverletzungen: Darunter fallen Schläge oder Attacken mit Flaschen und Messern. Laut Statistik des Landeskriminalamts waren 412 Retter als Opfer betroffen. Die Tendenz: weiter steigend.

Auch bei der Kölner Feuerwehr kennt man das Problem. 2015 spielte Gewalt gegen Feuerwehrleute in etwa 60 Fällen eine Rolle in der Domstadt – eine Zahl, die gemessen an den fast 90.000 im Jahr gefahrenen Einsätzen des Rettungsdienstes zunächst gering erscheint. Doch immer, wenn es zu Übergriffen kommt, hinterlasse das einen hohen Schaden, sagt Jörg Schmidt, Abteilungsleiter für Ausbildung bei der Kölner Feuerwehr. „Es beschäftigt die Mitarbeiter, weil es letztendlich einen Wertekonflikt mit ihrem Selbstverständnis gibt“, stellt Schmidt fest. Die Retter führen mit dem Ideal in die Einsätze, „einer von den Guten“ zu sein, der in Notlagen zur Hilfe komme. Es liege grundsätzlich erstmal fern, mit diesem Anliegen angegriffen zu werden.

Jörg Schmidt leitet die Abteilung Ausbildung bei der Kölner Feuerwehr. Er engagiert sich auch auf Bundesebene für die Belange von Feuerwehrleuten.

Michael Meichsner, der als katholischer Feuerwehrseelsorger in Köln in ständigem Austausch mit seinen Kollegen steht, berichtet Ähnliches: „Man ist aufs Helfen eingestellt. Wenn das dann umgedreht wird, wenn man angegriffen wird, löst das höchste Irritation aus. Dieser Spagat frisst ziemlich an den Leuten.“

Kein Respekt

Die Ursache für die Angriffe sehen Betroffene wie Björn Mustereit vor allem in zunehmender Respektlosigkeit. „Die Gesellschaft entwickelt sich dahin, dass es nur noch ein ‚Ich-Denken‘ gibt. Man wird ignoranter und undankbarer“, meint Mustereit. Beschimpfungen im Dienst erlebe er in der Düsseldorfer Altstadt immer öfter. Aus allen Altersgruppen und Schichten, von Frauen und Männern gleichermaßen. Die aggressive Stimmung könne dann schnell in Handgreiflichkeiten umschlagen. „Man setzt uns manchmal auch mit der Polizei gleich. Das sind die Grenzen, die mittlerweile verschwimmen“, sagt der Rettungsassistent.

Dass der Respekt vor Repräsentanten des Staates gefallen sei, stellt auch Feuerwehrmann Schmidt fest. „Besonders in der Gruppe und unter Alkohol traut man sich heute mehr, als man das früher tat“, sagt Jörg Schmidt. Das gelte vor allem für Partymeilen und Veranstaltungen. Eine von ihnen ist die „Sessionseröffnung“, der Auftakt des Kölner Karnevals am 11. November. Alicia Marquardt und Jakob Tribula, beide Studenten und ehrenamtliche Rettungssanitäter bei den Maltesern in Köln, werden zum Einsatz gerufen. Über den Heumarkt, wo Hunderte Jecken in Kostümen ausgelassen feiern, bahnen sie sich ihren Weg zur Haltestelle. Dort wurde über Funk eine „hilflose Person“ angekündigt.

Agressionspotenzial Alkohol

Mit Rotweinflasche in der Hand finden Marquardt und Tribula den etwa 50-jährigen Mann vor, der nicht mehr aufstehen kann. Nur eine gute Armlänge neben ihm rauschen die Räder der Straßenbahn vorbei. Langsam nähern sich beide ihrem Patienten, obwohl grölende Jugendliche im Gorillakostüm auf sie zukommen. Sie wollen sich zu dem stark Betrunkenen setzen, um die Aufmerksamkeit der Malteser zu bekommen. Doch diese lassen sich nicht darauf ein. Die Lage entspannt sich. Durch das ruhige Verhalten der Retter und den freundlichen Hinweis, dass sie nun dem Mann helfen müssten, verlieren die Jugendlichen schnell das Interesse. Sie gehen einfach weiter. Auch der betrunkene Mann lässt sich bereitwillig hochziehen und im warmen Zelt der Malteser versorgen.

Was aber, wenn er oder die „Gorillas“ nicht so friedlich gewesen wären? Alicia Marquardt vertraue in solchen Momenten auf die Polizei, die an Karneval immer mit einem Großaufgebot vor Ort sei. Diese komme sehr schnell zur Hilfe, wenn sie angefordert werde. Aber auch das richtige Verhalten der Retter könne aus der Sicht von Marquardt dazu beitragen, Gewaltbereitschaft zu entschärfen. „Ich denke, wenn man sich freundlich verhält, gibt man auch nicht viel Angriffspotenzial“, sagt Marquardt. Sie habe in ihrer Ausbildung schon an einem Deeskalationstraining teilgenommen. Dort lernen Rettungskräfte unter anderem, wie sie durch eine zurückhaltende Körpersprache und die bedachte Wortwahl gegenüber Patienten und Passanten aggressives Verhalten befrieden können.

