21. November 2017 Johannes von Meißen

Unter die Haut gekrochen

Als vor drei Jahren ihr Bruder tödlich verunglückte, geriet Bärbel Schäfers Weltbild ins Wanken. In dieser existenziellen Krise fragte sich die Journalistin, ob es eine höhere Macht gibt. Darüber hat sie mit „Ist da oben jemand?“ ein anrührendes Buch geschrieben.

Bärbel Schäfer verarbeitet in ihrem Buch den Tod ihres Bruders.
Bärbel Schäfer verarbeitet in ihrem Buch den Tod ihres Bruders. Foto: Anja Jahn

Am 15. Oktober vor drei Jahren klingelt der Tod an Bärbel Schäfers Tür. Zwei Polizisten überbringen ihr die Nachricht, dass ihr Bruder Martin auf der Autobahn tödlich verunglückt ist. Es ist der zweite Mensch, den sie so verliert. Vor vielen Jahren ist ihr damaliger Lebensgefährte ebenfalls bei einem Autounfall umgekommen. Die Polizisten lassen sie schließlich mit ihrem Mann alleine. „Die Haustür fällt ins Schloss, und nichts ist mehr, wie es war.“ So schreibt sie es in ihrem Buch „Ist da oben jemand?“, in dem sie sehr offen und emotional über den Tod ihres Bruders spricht. In der Bewältigung ihrer Trauer fragt sie sich als Atheistin, ob es nicht doch einen Gott gibt. Sie beginnt zu suchen, mit gläubigen Freunden zusammen, auch davon handelt ihr Buch.

In den 1990er-Jahren wurde die gebürtige Bremerin durch Fernsehsendungen im Dritten Programm und später etwas durch Talkshows im Privatfernsehen bekannt, heute moderiert sie unter anderem eine Sonntagssendung im Radio auf hr3. Bärbel Schäfer ist protestantisch erzogen worden. Ihr Vater war ein gläubiger Mensch, arbeitete bei Kirchentagen mit, bei den Großeltern gab es noch das Tischgebet. Vor der Hochzeit mit ihrem jüdischen Ehemann konvertierte sie zum Judentum. Doch der Funke des Glaubens ist bei ihr nie übergesprungen. „Mich hat das nicht berührt. Aber in einer existenziellen Krise stellt sich schon die Frage, ob ich da einen stärkeren Halt finden kann“, sagt sie fast auf den Tag genau drei Jahre nach dem Tod ihres kleinen Bruders.

Bärbel Schäfer hat ein Schmerzfenster geöffnet

Die 52-Jährige sitzt in der Kantine des Hessischen Rundfunks in Frankfurt, vor sich einen Becher Kaffee, neben sich eine schwarze Tasche, mit den Dingen, die sie für den anstehenden Arbeitstag braucht. Sie wirkt nordisch-kontrolliert, doch während sie über den Verlust ihres Bruders spricht, wird ihre Stimme weicher, auch leiser. Sie hat ihre Erlebnisse aufgeschrieben, „weil ich sonst implodiert wäre mit dem Schmerz“. Deshalb hat sie sich entschieden, das öffentlich zu machen, weil es viele Menschen gebe, die mit dem Schmerz herumliefen. „Ich wollte den Leser mitnehmen auf meine Trauerreise. Ich bin über meinen Schatten gesprungen, dass ich dieses Schmerzfenster geöffnet habe. Aber der Tod wird oft tabuisiert, darüber wird nicht so viel gesprochen.“

„Religion war mir nie ein Anker, nie Geleit durchs Leben. Gott nie eine Option. (...) Irgendwie habe ich es nie geschafft, an ihn zu glauben“, schreibt sie in ihrem Buch. Sie ist darin sehr offen und lässt sich so tief in die Seele schauen. Als Leser fühlt man sich wie ein neugieriger Beobachter, der das Buch zur Seite legen möchte, dann aber doch weiterliest, weil es so bewegend geschrieben ist. Schäfer beschreibt, wie sie die Nähe zu verschiedenen Erlebnissen sucht, die sie zuvor nicht kannte: Sie besuchte die Mitternachtsmesse der katholischen Kirche, ein „Haus des Schweigens“, eine Moschee und trug mehrere Tage ein Kopftuch: Sie wollte wissen, wie es sich anfühlt, damit in die Öffentlichkeit zu gehen. Die misstrauischen Blicke werde sie nicht vergessen. Sie habe versucht, sagt sie, sich der Religion zu öffnen.

