21. November 2017 Johannes von Meißen

Die Welt, mit der wir leben

Peru ist eines der wald- und artenreichsten Länder der Welt. Doch durch Abholzung, Bergbau und Ölförderung sind die Natur und damit der Lebensraum der indigenen Ureinwohner bedroht. Birgit Weiler hilft ihnen, ihre Rechte durchzusetzen.
Die Natur sei so schön, dass man sie auch schützen müsse. Nicht jedem gefällt das.

Von Thomas Schnieders

DIe Idylle trügt: Zahlreiche Flüsse in Peru sind verseucht. Foto: Adveniat/Escher
DIe Idylle trügt: Zahlreiche Flüsse in Peru sind verseucht.
Foto: Adveniat/Jürgen Escher

Wenn Birgit Weiler über den Amazonas fährt, den wasserreichsten Fluss der Erde, genießt sie die vielen Pflanzen, die Tiere – sie sieht, wie bunt die Natur hier in Peru sein kann. „Wenn man unterwegs ist, dann ist das wie eine Betrachtung von Schönheit. Das macht auch demütig. Es lässt mich die eigene Kleinheit spüren, im positiven Sinne“, erzählt sie. Die Missionsärztliche Schwester ist in den Wochen vor Weihnachten in Deutschland unterwegs und berichtet von ihrem Leben in dem Anden-Staat.

Die 58-Jährige begleitet an der Jesuitenhochschule in der Hauptstadt Lima indigene Studierende. Auf deutsch würde man den Studiengang, in dem sie tätig ist, Umweltmanagement nennen. Aber dahinter stecke mehr: Es gehe darum, zu überlegen, welche Bereiche des Lebens auch für die Umwelt eine Rolle spielten. Allerdings, sagt Weiler, gibt es in Südamerika den Begriff „Umwelt“ nicht in dem Sinne, wie wir Europäer ihn benutzen.

Traditionelle Lebensweisen

„Umwelt ist die Welt, mit der wir leben. Sie ist kein Objekt.“ Die Natur ist also direkter Bestandteil des Lebens. Denn die indigenen Völker sind in ihrer traditionellen Lebensweise eng mit der Natur verbunden: In Peru lernen bei den Wampi etwa die Jungen das Jagen von ihren Vätern bei Streifzügen durch den Regenwald; Mütter lehren ihren Töchtern Gartenarbeit. Die mit ihnen eng verwandten Awajún leben im Amazonasgebiet vom Fischen, der Jagd und sie sammeln Wildpflanzen.

„Es gibt bei den indigenen Völkern die Vision vom guten Leben“, erklärt Missionsschwester Birgit Weiler. „Das ist kein Masterplan, sondern eher ein Horizont auf den man hinarbeitet. In Europa wird der Begriff anders gedeutet – aber damit ist kein Wellness-Gedanke für einen selber gemeint!“ Vielmehr gehe es um die Erkenntnis, dass alles mit einander in Beziehung stehe: Mit der Gemeinschaft, mit der Umwelt und in Verbindung zu einem selbst.

Abwägen zwischen Natur und Wirtschaft

Die Studierenden, mit denen Weiler arbeitet, sollen nach ihrem Abschluss in der Lage sein, Unternehmen und die Regierung in Umweltfragen zu beraten. Dabei kann es etwa um die Vergabe von Abbaurechten im Erdöl- und Bergbau- sektor gehen. „Wir betreiben eine angewandte Forschung, wir sitzen nicht im Elfenbeinturm“, sagt sie. „Wir wollen uns in die gesellschaftliche Debatte einbringen, mit Aspekten, die sonst nicht bedacht werden.“ Es geht um eine Abwägung zwischen dem Nutzen, den wirtschaftliche Investitionen bringen können und mögliche langfristige Risiken für die Natur.

Das Team um Birgit Weiler an der Jesuiten-Hochschule in Lima berät auch indigene Dorfgemeinschaften, die vor genau diesen Fragen stehen. In Peru sei es zwar so, dass das Land zwar Einzelnen gehören könne, die darin liegenden Bodenschätze fielen allerdings dem Staat zu, erklärt sie. Durch eine Übereinkunft der Vereinten Nationen ist Peru jedoch verpflichtet, die Lebensräume der Ureinwohner zu schützen und sie entsprechend vor der Vergabe von Schürfrechten anzuhören.