Jakob Tribula und Alicia Marquardt begleiteten den Einsatz der Malteser am 11. November, dem Beginn der Karnevalszeit, in Köln. Sie betreuten Betrunkene und versorgten Verletzte während der Großveranstaltung in der Altstadt.

Wenn Deeskalation nicht hilft und es zu Angriffen kommt, werden die Retter zu Opfern. Das ist auch die Erfahrung von Björn Mustereit. Obwohl er sich nach dem Angriff im Treppenhaus nicht traumatisiert fühlte, nahm er psychologische Hilfe in Anspruch. Das gehöre für ihn zu einem professionellen Umgang als hauptamtlicher Rettungsassistent. „Man weiß ja nicht, ob man nicht doch Hilfe braucht“, sagt Mustereit. Man könne seine Lage selbst schlecht einschätzen.

Bei der Feuerwehr in Köln gibt es für solche Fälle einen jederzeit alarmierbaren Bereitschaftsdienst, die Psychosoziale Unterstützung (PSU). „Es gibt Mitarbeiter, die vom Ganzen so schockiert waren, dass sie danach eine Unterstützung brauchen, um wieder mit einem gewissen Vertrauen in den Einsatz zu gehen“, sagt Feuerwehrausbilder Jörg Schmidt. Speziell geschulte Kollegen betrachten dann gemeinsam mit den Betroffenen das Erlebte und bieten Entlastungsgespräche an. Wenn nötig, vermitteln sie die Hilfe von Ärzten und Psychologen. Auch die evangelische und katholische Feuerwehrseelsorge haben ein offenes Ohr.

In der Politik rückt das Thema „Gewalt gegen Einsatzkräfte“ ebenfalls auf die Tagesordnung. Das zuständige Innenministerium in Nordrhein-Westfalen beobachte die Situation mit Sorge, sagt Pressesprecher Jörg Rademacher. Man möchte die Einsatzkräfte zukünftig noch besser schützen. Für ihn sei es völlig inakzeptabel, wenn Retter etwa bei der Erstversorgung von Patienten angegriffen werden. „Wir wollen das nicht hinnehmen. Straftaten werden konsequent verfolgt“, sagt Rademacher.

In diese Richtung geht auch eine Gesetzes initiative, die von Nordrhein-Westfalen im Dezember 2016 in den Bundesrat eingebracht wurde. Zukünftig solle eine gegenüber dem Gemeinwohl feindliche oder gleichgültige Haltung, „wie sie insbesondere in Taten zum Nachteil von Amtsträgern, in Notlagen Hilfeleistenden oder ehrenamtlich Tätigen zum Ausdruck kommen kann“, bei der Strafzumessung stärker gewichtet werden, heißt es in der Gesetzesvorlage. „Respekt ist nichts, was man staatlich anordnen kann. Aber man kann Respekt auch mit den Mitteln des Strafrechts verteidigen“, sagte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in ihrer Rede vor dem Bundesrat. Bundesjustizminister Heiko Maas fordert hingegen, einen neuen Tatbestand ins Strafgesetzbuch aufzunehmen, der neben der Polizei auch Rettungskräfte schützen soll. Nach schweren Angriffen solle es eine Mindestfreiheitsstrafen von sechs Monaten geben, kündigte Maas an.

Feuerwehrseelsorger Michael Meichsner
Michael Meichsner ist Gemeindereferent und katholischer Feuerwehrseelsorger in Köln. Er schaut regelmäßig auf den elf Feuerwachen im Stadtgebiet vorbei und nimmt auch an Einsätzen teil. Meichsner bietet Gespräche an, wenn die Kollegen Hilfe benötigen.

Verschärfung der Strafen

Von Strafverschärfungen hält Rettungsassistent Björn Mustereit allerdings wenig. Er würde es begrüßen, wenn man die bestehenden Regelungen konsequenter anwende. Denn schon heute sehe das Gesetz Strafen bis zu fünf Jahren vor. Diese würden aber nur selten verhängt. In zukünftige Einsätze gehe Mustereit ohne Angst, aber mit einer gewissen Vorsicht. „Man ist sensibilisiert und guckt sich schon vorsichtiger um, wenn man an den Einsatzort kommt. Die Wahrnehmung des Umfelds ist intensiver geworden“, sagt er. Trotz der beiden Angriffe gebe ihm sein Beruf aber viel zurück. Björn Mustereit ist gerne Rettungsassistent. Er könne sich mit der Grundhaltung identifizieren, die die Malteser auszeichne: Selbstlose Hilfe, wo sie nötig sei. Denn das ist für ihn immer noch die größte Motivation: „Ich möchte anderen helfen. Das gibt der Gesellschaft etwas.“

Dieser Artikel erschien am 8. Januar 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.