21. November 2017 Johannes von Meißen

Die Toten und die Lebenden

100 Jahre ist die Schlacht um Verdun her, als sich deutsche und französische Truppen im Ersten Weltkrieg gegenüber standen. Dieser Krieg hat die Landschaft unseres Nachbarlandesgeprägt. An vielen Stellen sind Bombentrichter zu sehen, viele Kriegsgräberstätten zeugen von den Toten beider Seiten.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge kümmert sich um die Friedhöfe, seine Arbeit hört auch im 21. Jahrhundert noch nicht auf.

Von Thomas Schnieders

Das Gebeinhaus von Douaumont bei Verdun ist die Ruhestätte von 130.000 Soldaten. 14.000 Grabstätten bilden davor einen großen Friedhof.
Das Gebeinhaus von Douaumont bei Verdun ist die Ruhestätte von 130.000 Soldaten.
14.000 Grabstätten bilden davor einen großen Friedhof. Foto: Schnieders

 

46 Meter reckt sich der Turm in die Höhe, der auch ein Kreuz sein könnte, oder ein Schwert, das ein Soldat mit Kraft in den Boden gerammt hat. Das Gebeinhaus Douaumont ist von weitem zu sehen, es steht auf einer Anhöhe, nachts ist es wie ein Leuchtturm, der über die Felder der Umgebung strahlt. Nur weist er nicht Schiffen den Weg durch das Meer, sondern zeigt an, wo die Toten liegen.

Knochen von etwa 130.000 Soldaten aus dem ersten Weltkrieg, Franzosen, aber auch zahllose Deutsche – verteilt auf 52 Grabkammern, so viele wie es Frontabschnitte im Ersten Weltkrieg bei der Schlacht von Verdun gab. Davor noch einmal über 14.000 Grabfelder, tote Franzosen, laut Inschrift gestorben für das Vaterland.

Auch nachts nicht allein auf dem Douaumont

Der Ort Verdun, der etwa 15 Autominuten von Gebeinhaus und Friedhof enfernt liegt, steht für eines der blutigsten Kapitel des „Großen Krieges“, wie die Franzosen den Ersten Weltkrieg nennen. Von Februar bis kurz vor Weihnachten 1916 standen sich hier deutsche und französische Truppen gegenüber, man versuchte sich gegenseitig sturmreif zu schießen, um den jeweils eigenen Truppen den Durchstoß zu ermöglichen. Dieser brutale Stellungskrieg verwandelte zwar die Gegend in eine Kraterlandschaft, doch am Frontverlauf hatte sich fast nichts geändert.

Wer will, kann den Turm des Gebeinhauses erklimmen und in die Landschaft schauen, die heute wieder grün ist. Von hier oben werfen nachts Scheinwerfer ihr blau-weiß-rotes Licht über den Friedhof, die Toten sollen nicht im Dunklen sein, sagt man.

Es ist aber auch möglich, das 137 Meter lange Bauwerk zu umrunden, wer in die Knie geht, kann durch trübe Milchglasfenster die Überreste der Toten sehen. Plötzlich grinst ein Totenschädel hindurch; die Toten in den Gruften sind namenlos. „Die Knochen der Toten sind über- und nebeneinander gestapelt. Deutsche und Franzosen durcheinander, man konnte eben viele nicht mehr identifizieren“, sagt Diego Voigt.

An diesem sonnigen Herbstmorgen führt der Landesgeschäftsführer des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Rheinland-Pfalz eine Gruppe von Bundeswehrsoldaten über den Soldatenfriedhof bei Verdun. Er versammelt sie zu Fuße der Treppen, die hoch zu dem Monument führen, am Übergang zwischen Friedhof und Gebeinhaus. Hier in etwa standen fast auf den Tag genau vor 22 Jahren, am 22. September 1984, Helmut Kohl und François Mitterand nebeneinander. An dem damals kalten Tag gedachten sie gemeinsam der Toten. Während ein Mann auf der Trompete spielte, fassten sich plötzlich der deutsche Bundeskanzler und der französische Staatspräsident an den Händen. Mitterand soll die Hand ausgestreckt, Kohl sie dankbar ergriffen haben. Für den Journalisten und ehemaligen Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert hatte diese Geste „als politisches Symbol das gleiche Gewicht wie der Kniefall von Willy Brandt in Warschau“.

