Der zweite Teil: Die Bücher der Geschichte des Volkes Gottes

Viele Exegeten nennen die Bücher vom Buch Josua bis zum 2. Buch der König auch das „Deuteronomistische Geschichtswerk“. Der Grund ist, dass der Verfasser („Deuteronomist“) beim letzten Buch Mose, dem Deuteronomium anknüpft. Man merkt aber, dass das Werk aus vielen verschiedenen Quellen zusammengesetzt ist.

Das Buch Josua

Die Israeliten haben den Verlust Moses verwunden und machen sich unter der Führung Josuas daran, Gottes Weisung zu befolgen. Sie besetzen das Westjordanland, überqueren den Jordan und stehen schließlich vor Jericho. Jericho ist eine schier uneinnehmbare Festung, der Siegszug des Gottesvolkes scheint am Ende. Doch wieder einmal greift der Herr ein. Am siebten Tag blasen die Israeliten erneut zum Angriff, die Stadtmauern stürzen unter dem Hörnerschall und Kriegsgeschrei zusammen: Jericho ist besiegt. Auch danach werden die Neuankömmlinge immer wieder in Schlachten verwickelt, Josua besiegt 31 Könige und unterwirft nahezu ganz Kanaan. Schließlich stirbt auch Josua und der Rest des Buchers erzählt von der genauen Verteilung des eroberten Landes.

Das Buch der Richter

Die Richter sind charismatische Helden und Heerführer, die mit ihrer Tapferkeit die Israeliten immer wieder vor ihren Feinden retten. Es gibt „große“ und „kleine“ Richter und auch eine Richterin: Debora. Die Erzählungen aus dem Buch der Richter folgen immer dem gleichen Muster: Das Volk wendet sich von Gott ab, gerät in große Not und wird durch einen Richter und damit letztlich von Gott gerettet. Die Aussage ist klar: Wenn das Volk sich von Gott abwendet, droht ihm Unheil. Nur im Bund mit Gott dürfen sich die Israeliten sicher fühlen. Und noch eines können wir daraus lernen: So einfach und angenehm, wie die Landnahme noch zuvor im Buch Josua beschrieben wurde, verlief diese Zeit mit Sicherheit nicht.

Das Buch Rut

Diese Buch besitzt fast novellenartigen Charakter. Es funktioniert mehr als eine Überleitung, weniger wirklich als eigenständiges Werk. Der Zweck besteht darin, die Vorgeschichte der Dynastie Davids zu skizzieren. Hauptperson ist die Moabiterin Rut, die zu ihrer Schwiegermutter eines der berühmtesten Gottesbekenntnisse ausspricht: „Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“ Das ist umso bedeutender, da Rut keine Israelitin ist. Rut gebiert später Obded, den Großvater Davids. Und auf diese Weise ist Rut eine Verwandte Jesu, in Mt. 1, 5 ff wird diese Abstammung erwähnt.

Das erste Buch Samuel

Den entscheidenden Schritt im ersten Samuel-Buch könnte man auf folgenden Nenner bringen: Israel tauscht das Gottesreich gegen ein Königreich ein. Der Prophet Samuel wird dabei als letzter Richter beschrieben, der vergeblich vor der Einführung eines Königtums warnt. Trotzdem salbt er den ersten König, Saul. Saul startet gut, bekommt bald Paranoia und trachtet schließlich einem seiner treuesten Untertanen nach dem Leben: David. David flieht und erhält Hilfe von Sauls Sohn Jonathan. David schließt sich erbitterten Feinden Sauls an, den Philistern. Trotzdem verschont er mehrmals Saul. Schließlich setzt der erste König der Israeliten seinem Leben selbst ein Ende. Nach einer vernichtenden Niederlage gegen die Philister – David beteiligte sich nicht an den Kämpfen – und der Ermordung seiner Söhne, tötet sich Saul mit seinem eigenen Schwert.

Das zweite Buch Samuel

Die beiden Samuel-Schriften bilden eine feste innere Einheit. Das zweite Buch setzt nämlich drei Tage nach Sauls Tod ein. Es erzählt vom Aufstieg Davids und wie er die Bundeslade – den heiligsten Gegenstand der alten Israeliten – in die neue Hauptstadt Jerusalem bringt. Doch auch Davids Aufstieg hat negative Folgen, der große König verliert das Maß. Um eine junge Frau für sich zu haben, schickt er ihren Mann in den Tod. David wird von Gott bestraft, verliert einen gerade geborenen Sohn und muss mitansehen, wie aus seinen Söhnen Amnon und Abschalom Todfeinde werden. Abschalom ermordet seinen Bruder und zettelt eine Verschwörung gegen David an. Der kann zunächst nur fliehen, bekommt am Ende doch wieder Oberwasser, muss aber dafür den Tod seines Sohnes Abschalom verkraften.

Das erste Buch der Könige

David hat wieder seinen Platz in Jerusalem eingenommen, doch der König ist alt und von den Anstrengungen aufgezehrt. Als er stirbt, bricht ein Streit um seine Nachfolge aus. Am Ende wird Salomo König – und seine Weisheit im berühmten „salomonischen Urteil“ legendär. Unter Salomo besitzt das Reich ungeheure Macht und Wohlstand, der König lässt einen herrlichen Tempel in Jerusalem bauen. Doch auch Salomo wendet sich von Gott ab und vergisst seine eigene Religion und Kultur. Nach dem Tod Salomos teilt sich das Reich in das Nordreich Israel und das Südreich Juda.

