23. Oktober 2017 Severin von Köln

Luthers Medienmanager

Kein Maler hat unser Bild von Luther so sehr geprägt wie Lucas Cranach der Ältere. Im Düsseldorfer Museum Kunstpalast ist nun „Cranach. Meister – Marke – Moderne“ zu sehen. Die Werkschau ist mehr als nur die nächste Ausstellung zum Reformationsgedenken. Die Macher schlagen darin den Bogen zur Moderne und zeigen: Cranach war auch so etwas wie der Medienmanager der Reformation.

 

Die Kuratoren der Ausstellung (v.l.): Gunnar Heydenreich, Daniel Görres und Beat Wismer in der Düsseldorfer Cranach-Ausstellung. Foto: J. Michaelis
Die Kuratoren der Ausstellung (v.l.): Gunnar Heydenreich,
Daniel Görres und Beat Wismer in der Düsseldorfer
Cranach-Ausstellung. Foto: J. Michaelis

Auf den ersten Blick scheine es schon ungewöhnlich, gesteht Beat Wismer: Eine große Ausstellung zu einem protestantischen Künstler im katholischen Rheinland. Aber, wirft der Generaldirektor des Düsseldorfer Museums Kunstpalast ein, man gehe ja auch in ein Bach-Konzert in die städtische Tonhalle. Dazu komme, dass Lucas Cranach der Ältere ein Meister christlicher Ikonografie sei. „Er hat neue Gedanken in die Kunst gebracht.“ Er malte etwa den ersten lebensgroßen Akt nördlich der Alpen. Bis heute seien Künstler beeinflusst durch das Werk des Malers.

Rund 200 Werke im Düsseldorfer Kunstpalast

Rund 200 Werke haben Wismer und sein Team für die Ausstellung zusammengetragen. Darunter Leihgaben aus New York, London, Madrid und Stockholm. Manche waren noch nie oder zumindest lange nicht mehr öffentlich zu sehen. Etwa das lange verschollene Gemälde der „Madonna mit dem Kind“, das um 1510 entstand und welches das Museum des Erzbistums Breslau ausgeliehen hat. „Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Bild im Breslauer Dom durch eine Kopie ersetzt und nach Deutschland ausgelagert“, erzählt Gunnar Heydenreich.

Der Professor der Technischen Hochschule Köln ist einer der Kuratoren der Ausstellung und besonders stolz, dieses Werk zu zeigen. Denn im Laufe der Jahre verlor sich dessen Spur über Deutschland in die Schweiz. Erst 2012 erlangten die Breslauer es zurück und stimmten nun erstmals einer Leihanfrage zu. In der heutigen Zeit, in der Abgrenzung ein immer größeres Thema werde, könnten Bilder ein Zeichen für die Freiheit setzen, findet Heydenreich.

Die
Die "Madonna mit dem Kind" wird erstmals in Deutschland
ausgestellt.
Bild: Muzeum Archidiecezjalne we Wroclaw

Das Tafelbild zeigt die Gottesmutter Maria, wie sie das Jesuskind auf ihrem Schoß wiegt. Innig schauen sich die Gottesmutter und ihr Sohn an, vor dem Hintergrund einer nordeuropäisch anmutenden Landschaft. Wer nah an das Bild herantritt, erkennt die Brillanz des Wittenberger Malers, der hier auf der Höhe seines Schaffens ist.

1472 wurde Lucas Cranach im oberfränkischen Kronach geboren, seine erste Ausbildung erhielt er in der Malerwerkstatt seines Vaters. Um 1501 arbeitete er in Wien und wurde schließlich 1505 vom sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen als Hofkünstler nach Wittenberg berufen. Der Herrscher baute das mit nur rund 2.000 Einwohnern kleine Städtchen zu seiner Residenzstadt aus. Er holte Künstler wie eben Lucas Cranach, der später den Beinamen „der Ältere“ bekam, weil auch sein Sohn ein berühmter Maler werden sollte.

Vater Cranach wurde einer der reichsten Männer der Stadt, ihm gehörten Häuser, eine Apotheke, ein Weinausschank. Und vor allem die Malerwerkstatt. Er war nicht nur ein begnadeter Künstler, sondern auch ein Meister der Effizienz. Der große Meister fertigte die Skizzen an, malte vor. Gesellen waren für die Fertigstellung zuständig. Sie pausten ab, malten aus, für die erfolgreichsten Motive gab es Schablonen. 5.000 Bilder sollen schließlich so die Werkstatt des Vaters und später auch die des Sohns verlassen haben.

Luther hatte ein neues Bildverständnis – Cranach setzte es um

An erster Stelle stand für sie die Marke „Cranach“, vergleichbar mit der heutigen Zeit: der Architekt Daniel Libeskind und der Fotograf Andreas Gursky arbeiten in großen Teams, die sich den Wünschen des Chefs unterordnen. Bei Cranachs malte man natürlich auch, was gern gekauft wurde: Der Akt, der in Italien populär war, kam auch nördlich der Alpen in Mode, dazu verließen die Werkstatt zahlreiche Bilder mit Szenen aus der Bibel oder dem Leben von Heiligen. Dass bei dieser Arbeitsweise der Löwe, den der heilige Hieronymus bändigte, indem er ihm einen Stachel aus der Tatze zog, ein eher katzenhaftes Gesicht trägt: geschenkt. Später wurde Luther ein Verkaufsschlager des Unternehmens Cranach.