Zerstörungen so groß wie Dänemark

„Die Deutschen haben im Ersten Weltkrieg eine Fläche von der Größe Dänemarks zerstört“, sagt Voigt wenig später knapp zwei Kilometer enfernt vor dem Eingang des Fort
Douaumont. Es gilt als stärkstes Werk des äußeren Fortgürtels in Frankreich, sie sollten als Bollwerke gegen vorrückende Feinde dienen. Das Mauerwerk aus Kalksandstein ist mittlerweile von Gras bewachsen, doch die Bombeneinschläge sind noch zu sehen. Das Fort entstand ab 1885, knapp 900 Mann Besatzung sollten hier untergebracht werden, später wurde es noch mit Beton verstärkt, trotzdem eroberten es 1915 deutsche Soldaten. Wer durch die eisenre Schutztür das Innere des Baus betritt, verliert nicht nur das Netz für sein Mobiltelefon, sondern auch schnell die Orientierung. Kühl ist es, feucht außerdem, die Gänge sind eng, leise.

Das Fort Douaumont entstand ab 1885.
Das Fort Douaumont
entstand ab 1885.
Foto: Schnieders

„Das war natürlich früher nicht so“, sagt Voigt. Er versammelt die Soldatengruppe im Gang und hebt eine Metallplatte hoch. „Es herrschte eine ohrenbetäubende Lautstärke. Ständig rieselte Staub von der Decke“, erklärt er und lässt die Platte zu Boden sausen. Der lange, schmale Gang verstärkt das Scheppern, die Gruppe zuckt zusammen, das Echo hält sich einige Sekunden in der Luft und bleibt als Ahnung hängen, wie laut es hier unter feindlichem Beschuss gewesen sein könnte.

„Am 8. Mai 1916 passierte um vier Uhr früh ein Unglück“, erzählt Voigt nun, die Gruppe ist etwas weiter gegangen, der Gang öffnet sich zu einem Raum, rechts, an der Querseite Blumengestecke und ein Kreuz. „Der Eingang des Forts lag auf französischer Seite. Alles drängelte also, um schnell hereinzukommen. Ein Soldat muss dabei eine Stielhandgranate fallen gelassen haben.“ Die Explosion war schon schlimm genug, erklärt er. Aber schlimmer noch war, was danach passierte: Die Soldaten begannen zu denken, die Franzosen seien in die Anlage eingedrungen. „Deutsche schossen auf Deutsche, und dann ist das Munitionslager explodiert. Über 1.000 Soldaten starben. Aus Zeitgründen wurden 679 von ihnen direkt innerhalb des Forts bestattet. Als die Franzosen die Verteidungsanlage zurückeroberten, ließen sie die Toten ruhen. „Der Friedhof ist heute ein Zeichen für die Aussöhnung“, sagt Voigt.

679 Soldaten sind auf dem deutschen Friedhof im Fort Douaumont begraben. Foto: Schnieders
679 Soldaten sind auf dem deutschen Friedhof im Fort
Douaumont begraben. Foto: Schnieders

Wie viel überwunden werden musste von beiden Seiten, um so etwas wie Aussöhnung zu erreichen, zeigt ein Besuch wieder ein paar Kilometer entfernt vom Fort und dem Ort, an dem vor gut hundert Jahren das Dorf Vauqouis stand, das es heute an anderer Stelle wieder gibt. Ab September 1914 schlugen auf dieser Anhöhe deutsche Soldaten ihr Lager auf, von da an wurde die Anhöhe zu einem umkämpften Beobachtungsposten. Heute ist er eine Kraterlandschaft, bedeckt mit saftigem Grün. Es sind Bombentrichter, zehn bis 20 Meter breit. Ein Rundkurs ist für Besucher abgesteckt. In der Mitte, steckt ein kleines Schild: Dort stand die Dorfkirche.