Birgit Weiler kämpft für die Rechte der Indigen in Peru. Foto:Adveniat/Jürgen Escher
Birgit Weiler kämpft für die Rechte der Indigen in Peru. Foto: Adveniat/Jürgen Escher

Birgit Weiler setzt sich dafür ein, dass dies immer auch geschieht, und dass am Ende die Bewohner eine Entscheidung fällen können, für die sie alle Fakten kennen. „Die Menschen wenden sich an die Kirche, weil sie ihr vertrauen“, sagt sie. Man habe auch schon runde Tische mit Experten gebildet, damit diese die betroffenen Einwohner begleiten. Oft würden die Unternehmen im Vorfeld mit neuen Arbeitsplätzen für die Region werben, wo es meist keine Fabriken gibt. Doch Weiler ist skeptisch: Zu oft hätten Unternehmen dann doch ihre eigenen Leute mitgebracht, Bewohner selbst würden nur für untere Tätigkeiten angestellt. Auch, weil die meisten eben nicht über die nötige Ausbildung verfügten.

Schmutzkampagnen

Die 58-Jährige Ordensfrau hat die Erfahrung gemacht, dass Unternehmen zu oft mit falschen Informationen versuchten, Menschen auf ihre Seite zu ziehen. Manchmal würden sogar Indigene bezahlt, um ihr Umfeld von einer Investition zu überzeugen und Gefahren klein zu reden. Außerdem werde verunglimpft – Weiler selbst stand zwei Mal im Fadenkreuz, berichtet sie. „Richtige Schmutzkampagnen“ seien das gewesen; Kollegen hätten sogar schon Probleme gehabt, ihr Visum zu verlängern. In diesem Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen bewegen sich ihr Team und sie, deren Arbeit vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat gefördert wird, und für das traditionell in den katholischen Weihnachtsgottesdiensten gesammelt wird. Sie wollten versuchen, den Indigenen eine objektive Entscheidung zu ermöglichen. „Wirtschaftliche Investitionen sind nicht immer schlecht“, sagt Birgit Weiler.

Aus eigener Erfahrung

Aber sie können eben doch gravierende Folgen haben. Weiler weiß aus eigener Erfahrung, wie die Schwerindustrie in das Leben der Anwohner eindringt, wenn zum Beispiel der Bergbau das Unterste einer Gegend nach oben kehrt: Die 58-Jährige ist in Duisburg aufgewachsen, einer Stadt, die bis heute von der Stahlindustrie geprägt ist. Dort wie im ganzen Ruhrgebiet hatte man in der Zeit des Wirtschaftswunders noch nicht den Blick für den Umweltschutz, den man heute hat. „Wenn die Mutter am Montag gewaschen hat, dann mussten wir Kinder immer mit Acht geben. Wenn gerade ein Hochofen angestochen wurde, dann musste die Wäsche schnell rein, sonst wäre sie voller Ruß gewesen.“ Schon in ihrer Kindheit habe sie gelernt, achtsam zu sein. Erst wegen der Wäsche, dann auch wegen der Natur und der Umwelt, die Schöpfung. Daraus entstamme ja das Leben, denkt sie, deshalb sei die Schöpfung so schützenswert.

Schon als Jugendliche habe sie der Gedanke der Befreiungstheologie beeindruckt, der den Armen eine Stimme geben will. „Die Kirche ist gerufen, Dienst an den Menschen zu tun, nicht nur für Christen“, sagt sie. Sie versteht ihr Engagement deshalb als direkte Nachfolge im Dienste Jesu. Als Ordensfrau der Missionsärztlichen Schwester wolle sie den Weg Jesu nachgehen. „Jesus hatte den Menschen als Ganzes im Blick und auch die Beziehungen unter den Menschen. „Weil Jesus für die Armen gelebt hat, heißt das ja nicht, dass anderen seine Liebe nicht galt.

Der Einsatz für Arme“, sagt Birgit Weiler, die Ordensschwester, „muss vereinbar sein mit dem Schutz der Erde. Damit sie ein Haus für alle bleibt.“

 

Stichwort:

Peru ist nach Brasilien und Argentinien das drittgrößte Land Südamerikas. Damit ist es etwa doppelt so groß wie Frankreich, hat aber nur halb so viele Einwohner, nämlich 30 Millionen, von denen 90 Prozent katholisch sind. In Peru gibt es drei verschiedene Landschaftszonen mit jeweils unterschiedlichen klimatischen Bedingungen: Das Hochland, die Küste und den Regenwald, der etwa 60 Prozent des Staatsgebietes ausmacht.

Die Wirtschaft ist stark auf den Export von Bodenschätzen ausgelegt, in erster Linie aus dem Bereich Bergbau, ein kleinerer Teil Erdöl.

Die Hauptstadt Perus ist Lima, deren Altstadt noch aus der
spanischen Kolonialzeit stammt und zum Weltkulturerbe der Vereinten Nationen gehört.

 

Dieser Artikel erschien am 25. Dezember 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.

Lesen Sie zu diesem Thema auch das Porträt über Ernestina López Bac. Sie setzt sich in ihrer Heimat Guatemala für die Rechte der Indigenen ein: „Damit wir auf Augenhöhe sind"