Überhaupt sollen Lucas Cranach der Ältere und Martin Luther eine sehr enge Beziehung gehabt haben, erzählt Daniel Görres, der ebenfalls als Kurator die Ausstellung betreute. „Cranach war der Trauzeuge bei der Skandal-Hochzeit Luthers mit Katharina von Bora.“ Zudem seien sie gegenseitig die Taufpaten ihrer Kinder gewesen. „Man kann Cranach mit Fug und Recht als Medienstrategen Luthers bezeichnen“, sagt Görres. Er habe etwa das ikonografische Bild Luthers geprägt.

Cranachs
Cranachs "Junker Jörg" hatte die Botschaft: "Luther lebt!"
Bild: bpk/Museum der bildenden Künste, Leipzig

Nachdem Luther infolge seines Thesenanschlags 1517 auf dem Wormser Reichstag 1521 für vogelfrei erklärt wurde, ließ Friedrich der Weise ihn auf die Wartburg entführen. Man habe Luther anschließend für tot gehalten, führt Daniel Görres aus. Vom Maler Albrecht Dürer sei bekannt, dass dieser in seinem Tagebuch beklagt, dass mit Luther ein großer Denker verstorben sei. „Das Bild des Junker Jörg enthielt eine eindeutige Botschaft: ‚Luther lebt!‘“ Natürlich ist auch dieses Gemälde im Düsseldorfer Museum Kunstpalast zu sehen, neben vielen weiteren Bibel- und Heiligenszenen, die als revolutionär im Kontext ihrer Entstehungszeit gelten können. „Luther definiert ein neues Bildverständnis in seinen Schriften. Cranach überträgt diese dann in Bilder“, erklärt der Cranach-Experte.

Cranach malt den liebenden Erlöser

Gezeigt wird in Düsseldorf etwa das Gemälde von Christus und der Ehebrecherin. Neu daran war, dass Cranach einen sanften und liebenden Erlöser zeigt, nicht den strafenden Gott. Diese Bilder stehen damit im Gegensatz zur damaligen Kirchenlehre. Ein eindeutiges Bekenntnis zur reformatorischen Lehre gibt der Maler auch im gezeigten Gemälde „Der Abschied der Apostel“: Kurz vor seiner Himmelfahrt entsendet Christus die Apostel in alle Welt. In ihren Gesichtern ist die Trauer über den Abschied, aber auch das freudige Erwarten und die Ernsthaftigkeit über ihre Aufgabe zu sehen. Das weite Landschaftspanorama des Hintergrunds verweist dabei auf die Größe dieser Aufgabe. Zwei der Apostel haben sich bereits von der Gruppe entfernt und umarmen einander zum Abschied.

Cranachs
Cranachs "Abschied der Apostel". Philipp Melanchthon ist ganz rechts als Apostel dargestellt.
Foto: Anne Danielsson/Nationalmuseum Stockholm

Cranachs Bekenntnis lässt sich am rechten Bildrand entnehmen, hier steht der Reformator Philipp Melanchthon als Apostel. „Es ist der Beginn der frohen Botschaft. Cranach lässt keinen Zweifel daran, wie er sie verstanden haben will“, beschreibt Görres. Das Gemälde legitimiert die reformatorischen Ideen, indem sie diese direkt auf die Jünger Jesu zurückführt.

Wie sehr der geschäftstüchtige Maler auf Vorlagen setzte und seine Gemälde selbst kopierte oder direkt mehrfach druckte, ist in der Ausstellung ebenfalls zu sehen. Durch Röntgenaufnahmen können die verschiedenen Schichten der Gemälde offengelegt werden. Großformatig hängen an einer Wand Fotos, auf denen zu sehen ist, wie am Anfang mit schnellen Strichen eine Skizze angefertigt wurde und wie schließlich das Endergebnis von der Vorlage abwich. In Cranachs Werkstatt wurde mit Holz-Leinwänden in vorgefertigten Standardgrößen gearbeitet – passte das Bild doch nicht so gut darauf, wurden schon mal die Proportionen geändert.

Judith und Holofernes früher und heute

Bis heute beeinflusst sein Werk die Kunstwelt, auch das wird im Museum Kunstpalast gezeigt. Moderne und zeitgenössische Künstler griffen und greifen immer wieder seine Motive auf und bearbeiten sie. Das Bild der Judith mit dem abgetrennten Kopf des Holofernes bekommt in einer Arbeit des Japaners Yasumasa Morimura neue Aspekte. Sowohl der Kopf der Judith als auch der des Holofernes tragen das Gesicht des Künstlers. Während Schultern und Kopf der Frau mit Kohlblättern bedeckt sind und sie Ketten aus Wurst und Rosenkohl um den Hals trägt, ist der des Mannes eine Kartoffel. Er liegt zudem in einer Art „Speck- und Gemüse-Eintopf, als Krönung eines pervertierten Küchenstilllebens, wie wir es aus dem 16. Jahrhundert kennen“, sagt Museumsdirektor Beat Wismer. Das Foto greift das Werk des in Japan berühmten deutschen Malers auf. Es parodiert gleichzeitig billige Deutschland-Klischees.

Die Macher schlagen hier zum Abschluss des Ausstellungsrundgangs die Brücke in die heutige Zeit und beeindrucken damit, wie sehr ein Maler, der vor 500 Jahren lebte, heute noch die Kunstwelt beeinflusst. Auch deshalb ist die Ausstellung „Cranach. Meister – Marke – Moderne“ in Düsseldorf mehr als eine reine Werkschau oder einfach nur eine weitere Ausstellung im Lutherjahr 2017.

Thomas Schnieders

Die Ausstellung "Cranach. Meister - Marke - Moderne" ist im Düsseldorfer Museum Kunstpalast zu sehen. Sie wird bis zum 30. Juli 2017 gezeigt. Sie ist täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags und samstags bis 21 Uhr. Weitere Informationen zur Ausstellung erhalten Sie hier.

Dieser Artikel erschien am 16. April 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.