21. November 2017 Johannes von Meißen

 

Gesehen werden auf dem Katholikentag in Leipzig

 

Fünf Tage lang war Leipzig der Mittelpunkt der deutschen Glaubenswelt. Der 100. Katholikentag war zu Gast in der sächsischen Stadt.

Unter dem Leitspruch „Seht, da ist der Mensch“ diskutierten, feierten und beteten Zehntausende Gläubige in einer der am stärksten säkularisierten
Regionen Europas.

Von Jutta M. Kalbhenn und Thomas Schnieders

 

 

 

Katholiken trafen sich Ende Mai 2016 zum Katholikentag in Leipzig.
Ende Mai trafen sich etwa 40.000 Gläubige zum Katholikentag in Leipzig. Foto: Katholikentag

„What happens here“ – „Was passiert hier gerade?“ Der junge Austauschstudent wartet am Leipziger Augus-tusplatz eigentlich gerade auf die Straßenbahn und ist irritiert über die Menschenmasse, die sich an diesem Fronleichnamstag vor der Oper versammelt hat. Fast alle haben brennende Kerzen in der Hand, ein Chor singt und dezenter Weihrauchgeruch zieht über die Menschen hinweg. Die Frau, die er anspricht, versucht zu erklären, was das hier nun ist: Der Katholikentag und dieser wohl katholischste Feiertag, an dem der realen Gegenwart Christi in Brot und Wein gedacht wird. Während der Hamburger Erzbischof Stefan Heße gerade die Monstranz vorbeiträgt, steigt der Student irritiert lächelnd in die Straßenbahn.

Katholikentag stand unter dem Motto: Seht, da ist der Mensch

Unter dem Motto „Seht, da ist der Mensch“ versammelten sich über das Fronleichnamswochenende Zehntausende Gläubige in Leipzig. Zu den 34.000 Dauerteilnehmern kamen noch einige Tausend Gäste mit Tageskarten hinzu. Viel war im Vorfeld über die Entscheidung diskutiert worden, den Katholikentag in einer Stadt zu veranstalten, in der nur vier Prozent der Einwohner katholisch sind und die zu einer der am stärksten säkularisierten Landstriche Europas gehört. Auch ums Geld wurde gestritten, und erst nach langem Hin und Her genehmigte der Stadtrat einen Zuschuss für die Veranstaltungen in Höhe von einer Million Euro.

Um auch möglichst viele kirchenferne Leipziger anzusprechen, stellten die Veranstalter des Zentralkomitees deutscher Katholiken (ZdK) unter dem Thema „Leben mit und ohne Gott“ eine Veranstaltungsreihe zusammen, die frei zugänglich war – neben allen Veranstaltungen unter freiem Himmel.

Die Wise Guys spielten vor 15.000 Menschen beim Katholikentag in Leipzig am 27.Mai 2016
Das Konzert der Wise Guys war ein Höhepunkt des
100. Katholikentages. Foto: Katholikentag

 

Dazu zählten viele ethische Fragestellungen, wie zum Beispiel über die Würde eines Menschen am Ende seines Lebens. Schwester Beatrix Lewe erzählte aus ihrem Alltag als Leiterin des Hospizes Villa Auguste in Leipzig. Wer ins Hospiz gehe, entscheide sich bewusst dafür, hier zu sterben. Sie und ihre Mitarbeiter versuchten bewusst einen „Raum für die Seele“ zu schaffen, der die Möglichkeit biete, Abschied zu nehmen.

„Es ist die Zeit eines Wendepunktes im Leben, wo der Mensch nicht allein sein möchte“, sagte sie und ergänzte: „Der Mensch möchte ernst genommen werden, auch in seinem Schmerz.“

Vor allem Ärzte hätten hier oft nicht die nötige Sensibilität, berichtete Pfarrerin Andrea Biskupski, die in Leipzig als Krankenhausseelsorgerin tätig ist. Ihr gegenüber werde gelegentlich der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe geäußert, also der Gabe eines lebensverkürzenden Mittels. Sie höre von vielen, auch Alten, den Satz: „‚Ich bin nur eine Last.‘ Es beschämt mich, weil uns nicht zugetraut wird, einen Sterbenden würdevoll zu begleiten. Die Patienten fühlen sich oft allein.“ Ein Seelsorger könne sie von dieser Angst oft entlasten. „Ich bin dankbar, dass ich durch Gespräche oft einen Suizidwunsch abwenden kann.“

