21. November 2017 Johannes von Meißen

Foto: istockphoto/Robert Taylor

Als die Kathedralen in den Himmel wuchsen

Noch heute stechen gotische Kathedralen aus den Silhouetten unserer Städte hervor. Dabei strahlen die Giganten trotz ihrer Größe eine überirdische Leichtigkeit aus. – Was bedeuteten Kathedralen den Menschen im Mittelalter? Und warum wollten die Baumeister eigentlich so hoch hinaus?

Zweimal war das Gewölbe jetzt eingestürzt. War es vermessen, so hoch zu bauen? Dieses Mal wollte der Baumeister außen an der Kathedrale Bögen anbringen, um die gewaltige Last des Gewölbes von den Mauern zu lenken. Mit der Statik dieser neuartigen Bauweise musste ein Baumeister lange experimentieren, bis sein Werk zu Ehren Gottes sicher und stabil war.

Stets vom Einsturz bedroht

Der Bau einer gotischen Kathedrale war für einen Baumeister des Mittelalters mit Abstand die schwierigste Disziplin. Denn nicht nur Spitzbögen, sondern auch extrem hohes Mauerwerk kennzeichneten den revolutionären Baustil, der aus Frankreich kam. Baumeister verwendeten ihn dort erstmals mit seinen sämtlichen Elementen um 1140 für die Kathedrale von Saint-Denis.

Der gotische Baustil, der im 13. Jahrhundert nach Deutschland gelangte, war nichts anderes als eine Weiterentwicklung der früheren romanischen Basiliken. Beim Bau gotischer Kathedralen stießen die mittelalterlichen Baumeister allerdings an architektonische Grenzen. Sie fanden jedoch Wege, um diese eindrucksvoll zu überschreiten. So strebte bald alles an den Gotteshäusern steil nach oben. Die spitz zulaufenden Türme bohrten sich immer tiefer in den Himmel und wirkten dabei leicht, organisch und beinahe zerbrechlich.

Organische Leichtigkeit ersetzte massives Mauerwerk

Massig und schwer dagegen die zeitlich früheren romanischen Bauten: Wie gewaltige Bauklötze lagen die Gotteshäuser mit ihren dicken Mauern und kleinen Fenstern inmitten des Treibens mittelalterlicher Städte, so etwa in Speyer und Mainz. Gerade diese Mächtigkeit symbolisierte für die Menschen die enorme Macht der Kirche. Diesen Machtanspruch sollten auch die gotischen Türme vermitteln. Die Baumeister setzten dabei vor allem auf Höhen, die den Menschen ungeheuerlich erschienen. Doch eigentlich gab es noch einen anderen Grund dafür, so hoch zu bauen: die Nähe zu Gott. Auch Abt Suger von St. Denis hatte beim Bau seiner Kirche als einer der Ersten diesen Gedanken verfolgt.

Immer höher in den Himmel zu streben – das musste irgendwann zur Folge haben, dass der Bau instabil wurde. Die Mauern der Kathedralen wuchsen bis in Höhen von 40 Metern. Tatsächlich waren die Baumeister gezwungen, ein spezielles Strebewerk zu konstruieren, um die fragile Gewölbe vor ihrem Einsturz zu bewahren. Dabei standen ihnen kaum Hilfsmittel wie etwa Statikmodell zur Verfügung. Die Baumeister lernten, indem sie experimentierten und anwandte, was sie auf anderen Kathedralen-Baustellen gesehen hatten. Mithilfe von außen am Dach angesetzten Bögen gelang es ihnen, das Gewicht des Gewölbes und die Windlast des Mittelschiffs über Pfeiler auf das Fundament zu leiten. Zusätzlich sorgten sie mit Kreuzrippen in den Gewölben dafür, die Schubkräfte auf dieses Strebesystem zu verteilen.

Menschen erlebten den Satz "Gott ist Licht"

Auf diese Weise wurden die Wände stark entlastet und Glaser konnten bunte Bleiglasfenster von zuvor unvorstellbaren Ausmaßen einsetzen. Licht fiel hinein und erfüllte die Kirchenschiffe. Das damit im Inneren zu beobachtende Farbenspiel verschlug den Menschen des vormedialen Zeitalters den Atem. Plötzlich erlebten sie, was der Satz „Gott ist Licht“ (1 Joh 1,5) bedeutete.

