24. Juni 2017 Johannes der Täufer
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Wandeln auf der Zwerggalerie

Für diese besondere Führung müssen Besucher Mut mitbringen. Doch wer sich traut, wird belohnt: Nach 140 Stufen  ist der Blick von der Zwerggalerie des Doms zu Speyer wunderschön.
Von Cirstin Listing (Text und Fotos)

Der Blick von oben zeigt wie schön Speyer ist.
Der Blick von oben zeigt wie schön Speyer ist.

Der Mann ist um die 50 Jahre alt. Er keucht und drückt sich an die Wand. „Geh nur mal allein weiter“, sagt er zu seinem Sohn, mit dem er etwa 40 Meter über den Speyerer Domvorplatz hinaufgestiegen ist. Ihn plagt die Höhe, er bleibt stehen, schaut durch die Fensteröffnung und wartet auf seinen Sohn, der die verbliebenen 20 Meter bis zur Aussichtsstelle des Turms hinaufsteigt und den Blick über Stadt und Rheinschleife genießt.

Zwerggalerie ohne Geländer

Vermutlich wäre die zweite Möglichkeit, vom Dom auf die Umgebung herabzublicken, gar nichts für ihn. Während man den Turm eigenständig hinaufkraxeln kann, muss sich der Besucher, wenn er die Zwerggalerie begehen möchte, von einem versierten Domführer begleiten lassen: Von der Zwerggalerie, die um den gesamten Dom herumführt, schaut man 30 Meter nach unten. Ohne Geländer.

Hier muss man schwindelfrei sein.
Hier muss man schwindelfrei sein.


Die Zwerggalerie des Speyerer Doms ist etwas ganz Besonderes: Ein begehbarer Säulengang als Zierelement der romanischen Baukunst unter dem Dachansatz, der die massiv gemauerten Außenwände auflockern und den Bau weniger wuchtig erscheinen lassen soll. Dieser luftige Laufgang ist die früheste erbaute Zwerggalerie mittelalterlicher Architektur, und gleichzeitig das einzige Beispiel für eine Galerie, die einen ganzen Baukörper umläuft.

Als Kaiser Heinrich IV. den Dom zur Hälfte einreißen, größer ausbauen und dabei auch die Galerie anbringen ließ, war diese ein völlig neuartiges architektonisches Element. Eigentlich darf niemand hier hinauf, außer den Arbeitern, die die Bausubstanz kontrollieren und Renovierungsarbeiten ausführen. Denn die alten Steine verwittern und bröckeln, wenn sie nicht gepflegt werden.

Nach Bauarbeitern kommen Besucher


Seit 2015 können sich auch Besucher ein Bild davon machen. Zwar kann man von jeder Stelle der Galerie aus durch die Feuerwehr evakuiert werden. Höhenangst darf man nicht haben und auch sonst sollte man gut zu Fuß und gesundheitlich fit sein. Schon allein die 90 Stufen innerhalb des Doms bis zum Kaisersaal hinaufzuklettern, strengt den Besucher an. Bis zum Ausstieg an der Zwerggalerie sind es noch knapp 50 mehr. Zumal im Kaisersaal die Schutzausrüstung angelegt werden muss, die zweieinhalb Kilogramm wiegt.

Friederike Walter führt die Wagemutigen hinauf auf den Speyerer Dom.
Friederike Walter führt die Wagemutigen hinauf auf den Dom.


2013 musste die Zwerggalerie dringend renoviert werden, für die Arbeiter wurde eigens eine Verseilungsanlage installiert. An der hängen nun auch die Besucher sicher. Trotzdem schleicht sich beim Hinaustreten aus der sicheren Umgebung des Turms auf den nur 70 Zentimeter schmalen Gang ein mulmiges Gefühl ein. Der schwere Karabinerhaken am Haltegurt wird in einen Läufer eingehakt.
Nun hangeln sich die Besucher damit an einem Stahlseil entlang, ebenso wie die Baufachleute, während sie hier oben die Außenwände und Säulen auf Schäden kontrollieren und, wenn nötig, instand setzen.