Wandelbare Psyche

Bei der Suizidberatung ginge es in der Regel um Prävention, erklärte Gita Neumann vom Humanistischen Verband, der selbst auch Hospize betreibt. „Wir müssen Menschen in Not Alternativen bieten, denn es sind vor allem die Hochbetagten und diejenigen mit vielen Gebrechen, bei denen der Sterbewunsch sehr ausgeprägt ist.“ Dieser Wunsch sei bei vielen sehr präsent, aber eben auch sehr variabel, sagte der Philosophie-Professor Andreas Trampota. „Unsere Psyche ist sehr wandelbar. Man muss das Verlangen sehr ernst nehmen, aber man muss es auffangen.“ Alle Teilnehmer sprachen sich dafür aus, Patientenverfügungen zu erstellen, mit denen Ärzte und Angehörige den Willen eines Patienten ergründen könnten, wenn dieser selbst nicht mehr in der Lage ist, ihn zu äußern.

"Viele Konflikte unserer Zeit sind Wertekonflikte" - Alois Glück in Leipzig

Wie in dieser Veranstaltung ging es in vielen der über tausend Veranstaltungen um grundsätzliche Fragen des menschlichen Zusammenlebens. So etwa auch unter dem Thema „Jenseits von Eden gut leben – Welchen gemeinsamen Nenner braucht unsere Gesellschaft?“

„Viele Konflikte unserer Zeit sind Wertekonflikte“, sagte Alois Glück, der von 2009 bis 2015 ZdK-Präsident und lange Mitglied des Bayerischen Landtages war. Er rief dazu auf, mehr Offenheit zu wagen: „Menschen, die die Erfahrung machen, dass sie nicht erwünscht sind, werden sich nicht integrieren.“

Katholiken sollen ohne Angst in die Gesellschaft gehen

Die Grünen-Politikerin Bettina Jarasch warb dafür, dass Religion auch öffentlich gelebt werden solle. „Zur Religionsfreiheit gehört auch die Freiheit zur Religionskritik, das ist anstrengend, aber wir als Katholiken müssen ohne Angst in diese Gesellschaft gehen.“ Mit dem Fremdsein müsse man umgehen, als Herausforderung für jeden Einzelnen, aber zum Wohle aller.

Die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke) verband ihren Einsatz mit einem Bibelwort: „‚Einer trage des anderen Last.‘ Das wird von einer Politikerin aus dem Osten und von den Linken oft als Provokation empfunden. Aber so stellt sich die getaufte und konfirmierte Christin die Gesellschaft vor.“

Bundespräsident Joachim Gauck eröffnete den 100. Katholikentag. Auch viele andere Bundespolitiker kamen nach Leipzig.
Bundespräsident Joachim Gauck eröffnete den 100. Katholikentag.
Auch viele andere Bundespolitiker kamen nach Leipzig.
Foto: Katholikentag

Klimagerechtigkeit war ebenfalls ein weiteres großes Thema auf dem Katholikentag. „Nachhaltigkeitsziele und Pariser Abkommen. Und jetzt?“, lautete der Titel einer gut besuchten Diskussion zum Thema. „Der Schrei der Schöpfung ist der Schrei der Armen“, fasste Francisco L. Fernandez eingangs zusammen, Mitarbeiter einer Partner-Organisation des katholischen Hilfswerks Misereor auf den Philippinen. „Patambayayong“ hilft bei den Folgen der immer dramatischer wütenden Taifune und bei der Entwicklung von Frühwarnsystemen in dem mit am stärksten vom Klimawandel bedrohten Archipel. Die Mitarbeiter kämpfen auch für ein besseres philippinisches Klimabewusstsein und unterweisen die Menschen etwa in ökologischer Landwirtschaft. Dabei nutzen sie die gemeindlichen Strukturen in dem überwiegend katholischen Land: „Da ist die Enzyklika ,Laudato Sí‘ für unsere Arbeit sehr hilfreich“, freute sich Fernandez. Nachhaltige Landwirtschaft sei auf den Philippinen sogar billiger als konventionelle, weil es reichlich Arbeitskräfte gebe, stellte er fest und sah seine Heimat auch in der Pflicht, selbst etwa von der Energiegewinnung vornehmlich durch Kohlekraftwerke wegzukommen: „Manche Menschen sehen sich bei uns nur als Opfer, aber es gibt auch die, sie wissen, dass wir auch Täter sind.“