Gegenseitig in Luft sprengen

„Man trieb hier Stollen in die Erde“, erklärt Gerd Krause, er ist Geschäftsführer des bayerischen Landesverbandes des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. „Stollen, um sie dann in die Luft zu sprengen. Weil man sich oben nicht vertreiben konnte, haben es Deutsche und Franzosen von unten versucht“, sagt er und zeigt auf einen besonders großen Trichter: „Das war die größte Sprengung der Deutschen. 60 Tausend Kilo Sprengstoff hat man in die Luft gejagt, es gab über 100 Tote.“ Krause bereist seit vielen Jahren die Orte des Kriegsgeschehens für den Volksbund, trotz der vielen Stätten, die er schon gesehen hat, klingt er auch hier fassungslos über die Grausamkeit, die Kriege an den Tag legen können. „Man hat fast den kompletten Berg in die Luft gejagt.“

Auf der Anhöhe stand vor dem Ersten Weltkrieg das Dorf Vauqouis.
Auf der Anhöhe stand vor dem Ersten Weltkrieg das Dorf Vauqouis. Foto: Schnieders

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge unterhält zur Zeit nach eigenen Angaben 832 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten. Die letzten Ruhestätten von 2,5 Millionen Kriegstoten werden so betreut, nicht nur jene aus den beiden Weltkriegen, sondern etwa auch aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und der Deutsch-Dänischen Kriege von 1848/51 und 1864. Der Verein kümmert sich um diese Gräber seit 1954 im Auftrag der Bundesregierung, finanziert sich aber zu etwa 70 Prozent aus Spenden. Im Ausland sucht und sichert er immer noch Grabstätten und birgt gefallene Soldaten. In erster Linie ist dies im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Erst seit deren Ende könne der Volksbund dort arbeiten, erklärt Thomas Schock. 20 Jahre war er „für den Volksbund draußen“, wie er sagt. Er arbeitete als Umbetter, organisierte die Bergung und dann die Umbettung Gefallener vor Ort, etwa in Polen und Estland.

Im Feld begraben

„15 bis 20.000 Tote haben wir allein dieses Jahr geborgen“, berichtet Schock. Man erreicht ihn momentan am Telefon, er kehrt in diesen Tagen nach Deutschland zurück und übernimmt die Leitung des Umbettungsdienstes beim Volksbund. Viele deutsche Gräber findet man durch Aufzeichnung in alten Unterlagen über den Zweiten Weltkrieg. „Der Vormarsch der Wehrmacht ist meist ordentlich dokumentiert.“ Dadurch könne rekonstruiert werden, wo man früher tote Kameraden bestattet hat. Auf dem Rückzug seien viele aber auch einfach im Feld bestattet worden, teilweise in Massengräbern. Doch nicht jeder Tote könne identifiziert werden, weil nicht jeder eine Erkennungsmarke bei sich habe, erklärt Schock. Er erzählt von einem Fund bei Stalingrad: Dort hätten Leute eine Datscha-Siedlung bauen wollen. Als sie die ersten Baugruben aushoben, seien sie auf ein Massengrab gestoßen. Im kommenden Jahr sollen die Toten geborgen werden. Sie werden dann in Russland bestattet. Grundsätzlich werden die Gefallenen nicht nach Deutschland zurückgeführt.

Regelmäßig finden Gedenkfeiern zur Umbettung toter Soldaten statt wie hier nahe Stettin.
Regelmäßig finden Gedenkfeiern zur Umbettung toter
Soldaten statt wie hier nahe Stettin. Foto: Volksbund/Schock

Natürlich würden die Zahlen deren sinken, die sie bergen. Andererseits: „In Ländern wie Serbien oder Bosnien-Herzegovina arbeiten wir noch gar nicht. Dazu müssen noch Abkommen zwischen den Staaten geschlossen werden, dann werden wir auch dort anfangen mit unserer Arbeit.“ Die Länder auf dem Balkan, die noch gezeichnet sind von den Jugoslawienkriegen, beginnen erst jetzt, diesen Teil ihrer Geschichte aufzuarbeiten. Mit seiner Arbeit will Thomas Schock zum Frieden beitragen. Der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer sagte einst: „Die Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens.“

Gräber predigen Frieden

Der Einsatz für den Frieden sei ein immens wichtiges Ziel. Deshalb veranstalten die Landesverbände des Volksbundes Jugendlager, in denen Jugendliche aus verschiedenen Ländern zusammen arbeiten, sich aber vor allem kennenlernen sollen. Aber die „Verankerung in der Fläche“ sei schwierig, gibt Gerd Krause zu. Die Jugend sei nicht so leicht zu erreichen. Der bayerische Landesverband versuche mit Schulen zusammenzuarbeiten, seit fast 40 Jahren gebe man jedes Jahr eine Handreichung für Pädagogen heraus. Darin finden sich dann Materialien zur Geschichte, auch Feldpostbriefe.