Bärbel Schäfer auf der Frankfurter Buchmesse 2016.
Bärbel Schäfer auf der Frankfurter Buchmesse 2016. Foto: Schnieders

„Ich dachte, ich weiß viel über das Leben. Ich bin Mutter, Ehefrau, Journalistin, ich bin all diese Rollen. Aber keine Schwester mehr zu sein – und ich war gern die große Schwes-ter – das ist schwer“, sagt Bärbel Schäfer nachdenklich, während um sie herum die Kollegen mit ihren Kaffeetassen klappern. „Mir ist der Tod unter die Haut gekrochen. Wir sind jetzt Gezeichnete, die durch das Leben gehen müssen.“

Glück ist nicht beständig

Zu ihren Lesungen, erzählt Schäfer, kämen oft Menschen, die selbst schmerzliche Verluste erlitten hätten. „Mit der Heftigkeit der Reaktionen habe ich nicht gerechnet“, berichtet sie. „Mal nimmt man jemanden in den Arm, aber dass Menschen bei der Lesung weinen, das überrascht und berührt mich. Oft ist es so, dass sie bei der Gelegenheit überhaupt das erste Mal über ihre Traurigkeit gesprochen haben.“

Ihre eigene Traurigkeit hat auch drei Jahre nach dem Unfall des jüngeren Bruders nicht aufgehört, zumal sie binnen Jahresfrist auch ihren Vater verloren hat. Die Verluste seien wie „Verkrustungen auf der Haut. Sie bluten nicht mehr so schnell, aber es wird nie vorbei sein. Der Tod ist mir unter die Haut gekrochen“, sagt sie noch einmal. „Ich weiß heute, dass Glück nicht beständig ist. Und ich nehme Dinge bewusster wahr.“

In ihrem Buch „Ist da oben jemand?“ lädt sie ein, sich der eigenen Trauer zu stellen und anderen Menschen in dieser Zeit beizustehen. Schäfer berichtet, wie der Glaube vielen Menschen Mut und Trost spendet. Sie selbst habe darin keinen Halt gefunden, obgleich sie Religionen neugierig gegenüberstehe. Bis heute hadert sie mit dem Tod: „Für mich bleibt der Tod sinnlos, bleibt der Tod willkürlich. Wenn der Tod einen Sinn hat, dann vielleicht den, das Leben stärker wahrzunehmen.“

 

Thomas Schnieders

 

Information:


Bärbel Schäfer:
"Ist da oben jemand?
-Weil das Leben kein
Spaziergang ist,

Gütersloher Verlagshaus,
19,99 Euro. Link zum Verlag

 
Bärbel Schäfer stellt ihr Buch bei verschiedenen Lesungen vor:

14.11.2016, 19:30 Uhr: Thalia Buchhandlung, Peine

30.11.2016, 20:00 Uhr: Stadt- und Schulbibliothek, Kelsterbach

31.01.2017, 19:30 Uhr: Medienforum des Bistums Essen, Essen

13.02.2017, 19:30 Uhr: Stadtbücherei, Korbach

06.04.2017, 19:30 Uhr, Stadtbibliothek, Ilmenau

26.09.2017, 20:00 Uhr, Forum der Sebastian Grundschule, Rosendahl

 

Dieser Artikel erschien am 20. November 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.


Dieser Artikel ist Teil der Themenwoche "Mein Gott." - einer Aktion katholischer Medien unter Federführung des km. katholischer Medienverband.

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