Papst Franziskus als Vorbild zum Querdenken

Klimagerechtigkeit sei mehr als künftige CO2-Minderung, sondern bedeute auch, die Schäden, die jetzt schon aufgetreten seien und aufträten, zu beheben, betonte Misereor-Geschäftsführer Pirmin Spiegel. Er forderte, dass in den Wirtschaftsbilanzen „nicht nur die Zahlen von Gewinn und Profit auftauchen, sondern auch die der Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit.“ Wenn Papst Franziskus sage, das Klima gehöre „uns allen“, dann hätten sich aber die „scheinbar entwickelten“ Länder schon ein viel zu großes Stück vom „Klimakuchen“ abgeschnitten und lebten auf Kosten der ärmeren Länder und der nachfolgenden Generationen.

Für Deutschland sei es eine Riesenchance, im kommenden Jahr die Präsidentschaft der G20 zu übernehmen, der Runde der großen Industrie- und Schwellenländer, betonte Klaus Milke, Vorstandsvorsitzender der Entwicklungs- und Umweltorganisation „Germanwatch“. Wenn jemand die Voraussetzungen habe, einen Stein ins Rollen zu bringen, dann sei das Deutschland – er betonte aber zugleich, dass jedes Land sich beteiligen müsse. Der Papst habe unbequeme Wahrheiten ausgesprochen, bestätigte Karsten Sach, Leiter der Abteilung Klimapolitik beim Bundesumweltministerium. „Die Antworten müssen wir nun selbst finden“, ergänzte Milke. Er rief auf zum „Querdenken, wie der Papst“.

Die Leipziger Bahnhofshalle wurde zum Konzertsaal beim Katholikentag Ende Mai 2016..
Die Leipziger Bahnhofshalle wurde zum Konzertsaal. Foto:Katholikentag

Mit Menschenwürde in den Medien befasste sich ein anderes Podium. Ein voller Saal zeugte von großem Interesse für das Thema zwischen Satire und Hetze. Der Einladung der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP) und des Katholischen Medienverbandes (KM.) waren Moderatorin Maybrit Illner, der ZDF-Chefredakteur Peter Frey, Medienanwalt Gernot Lehr und Bischof Stefan Oster gefolgt und lieferten sich mit Moderator und GKP-Vorsitzendem Joachim Frank eine spannende Diskussion. „Satire muss Missstände aufzeigen. Aber es gibt auch unsägliche Herabsetzungen – etwa bei Benedikt XVI.“, spielte Frank auf eine Darstellung des Papstes mit befleckter Soutane auf einem Satiremagazin an, „denn persönliche Verunglimpfungen sind etwas Anderes als eine Kritik am Amt des Papstes.“ Die Kirche sei immer schon Opfer von Angriffen gewesen, ergänzte Bischof Oster: „Sie muss aber nicht immer zurückschlagen.“ Und er wunderte sich auch wenig darüber, dass Spötter und Satiriker gerne Gottes Bodenpersonal aufs Korn nehmen: „Unsere moralische Messlatte liegt hoch. Daran müssen wir uns messen lassen. Und auch Kritik aushalten – jedenfalls wenn sie berechtigt ist.“

Die fünf Tage des Leipziger Glaubenstreffens waren im Vorfeld auch als Experiment beschrieben worden, wie sich die Kirche behaupten und darstellen kann, wenn sie eine Minderheit ist. Deshalb kamen den vielen Veranstaltungen unter freiem Himmel eine besondere Bedeutung zu: Auf den Kirchenmeilen in der Innenstadt präsentierten sich viele verschiedene Vereine und Verbände und hatten sich einiges ausgedacht, um auch vorbeischlendernde Leipziger von ihrem Engagement zu erzählen.

Plattdeutsche Überraschungen

Kleine Überraschungsnüsse verteilte Ursula Menzel an die Passanten. Jede Walnuss hatte sie vorher vorsichtig aufgebrochen, mit einem plattdeutschen Wunsch versehen und wieder zugeklebt. „Sie müssen das aber mit einem Augenzwinkern sehen“, sagte sie lächelnd. Menzel ist mit dem Plattdeutschen in Niedersachsen aufgewachsen. Seit 30 Jahren hält die evangelische Christin Gottesdienste in ihrer Muttersprache und engagiert sich in der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft „Plattdüütsch in de Kark“. Diese bildet zum Beispiel Lektoren weiter, die sich fürs Plattdeutsche engagieren möchten und gibt Arbeitshilfen für Bibelarbeiten heraus.