Während die Grobsteinmetze schwere körperliche Arbeit leisteten, um die Steinquader für den Kathedralenbau zu fertigen, waren die Feinsteinmetze gezwungen, immerfort künstlerische Leistungen zu vollbringen. Die hohen Kirchenschiffe und die durch vertikale Linien zergliederten Fassaden boten Platz für Unmengen von steinernen Verzierungen und Skulpturen. Jedoch waren die Kunstwerke der Feinsteinmetze nicht nur bloßer Kirchenschmuck. Vielmehr sollten sie die Gläubigen des Mittelalters, die meist Analphabeten waren, bildhaft aus der Bibel erzählen und sie belehren. Der Bischof oder Erzbischof, der als Bauherr fungierte, kontrollierte diese bildhauerischen Arbeiten daher sehr genau.

Das Talent des Baumeisters bestimmte über das Gelingen

Den schwierigsten Auftrag beim Bau einer Kathedrale hatte indes der Baumeister: Er trug die Verantwortung für Statik, Architektur und Erscheinungsbild des Gesamtkunstwerks. Der Bau konnte nur dann gelingen, wenn seine Fähigkeiten in allen Punkten ausreichten. Wie ihre Kathedrale im fertigen Zustand aussah, erlebten viele Baumeister und Initiatoren allerdings nicht mehr. Zu lange dauerten die Arbeiten an den gewaltigen Gotteshäusern ohne moderne Hilfsmittel und Sicherheitsstandards. So mussten sich die mittelalterlichen Bauarbeiter beispielsweise mit einfachen Baukränen aus Holz und handbetriebenen Flaschenzügen behelfen. Auch wegen kriegerischer Auseinandersetzungen und fehlender Gelder konnten sich die Arbeiten an einer Kathedrale über mehrere Jahrhunderte hinziehen.

Für die Stadtbewohner war der Bau einer gotischen Kathedrale das Faszinosum ihres Lebens. Nie zuvor hatten sie Vergleichbares gesehen. Noch dazu wurden sie täglich mit dem wundervollen Monstrum konfrontiert, lebten sie doch in seinem Schatten. Denn viel mächtiger als heute ragte das Gotteshaus über das Gewirr der kleinen Fachwerkhäuser und wenigen Steingebäude heraus. Im täglichen Leben der Menschen spielte die Kathedrale außerdem eine zentrale Rolle: Hier feierten sie Gottesdienste, sahen sich Theateraufführen an und verfolgten Rechtsprechungen.

Menschen spielten, handelten und beteten in ihrer Kathedrale

Selbst ihren Handel betrieben die Menschen in den Gotteshäusern, und bei Ausgrabungen in Kirchenschiffen fanden Archäologen sogar Spielwürfel. Trotz des aus heutiger Sicht erstaunlich weltlichen Treibens in den Kirchen des Mittelalters, kam in dieser Zeit der Gedanke auf: „Die sichtbare Kirche ist ein Symbol für die unsichtbare Kirche". Die Menschen sahen in einem Gotteshaus also tatsächlich ein Haus Gottes auf Erden, in dem sie ihm nahe sein konnten. Mit den extrem hohen Mauern und Türmen der Gotik schufen die Baumeister eine noch größere Nähe zum Himmel und damit zu Gott. Die schwindelerregend hohen Decken und Bögen und die lichtdurchfluteten Kirchenschiffe erfüllten die Menschen zudem mit Erfurcht. Zugleich symbolisierten die Kirchen stets auch das himmlische Jerusalem. Auf die gotischen Kathedralen traf dies wegen ihrer großen eingebauten Fenster und der damit lichtdurchlässigen Mauern besonders zu. "Die Mauer bestand aus Jaspis. Die Stadt selbst war aus reinem Gold gebaut, das so durchsichtig war wie Glas", so heißt es in der Geheimen Offenbarung des Johannes (Offb. 21,18). Eva Zimmerhof

Info

Braucht eine Kirche eigentlich unbedingt einen Kirchturm?

Nein, dafür gibt es keine theologische Begründung. Wohl aber mehrere praktische. Die Glocken rufen die Gläubigen zum Gottesdienst, die Uhr erinnert daran, dass das irdische Leben vergänglich ist, Fenster dienten in früheren Zeiten als Ausblick für Feuerwächter. In den Kugeln auf Kirchturmspitzen werden traditionell zeittypische Dinge für nachfolgende Generationen hinterlegt: etwa Münzen, Fotografien oder Tageszeitungen.