Immer nur zu fünft auf die Zwerggalerie

Wem hier schon die Knie zittern, sollte umkehren. Friederike Walter prüft mit kritischem Blick den Zustand ihrer Besucher. Wenn sie auch nur den geringsten Zweifel an der Höhentüchtigkeit hat, bricht sie die Führung ab. Der Blick in die Weite ist atemberaubend schön. Der Rundgang beginnt auf der Südseite, eine Stadtführung von oben. So hat man Speyer noch nie gesehen. Bis zu fünf Personen nimmt Walter, die Leiterin des Kulturmanagements des Speyerer Domkapitels, zu einer Führung hinauf hinter die Säulen mit, die „das Dach schweben lassen“, wie sie sagt.
Die 39-Jährige bewegt sich hier oben, als mache sie einen Strandspaziergang, im Gegensatz zu ihrer Begleitung, die sich doch eher an der Wand entlang drückt und sich auf den Blick in die Ferne und auf die Details am Kirchenbau konzentriert. Es dauert ein Weilchen, bis sich Ungeübte an die Höhe gewöhnen.

Aus Grabplatten wurden Treppenstufen.
Aus Grabplatten wurden Treppenstufen.


„Schauen Sie“, lenkt Friederike Walter den Blick auf den Boden des Säulengangs, denn an dieser Stelle „gibt es einen Übergang vom barocken zum romanischen Bauteil des Doms.“ Tatsächlich unterscheiden sich die Mauersteine am Boden an dieser Stelle. Ganz unten am Fuß einer Säule sind, kaum noch erkennbar, eine eingemeißelte Blume und ein Lamm zu sehen. Es sieht nicht sehr kunstfertig aus. „Hier wurde ein Stein verbaut, an dem ein Steinmetz geübt hat“, erzählt die Kunstgeschichtlerin. Gleich darauf geht es wieder hinein in die Sicherheit der Kathedrale, über eine alte  Sandsteintreppe zum nächsten Ausstiegspunkt. „Hier wurden alte Grabsteine verbaut“, Friederike Walter zeigt auf die Inschriften in den ausgetretenen Stufen.
Der Salier Konrad II. ließ ab 1027, – vermutlich, denn das genaue Jahr lässt sich nicht nachweisen – eine Kathedrale errichten. Sein Wunsch war es, die größte Kirche seiner Epoche zu bauen. 30 Jahre vergingen, bis der Dom eingeweiht werden konnte, Konrad erlebte das nicht mehr. Doch der Wunsch des Kaisers ist noch Jahrhunderte nach der Grundsteinlegung erfüllt: Seit während der Französischen Revolution die Abtei Cluny zerstört wurde, gilt der Dom zu Speyer als größte bis heute erhaltene romanische Kirche der Welt und ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.

Fast 1.000 Jahre ist der Dom zu Speyer alt.
Fast 1.000 Jahre ist der Dom zu Speyer alt.


Im Französischen Erbfolgekrieg wurde der Dom 1689 zerstört. Wo er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wieder aufgebaut wurde, lassen sich Unterschiede zur vormaligen romanischen Bauweise erkennen. Oben auf der Zwerggalerie ist das deutlich zu sehen. Auch, dass es die Bauherren manchmal eilig hatten und die Steinmetze nicht mehr dazu kamen, die Kapitelle der Säulen künstlerisch auszuarbeiten, zeigt Friederike Walter. Statt der Verzierungen mit Blättern und Ornamenten, wie sie an dem Teil der Zwerggalerie an der Apsis des Doms zu erkennen sind, bestehen einige Kapitelle an der Südseite nur aus grob behauenen Steinquadern.

Auf die Zwerggalerie kommt man nur mit spezieller Führung.
Auf die Zwerggalerie kommt man nur mit spezieller Führung.


Der Gang um die Apsis ist wohl der schönste Teil der Führung, nicht nur wegen der kunstvoll verzierten Kapitelle, sondern auch, weil die Aussicht weit über die nicht begradigte Rheinschleife bis nach Mannheim reicht. Über die Nordseite geht es zum Westbau. Der Besucher klinkt sich dieses Mal über dem Eingang des Domes in die Seilsicherungsanlage ein. Zu unseren Füßen liegt der Domplatz, die Augen wandern die Maximilianstraße entlang. Unten am Domnapf posiert ein Brautpaar für Hochzeitsfotos im kaltgrauen Wetter. Ein besonderer Tag mit guten Aussichten. Nicht nur für diese beiden.

Weitere Informationen zu den Domführungen und der Führungen auf der Zwerggalerie erhalten Sie unter auf den Internetseiten des Speyerer Doms. Näheres zur Begehung der Zwerggalerie bekommen Sie hier.

Dieser Artikel erschien am 26. März 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.