Die nationale Gedenkstätte
Die nationale Gedenkstätte "Mémorial de Verdun" erinnert an das Leid der Schlacht
im Ersten Weltkrieg. Foto: Schnieders

Aber auch die Angebote für die mittlere Generation müssten ausgebaut werden, sagt Krause. In Zeiten der sozialen Netzwerke werde dies nicht grundsätzlich einfacher, gibt Thomas Schock, der Referatsleiter in Kassel zu bedenken. „Es ist so, dass wir einen Teil dort nicht erreichen“, sagt er. Er meint diejenigen, die sich nicht offen mit der Geschichte auseinander setzen wollten. Es sei eben leicht, sich auch im Internet nur mit denen auszutauschen, die ähnliche Ansichten haben, wie man selbst.

Alle Sinne ansprechen wollen die Ausstellungsmacher im „Mémorial de Verdun“, der französischen Gedenkstätte. 1967 eröffnet, wurde sie zwischen 2013 und 2016 grundlegend renoviert und neu konzeptioniert. Besucher können die Ausstellung ohne vorgegebenen Rundweg durchstreifen. Wer das Museum betritt, findet sich im Halbdunkeln wieder, die Exponate sind schwach beleuchtet, es dauert einen Moment, sich daran zu gewöhnen. Von überall her kommen Geräusche. Düstere Musik, Bombeneinschläge sind zu hören, Fetzen von Filmen. Es dröhnt von allen Seiten – auch daran muss man sich als Besucher gewöhnen. Ähnlich, wenngleich lauter, muss es im Schlachtfeld bei Verdun gewesen sein. Das Zentrum der Ausstellung auf zwei Etagen bilden übereinander gestapelte Leinwände, auf ihnen laufen Bilder und Filmsequenzen zur Verdun-Schlacht ab. Landschaftsaufnahmen wechseln sich ab mit Soldaten in Uniform, fotografiert oder gemalt. In Sitzecken sind Hörstationen eingelassen. Auch auf Deutsch werden Lebensgeschichten und Feldpostbriefe vorgelesen. An anderer Stelle ist ein Stück eines Schlachtfeldes nachgebaut, es ist schwierig über diese Form einer Buckelpiste zu laufen. Vor 100 Jahren wäre das hier aber keine Nachbildung aus Hartplastik gewesen, sondern Schlamm.

Eine Videoinstallation steht im Zentrum der Gedenkausstellung im
Eine Videoinstallation steht im Zentrum der Gedenkausstellung im "Mémorial de Verdun".
Foto: Schnieders

Vor allem die Dokumente von Zeitzeugen, gesprochen oder geschrieben, sind schwer zu ertragen, dazu das diffuse Licht, die vielen Geräusche. Die Ausstellung in Verdun soll den Besuchern nahe gehen und tut es auch. Am Ende geht man durch eine Tür, es eröffnet sich ein großer, heller und leerer Raum. Als sich der Doppelflügel der Tür schließt, ist es plötzlich ganz ruhig. Kein Ton dringt herein. Eine Etage höher hat man eine Aussichtsplattform eingerichtet. Man sieht von ihr hinüber zum monumentalen Gebeinhaus Douaumont. Mittlerweile wächst hier wieder ein Wald, doch am Straßenrand warnen noch immer Schilder, den Weg nicht zu verlassen. Im Boden, zwischen den Sträuchern und Bäumen, könnten noch immer scharfe Metallteile oder Minen lauern.

 

Lesen Sie dazu auch: "Das Schlachthaus ist grün" – Eine Reise zu Schauplätzen des Ersten Weltkriegs im Elsass und den Vogesen.

Weitere Informationen zum Mémorial de Verdun erhalten Sie hier (deutsch).

Weitere Informationen zur Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge erhalten Sie hier. Auf den Internetseiten finden Sie auch Informationen zu vergangenen Gedenkfeiern im Rahmen von Umbettungen. In einer Datenbank können Sie nach Gräbern vermisster Angehöriger suchen.

 

Dieser Artikel erschien am 6. November 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.