21. November 2017 Johannes von Meißen

 

Leben mit Anker

Über eine Million Erwachsene stehen in Deutschland unter rechtlicher Betreuung. Ein Vormund entscheidet dann für sie – in ihrem Sinne.

Bei der rechtlichen Betreuung soll ein Vormund im Sinne des Klienten entscheiden.
Bei der rechtlichen Betreuung soll ein Vormund im Sinne des Klienten entscheiden.
Foto: Schnieders

Zwölf Seiten Papier, die wimmeln vor Ausdrücken wie: Knappschaftsrente, Unterhaltsvorschussgesetz und Pflegeversicherungsschutz: Justyna Kowalska dreht ratlos den Stift zwischen ihren Fingern. Sie blickt etwas ratlos auf den Wust aus Recyclingpapier mit den klein gedruckten Wörtern und den freien Flächen, in denen sie etwas eintragen soll. Maria Krammel sitzt daneben: „Es sieht ein bisschen so aus, als wäre ich die Klientin und nicht Betreuerin. Aber ich will, dass sie möglichst viel erst mal alleine versucht. Ich helfe dabei.“ Krammel ist der rechtliche Vormund von Justyna Kowalska, die mit ihren 32 Jahren momentan nicht einmal einen neuen Handyvertrag mit ihrer Unterschrift bestätigen darf.

Hilfe, als es nicht mehr ging

„Ich bin krank“, sagt Kowalska. „Ich habe eine Posttraumatische Belastungsstörung und Depressionen.“ Vor zwei Jahren erlitt sie einen Zusammenbruch. Dabei stand sie, wie man das gemeinhin sagt, irgendwie mitten im Leben. Sie hat in Polen Abitur gemacht, vor acht Jahren kam sie nach Deutschland. Sie war eine 24-Stunden-Altenpflegerin, im Haus bei fremden Menschen, immer zur Stelle. Erst im Rheinland, dann in Hamburg, später in München. Sie habe das gern gemacht, sagt sie. Keine Freizeit war kein Problem: Sie sei harte Arbeit von Kindesbeinen an gewöhnt, immer für andere da gewesen. Doch dann: Psychiatrische Klinik, sie hat sich selbst eingewiesen. Irgendwann war sie wieder draußen, ein Jahr später wieder drinnen. „Es ging nicht mehr, ich konnte nicht mehr.“ Heute sagt sie: „Es geht mir jetzt viel besser, es geht mir gut.“

Das hat viel mit Sozialpädagogin Krammel vom Sozialdienst katholischer Frauen in München zu tun. Vor einem Jahr haben die Ärzte im Krankenhaus ihrer Patientin geraten, eine rechtliche Betreuung zu beantragen, also eine Person, die sich um Angelegenheiten kümmert, die man selbst in einer solchen Situation nicht schafft. Ein Gericht hat Krammel dann zu ihrem Vormund gemacht. Sorge, dass jemand zu sehr in ihr Privatleben eindringt, hatte sie nicht. „Wenn ich das Angebot bekomme, dann nehme ich jede Hilfe an. Ich kann mich jetzt ganz auf mich konzentrieren und, dass es mir besser geht.“

Das deutsche Recht nimmt nicht automatisch die nächsten Angehörigen in die Pflicht, sich zu kümmern. Die Entscheidung über Wohl und Weh eines Menschen fällt nicht automatisch der Ehefrau, dem Lebenspartner oder den Kindern zu. Im Idealfall hat man selbst irgendwann festgelegt, wer im eigenen Sinne handeln soll, was Gesundheit, Betreuung und Finanzen angeht. Doch allein eine Patientenverfügung, die nur am Lebensende greift, hat nur jeder vierte Deutsche verfasst. Wenn es nichts Schriftliches gibt, dann muss die Justiz einen gesetzlichen Betreuer berufen.

Wie bei Justyna Kowalska. Seit einem Jahr ist sie Grammels Klientin, einmal im Monat treffen sie sich. Kennengelernt haben sie sich noch im Krankenhaus: „Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl“, sagt sie. Krammel hat sich sofort um sie gekümmert, denn Kowalska drohte die Wohnung zu verlieren, weil kein Geld mehr auf dem Konto war. „Sie war sehr bemitleidenswert“, sagt die Sozialpädagogin leise, während sich Kowalska noch einmal über den Antrag beugt.

Wie ein freundlicher Schatten sitzt Krammel am Tisch. Ihre Hände liegen im Schoß, während die ihrer Klientin ausladende Bewegungen durch die Büroluft machen, um dann kurz innezuhalten, nur um noch größer zu werden: „Frau Krammel ist für mich ein Anker. Ich kann es mir leisten, dass ich auch mal etwas nicht schaffe.“

Der Sozialdienst katholischer Frauen in München unterhält wie viele Träger einen Betreuungsverein.
Der Sozialdienst katholischer Frauen in München unterhält wie viele Träger einen Betreuungsverein.
Foto: Jan Roeder/SkF München

Justyna Kowalska meint damit nicht, dass sie sich entspannt zurücklehnen kann und sie sich um nichts mehr kümmern muss. Im Gegenteil: Sie könne sich so viel besser darauf konzentrieren, gesund zu werden. Dass sie einen Vormund hat, soll nur vorübergehend sein, drei bis vier Jahre hätten die Ärzte gesagt, bis diese Krankheit sie nicht mehr beherrscht. Sie hat sich selbst um das Zimmer in der therapeutischen Wohngemeinschaft gekümmert, in dem sie nun wohnt, und aus dem sie bald in eine andere WG ziehen will, wo es ihr besser gefällt. Nicht an einer Hauptstraße, sondern mehr im Grünen. Krammel nickt stumm und anerkennend. Wie eine gütige Grundschullehrerin, die zusehen kann, wie das Mündel erwachsen wird.

Ziel: Selbstständig sein

„Ich lerne, dass ich wichtig bin. Das ist neu für mich“, sagt Justyna Kowalska später, nach dem für sie anstrengenden Termin mit der Betreuerin und dem Gewusel der U-Bahn. Sie steigt am „Sendlinger Tor“ im Herzen Münchens um, geschmeidig wie eine Katze windet sie sich zwischen den anderen Fahr-gästen hindurch, strafft die Schultern und schlüpft auf die Rolltreppe nach oben. Fast regungslos, nur ihre Augen fokussieren das Ende, wo jeden Moment die Bahn einfahren kann, die sie in ihre Wohngemeinschaft bringt, die kein Zuhause geworden ist.

Trotz mancher Rückschläge, an Tagen, an denen sie nicht wisse, warum sie aufstehen solle, hat sie Pläne: Sie will nicht aufgeben, ihr neues Zuhause zu suchen, das vielleicht zur Heimat werden könnte. Nach dem Umzug, will sie ein Praktikum machen, zu Anfang drei Stunden am Tag, mehr geht noch nicht, sie muss sich wieder gewöhnen. Sekretariatsaufgaben vielleicht. Und irgendwann wieder Vollzeit ist ihr Ziel. Frei über sich selbst alles allein zu entscheiden.

„Und eine Katze will ich haben. In einer WG geht das nicht.“ Dieser Wunsch ist bisher nur Tattoo, nicht Wirklichkeit. Sie trägt eine aufrecht sitzende Katze hinter dem linken Ohr. „Mit einer Katze“, sagt sie, „bin ich nicht so allein.“

Thomas Schnieders

Dieser Artikel erschien am 18. September 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.