21. November 2017 Johannes von Meißen

 

In seinem Blick

Früher fuhr der Restaurator Robert Ochsenfahrt lieber Sportwagen. Heute betet er gerne vor dem Bildstock der Göttlichen Barmherzigkeit, den er in seinem Garten erbauen ließ. Henning Schoon hat ihn besucht.

Der Bildstock der Göttlichen Barmherzigkeit befindet sich in Paderborn-Marienloh.

Mit zugewandtem Blick empfängt der über zwei Meter große Barmherzige Jesus die Besucher. Das Herz der handgeschnitzten Figur strahlt in leuchtendem Blau und Rot. Maria und Josef, Hildegard von Bingen und Antonius von Padua, flankieren ihn rechts und links. Hölzerne Kirchenbänke, die mit wetterfesten Planen abgedeckt sind, stehen für Beter vor dem Bildstock bereit. Wie ein Altar erhebt er sich über dem Garten eines Handwerksbetriebes unter freiem Himmel. Ein Andachtsort zwischen Acker und Werkstatt.

Herzensangelegenheit
„Das ist ein unheimlich ergreifendes Bild für mich. Er schaut mich immer an, egal wo ich bin!“, sagt Robert Ochsenfahrt, während er zu Christus aufblickt. Seine Stimme wird leiser. Er hat die Figur in der Mitte des Bildstocks, deren Darstellung auf eine Vision der Krakauer Ordensschwester Faustyna zurückgeht, aus innerer Überzeugung nachschnitzen lassen. Die Errichtung war ihm eine Herzensangelegenheit. „Für alle, die einen barmherzigen Gott suchen“, sagt er. Besucher heißt der Paderborner Res-taurator daher auch gerne willkommen. Hätte man ihm allerdings noch vor gut 20 Jahren prophezeit, dass er heute in seinem Glauben einer in Deutschland weniger bekannten, polnischen Spiritualität nachspüren würde, hätte er vermutlich lachend den Kopf geschüttelt.
Mitte der 1990er-Jahre war Robert Ochsenfahrt Chef eines Restaurierungsbetriebes mit über 150 Mitarbeitern. Der Spross einer Malerfamilie in fünfter Generation unterhielt mehrere Niederlassungen in verschiedenen Städten. Das Unternehmen florierte: Denn nach der Wiedervereinigung Deutschlands gab es in den neuen Bundesländern viele alte Gebäude und Kirchen, die durch Fachleute begutachtet und saniert werden mussten. „Ich genoss das Leben in vollen Zügen und konnte mir Sportwagen leisten“, blickt Ochsenfahrt auf seine Jahre als Lebemann zurück, in denen er freizügiger mit Geld umging. Fromme Gedanken machte er sich trotz Gottesdienstbesuchen aus Gewohnheit und dem handwerklichen Umgang mit Heiligenfiguren weniger.

Heilige Faustyna
Die Folgen eines Großprojekts, die Robert Ochsenfahrts Betrieb in Turbulenzen und im Jahr 2002 schließlich in die Insolvenz führten, stimmten ihn nachdenklich: Fast alle Mitarbeiter musste er entlassen und Gebäude verkaufen. Er wollte sein Leben ändern. In dieser Zeit des Umbruchs besann er sich auf das, was ihm sein Vater, von dem er den Betrieb einst übernommen hatte, für seinen Glauben mit auf den Weg gab. Denn Anton Ochsenfahrt wollte seinen Sohn nicht nur zum Gebet ermuntern. Über die Jahre erzählte er ihm auch von der Kraft, die er aus dem geistigen Erbe der heiligen Faustyna schöpfte, das sie in ihrem persönlichen Tagebuch   niederschrieb. „Ich erkannte nach und nach einen tieferen Sinn in dem, was mein Vater so gesagt hatte“, erinnert sich Robert Ochsenfahrt.

Robert Ochsenfahrt restauriert Kunstwerke aus verschiedenen
Jahrhunderten.

