24. Juni 2017 Johannes der Täufer

Ein Flüstern zum Himmel

 

Wer Kinder vor Tod und Trauer schützen will, tut ihnen nichts Gutes. Davon ist Marielle Seitz überzeugt. Deshalb hat sie die „Liebensbriefe“ entwickelt, Kinder und Erwachsene schreiben einen Brief an Verstorbene. Anrührende Dokumente sind entstanden und Seitz hat erfahren: Fast jedes Kind glaubt, dass es einen Himmel gibt. Und, dass es dort schön ist.

Von Thomas Schnieders

Marielle Seitz schreibt mit Kindern Briefe an Verstorbene. Zu Allerheiligen stellte sie die Werke in der Müncher Kirche St. Michael aus. Foto: Schnieders
Marielle Seitz schreibt mit Kindern Briefe an Verstorbene. Zu Allerheiligen stellte sie die Werke in der
Müncher Kirche St. Michael aus. Foto: Schnieders

Es war vor einigen Jahren im Italien Urlaub: Marielle Seitz wollte ein paar Lebensmittel einkaufen und wurde im Einkaufszentrum Zeugin eines blutigen Spektakels. 200 bis 300 Menschen feierten dort Halloween, die Kinder waren verkleidet und auf einer Bühne stand ein Junge. Immer wieder hieb er mit einer Axt auf seinen Arm ein, das Theaterblut spritzte zu allen Seiten. Der Arm war aus Gummi und ihm angebunden worden, doch dieses Erlebnis lässt die Kunstpädagogin bis heute nicht los. „Ich fand es schrecklich und peinlich. Ich dachte: So muss es in der Hölle sein!“

Es sei laut gewesen, erzählt sie. „Ich kann mir vorstellen, dass Kinder davon Alpträume bekommen.“ Denn kleine Kinder könnten noch nicht unterscheiden, was Spiel ist, und was Wirklichkeit. „Kinder erleben so eine falsche Realität und das ist schlecht“, sagt Seitz. Ihr war sofort klar, dass sie diesem „Halloween-Konsum-Terror“ etwas entgegensetzen will. So entstanden ihre Liebensbriefe, eine Wortschöpfung aus Liebesbriefe und Briefe an das Leben. 2013 nahmen etwa tausend Kinder aus 21 Münchner Einrichtungen teil, die ihre Werke anschließend anonym auf einem Friedhof ausstellten. Durch die transparenten Briefbögen konnte die Sonne scheinen, Regen perlte ab und wenn sie im Aufwind leise raschelten, war es, als würden sie leise zum Himmel flüstern. „Und warum sollte man keinen Brief in den Himmel schicken können?“, fragt Seitz.

Liebesbriefe an Verstorbene

Der Tod gehört zum Leben. Das ist der Gedanke, der hinter Seitz‘ Projekt steht. „Jedes Kind hat einmal etwas mit Tod erlebt“, sagt sie. Den Tod des Großvaters oder des Haustiers, auch den Verlust des Kucheltieres zählt sie dazu. Deshalb dürfe auch dieser Bestandteil des Lebens nicht von ihnen ferngehalten werden. „Kinder haben viele Fragen zum Tod“, sie müssten sie stellen dürfen. „Man kann Kinder nicht unter einer Glasglocke halten, sie müssen das Leben lernen.“ Der Tod, kritisiert Seitz, „spielt im realen Leben keine Rolle mehr. Oft wird im Krankenhaus in einer Besenkammer gestorben. Da zündet dann keiner eine Kerze an.“ Sie klingt traurig. „Es macht den Menschen aus, dass wir uns mit dem Tod beschäftigen können, und Rituale entwickelt haben. Und auch Kinder haben Bedürfnisse, auch sie trauern.“

Die transparenten Folien, die Marielle Seitz für die Arbeiten ausgesucht hat, benutzen normalerweise Blinde, um auf ihnen zu schreiben und zu malen. Diese werden auf eine Moosgummiunterlage gelegt und mit einem weißen Stift drücken die Kinder ihre Botschaft hinein, meist ist es ein Bild. „Kinder drücken sich in Zeichnungen aus wie wir mit dem Alphabet“, sagt Seitz. Entstanden sind so Tausende durchsichtiger Briefe, die berührend Zeugnis geben aus der Lebenswelt der Kinder. Ein Mädchen habe sich bei einer Maus entschuldigt, die von ihrer Katze gefressen wurde, erzählt Seitz. Ein anderes schrieb an seine Tante: „Ich kann dich nicht mehr sehen, aber ich kann an dich denken.“

Liebensbrief eines Kinder
Liebensbrief von Kinder. Foto: Schnieders

Es sei hochspannend, berichtet die Kunstpädagogin, dass für 95 Prozent der teilnehmenden Kinder klar war, dass es einen Himmel gibt. Und das dies auch ein schöner Ort sei. Die restlichen äußerten die Hoffnung, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Diese Beobachtung gilt nicht nur für christliche erzogene Kinder, auch für Kinder aus muslimischen und atheistischen Elternhäusern.

Im Zeichnen liegt eine besondere Möglichkeit sich auszudrücken, sagt Seitz, die ein Institut für Kreativität und Pädagogik in München betreibt. Gleichzeitig hätten alle Kinder ähnlich universelle Bilder für ihre Briefe gefunden: Schmetterlinge, Blumen, Vögel, die Sonne. Die Fantasie aller sei angeregt worden, ähnlich wie in den überlieferten Märchen, die auch immer sinnbildlich eine Lebenswelt darstellen. Glaube – Liebe – Hoffnung – diesen biblischen Dreiklang konnte Seitz aus allen Schreiben herauslesen. „Für Kinder ist das kein Quatsch“, fügt sie hinzu.

Für Erwachsene auch nicht: viele Lehrer machten mit, die Anfragen aus Kirchengemeinden wachsen und auch Seitz hat ihren eigenen Liebensbrief zwischen alle anderen gehängt. Ihr Projekt will sie weiter in die Welt tragen, es gab schon Anfragen aus anderen Teilen Deutschlands. Ihr Traum ist eine Austellung auf dem Petersplatz in Rom, zwischen den berühmten Bernini-Säulen. Auch dort soll einmal ein leises Flüstern gen Himmel zu hören sein, wenn die Folien im Wind rauschen.

Weitere Informationen zu den Liebensbriefen von Marielle Seitz finden Sie unter: www.liebensbriefe.de

Marielle Seitz hat über die Liebensbriefe einen Buch geschrieben: "Briefe, die zum Himmel fliegen - Trauerhilfe für Kinder". Lesen Sie mehr dazu hier in unserem Archiv.

 

Dieser Artikel erschien am 26. Oktober 2014 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.