 

Peter Voigt und Ursula Menzel von
Peter Voigt und Ursula Menzel von "Plattdüütsch in de Kaark" beim Katholikentag 2016 in Leipzig
Foto: Schnieders

„Vor jedem Gottesdienst übertrage ich alles in mein eigenes Platt“, erzählte Menzel, denn die Sprache variiert von Ort zu Ort. Auch der evangelische Pastor im Ruhestand Peter Voigt nennt sie „seine Sprache“. Hochdeutsch hat er erst in der Schule gelernt. „Was ich nicht auf Platt sagen kann, das bleibt mir fremd“, sagte er und ergänzte: „Plattdeutsch bringt auch mehr Heiterkeit in den Gottesdienst.“ Auf Platt habe man mehr Freiheiten und spreche die Menschen auf sehr direkte Weise an. Und es sei unmittelbarer, denn so endet die Übertragung des Vaterunsers zurückübersetzt mit den Worten: „Du willst das, du kannst das und du machst das auch.“ 20 Gottesdienste bereitet Menzel im Jahr vor, der Zuspruch sei groß. Bei ihren Wunschnüssen übrigens auch. Schon am zweiten Tag hatten sie und ihre Kollegen fast alle verteilt.

"Ich war fremd ..." - Flüchtlinge Thema auf dem Katholikentag

Meist tummelten sich zwischen den Ständen aber doch Katholikentagsbesucher, erkennbar an grünen Schals. Friedlich existierten sie und die Einwohner denn eher neben- als miteinander. Der Fronleichnamstag war für die Sachsen normaler Werktag, und während vor der Oper der Eröffnungsgottesdienst gefeiert wurde, eilten viele ins Büro. Dabei gaben sich die Veranstalter redlich Mühe, die Stadt und ihre Orte einzubeziehen. Für den Stationenweg zum Feiertag, an dem normalerweise die gewandelte Hostie durch die Straßen getragen wird, geschah dies sinnbildlich rund um den Augustusplatz.

Man wählte etwa eine Straßenbahnhaltestelle als Ort für einen Stationsaltar. „Hunger nach Zuhause“ war er überschrieben und auch sinnbildlich gemeint für die vielen Flüchtlinge, die in Deutschland Schutz und eine neue Heimat suchen. Wie an jeder Station verdeut-lichte auch hier ein kurzes Video das Anliegen: Eine junge Frau kommt in eine neue Stadt und versucht, Anschluss zu finden. Groß eingeblendet und ausgesprochen war das Bibelwort aus dem Matthäus-Evangelium: „Ich war fremd ...“ Die Betonung lag dabei auf dem Wort „war“.

25.000 Gläubige feierten den Abschluss des 100. Katholikentages in Leipzig Ende Mai 2016.
25.000 Gläubige feierten den Abschluss des 100. Katholikentages
in Leipzig Ende Mai 2016. Foto: Katholikentag

Zum Abschluss des Fronleichnamstages reckten die Teilnehmer ihre Kerzen in die Höhe, während die letzten Takte der Musik verklangen und die Bischöfe mit Lektoren und Messdienern wieder zum Platz zogen. Rund herum pulsierte auch während dieser Stunde das Leben aus fahrenden Autos und klingelnden Straßenbahnen. Trotzdem sprach Thomas Sternberg als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken von „viel interessierter Neugierde“ von Seiten der Leipziger. Gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur sagte er: „Vielleicht haben ja viele gemerkt, dass diese merkwürdigen Katholiken gar nicht vorgestrig und verschroben sind, sondern dass sie zusammen beten und feiern können und dass sie außerdem auch noch etwas zu sagen haben in dieser Gesellschaft.“

In zwei Jahren wird das Laientreffen der Katholiken in vermeintlich sicheren Gefilden sein: Dann findet es im westfälischen Münster statt, wo jeder Zweite katholisch ist.

 

(30.05.2016)

Der Artikel erschien am 5.Juni 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.