Heilige Blickfänger
Nach dem Tod des Vaters wagte er 2005 zunächst einen beruflichen Neubeginn. Mit kleiner Belegschaft spezialisierte er sich auf Restaurierungen, Farbfassungen und Ver-goldungen von Skulpturen und Gemälden. Aus dieser Arbeit heraus kam dem Handwerksmeister und seinen Mitstreitern im Jahr 2011 auch die Idee zu den „Eyecatchern“. Dahinter verbergen sich Kopien von Figuren aus west-
fälischen Kirchen, denen sie mit ungewöhnlichen Farben ein neues Aussehen gegeben haben.
„In den 1970er-Jahren waren viele Figuren durch Vandalismus oder Verfall gefährdet. Daher entschloss man sich häufig, die Originale ins Museum zu geben, während in den Kirchen jeweils ein Abguss aus Kunstharz verblieb“,  berichtet Robert Ochsenfahrt. Auch für das Depot in seiner Werkstatt fertigte er solche Abgüsse als Modelle an. „Wir überlegten dann, wie wir mit den Figuren etwas völlig Neues für das neue Jahrtausend machen könnten.“ Er und seine Mitarbeiter wählten Farben aus, die den heiligen Frauen und Männern eine andere Bedeutung zusprechen und sie in Verbindung mit Persönlichkeiten der Gegenwart stellen.

Farbige Hingucker
Einer von ihnen ist der heilige Robert. Heroisch blickt der Namenspatron von Robert Ochsenfahrt als Supermann mit tiefblauem Gewand und rotleuchtendem Bischofsstab auf die hellgrüne Kirche in seiner Hand. Er ist der bekannten Comicfigur nachempfunden. Nebenan sitzt Mutter Teresa, die eigentlich eine barocke Madonna war. Sie hält ein dunkelhäutiges Kind auf dem Arm und trägt dabei ihre weiße Ordenstracht mit blauen Streifen. Beide Plas-tiken gehören zu einer kleinen Ausstellung in der Werkstatt des Restaurators. „Mit der ungewöhnlichen Darstellung möchte ich zum Nachdenken anregen und die Frage aufwerfen: Was hat das Leben der Heiligen mit der heutigen Zeit zu tun? Auch Jugendliche sollen so vielleicht wieder auf den Glauben aufmerksam werden“, gibt er sich hoffnungsvoll.

Der heilige Robert in
neuer Farbe.


Nicht nur, wenn er von den Figuren erzählt, die er Eyecatcher nennt, merkt man Robert Ochsenfahrt an, dass ihm die heilsame Kraft der christlichen Botschaft am Herzen liegt. Inzwischen begab er sich auf die Spuren seines Vaters. 2014 reiste er nach Krakau, um die Wirkungsstätte von Schwester Faustyna vor Ort zu erleben. Dort besuchte er auch in der Klosterkapelle das  Bildnis des Barmherzigen Jesu, das nach ihrer Beschreibung gemalt wurde und dort verehrt wird.
„Die fromme Atmosphäre, wo hingebungsvoll gebetet wurde, hat mich einfach sprachlos gemacht“, sagt Ochsenfahrt bewegt. „Trotz der über 500 Kirchen, die ich in meinem Leben schon gesehen habe, war dieser Ort für mich einzigartig.“ Das Christus-Bild, das ihn so sehr ansprach, ließ er daraufhin als Bildstock für seinen Garten in Paderborn-Marienloh kopieren. Den Meditationstext, der unter dem polnischen Original geschrieben steht, übernahm er ebenfalls: „Jesus, ich vertraue auf dich!“  

Stichwort: Heilige Faustyna

Im Kloster der Schwestern der Muttergottes von der Barmherzigkeit in Krakau-Lagiewniki hatte die junge Ordensfrau Maria Faustyna Kowalska in den 1930er-Jahren zahlreiche Erscheinungen. Diese hielt sie in ihrem Tagebuch fest. Nach ihren Aufzeichnungen erschienen ihr Jesus, Maria, aber auch andere Heilige und Engel. Von Christus selbst erhielt sie den Auftrag, eine Künderin der Barmherzigkeit Gottes zu sein. Auch solle sie nach ihren Vorstellungen ein Jesus-Bild malen lassen, das auf der ganzen Welt verherrlicht werde. 1934 entstand so das erste Gnadenbild von der Göttlichen Barmherzigkeit, das seitdem weltweit vielfach verbreitet wurde.
Das geistige Erbe der 1993 selig- und im Jahr 2000 durch Papst Johannes Paul II. heiliggesprochenen Mystikerin wirkt bis in die heutige Zeit nach. Die Einführung des Sonntags der Göttlichen Barmherzigkeit am Sonntag nach Ostern, wie auch die besondere Form des Barmherzigkeitsrosenkranzes gehen auf ihre Visionen zurück. Papst Franziskus bezeichnet sie in der Ankündigung für das Heilige Jahr als „Apostelin der Barmherzigkeit“ und bittet sie um Fürsprache. Die biblischen Zeugnisse der Nächstenliebe, wie etwa das Besuchen von Kranken, das Speisen von Hungrigen oder das Beherbergen von Fremden, bewegten Faustyna Zeit ihres Lebens.