Das zweite Buch der Könige

Wie das erste Buch der König beginnt die zweite Schrift mit einer Darstellung der Geschichte der beiden Reiche. Dabei werden die jeweiligen Könige beschrieben und gegenseitig verglichen. Bis es zur großen Katastrophe kommt: Israel wird vom König von Assur erobert, die Bewohner werden verschleppt. Das Reich Juda kann sich nicht lange freuen, verschont geblieben zu sein. Das Ende des Buches bedeutet auch das Ende Judas: Die Truppen des Königs von Babylon, Nebukadnezar II., erobern die Hauptstadt Jerusalem und zerstören den Tempel.

Mit dem ersten Buch der Chronik beginnt ein anderes Geschichtswerk des AT, man nennt es das „Chronistische Geschichtswerk“. Dieses Werk scheint auf einen Verfasser zurückzugehen und umfasst die beiden Bücher der Chronik sowie die Bücher Esra und Nehemia. Der Verfasser zeichnet sich durch ein sehr einseitiges religiöses, weniger historisches Interesse aus. Dabei knüpft er keinesfalls am „Deuteronomistischen Geschichtswerk“ an, sondern schildert die Geschichte von Adam bis zur Heimkehr der Israeliten aus dem babylonischen Exil.

Das erste Buch der Chronik

Hier finden wir viele Elemente, die in den Büchern der Könige oder Samuels nicht auftauchen. Allerdings bemerken wir noch mehr als bei anderen Werken eine starke ideologische Färbung: David und Salomo werden als makellose Helden beschrieben, beispielsweise erwähnt der Autor den Ehebruch Davids nicht. Besonderer Wert wird auf die Beschreibung von Riten und Fragen des religiösen Lebens gelegt. Man vermutet daher, dass der Verfasser ein Priester war.

Das zweite Buch der Chronik

Die direkte Fortführung des ersten Chronik-Buches beschreibt die Geschichte bis zum Ende des Reiches Juda. Im Unterschied zu dem 2. Buch der Könige konzentriert sich der Autor nur auf das Südreich, während das Nordreich Israel und sein Untergang unerwähnt bleiben. In diesem Buch wird eine Tendenz immer klarer: Als Hüter und Garanten des Bundes mit Gott werden nicht mehr die Könige, sondern zunehmend die Priester angesehen – auch das ein Verweis darauf, dass der Autor aus der Priesterschaft stammt.

Das Buch Esra

Esra ist ein Priester, der im 7. Kapitel dieses Buches auftaucht. Davor schließt sich das Werk an die Chronik-Bücher an und erzählt, wie Perserkönig Kyros II. Babylon erobert. Danach dürfen die Israeliten aus dem Exil – das anders als es der Begriff „Gefangenschaft“ nahe legt, vermutlich keine brutale Verschleppung und Sklavenarbeit war – zurückkehren. Nach ihrer Rückkehr bauen sie in Jerusalem einen neuen Tempel. Seit langem wird wieder einmal das Pessachfest in Jerusalem gefeiert. Also das Fest, das an die Befreiung aus Ägypten erinnert. Die Botschaft: Der Herr hat das Volk wie damals in Ägypten auch aus der Knechtschaft in Babylon befreit. Mit dem Auftritt von Esra im 7. Kapitel bricht eine neue Zeit an. Der Priester ordnet das Leben in der Gemeinde in Jerusalem neu.

Das Buch Nehemia

Zusammen mit dem Buch Esra bildete Nehemia wohl ursprünglich eine feste Einheit. Nehemia ist ein babylonischer Jude, der als Statthalter von Jerusalem amtiert. Er lässt die Stadtmauern Jerusalems wiederaufbauen und bestätigt das Gesetz, das Esra erlassen hatte. Danach führt er viele Reformen durch und ordnet beispielsweise das Ruhehalten am Sabbat neu an. Wie schon in Esra ab dem 7. Kapitel wird auch hier die Ich-Form verwendet, daher tragen die beiden Bücher stark autobiographische Züge.

Nach dem Buch Nehemia endet das „Chronistische Geschichtswerk“ und es beginnt mit dem Buch Tobit eine Reihe weitere Geschichtsbücher, die unterschiedliche Stile und Ausrichtungen aufweisen.

Das Buch Tobit

Auch dieses Buch gleicht einer Autobiographie beziehungsweise Novelle. Tobit erscheint als sehr frommer, rechtschaffener Mann. Er gibt in der Gefangenschaft in Ninive Hungernden Brot und Nackten Kleider. Trotzdem erblindet Tobit und muss sich sogar von seiner Frau Hanna verhöhnen lassen: „Wo ist denn der Lohn für deine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit? Jeder weiß, was sie dir eingebracht haben.“ Gott allerdings hat Tobits Güte nicht vergessen und schickt seinen Engel Raphael. Und so hilft er Tobits Sohn Tobias ein Mittel gegen die Blindheit zu finden und belohnt am Ende Tobit doch noch für seinen Glauben.

Das Buch Judit

Eine Frau gegen den Rest der Welt. So könnte man das Buch Judit überschreiben. Es handelt davon, wie die Witwe Judit zur Retterin der Israeliten wird. Der Assyrer Holfernes belagert Betulia und bedroht so Judits Heimat. Der Feldherr will allen Belagerten bei seinem Sieg ein Auge ausstechen – doch dazu kommt es nicht: Judit schleicht in das Lager des Generals und köpft Holofernes. Die Assyrer geraten in Schrecken und brechen die Belagerung ab, das Volk aber bejubelt Judit als Retterin.

Das Buch Ester

Im Zentrum dieses Buches steht Ester, die Gemahlin des Perserkönigs Achaschwerosch (Xerxes). Sie kann gerade noch verhindern, dass ihr Volk von den Persern ermordet wird. Und sie schafft es sogar, die Feinde ihres Volkes zu besiegen und den Israeliten Sicherheit zu geben. In Erinnerung an diese Rettung wird das Purimfest eingeführt. Übrigens: Von den letzten fünf Geschichtsbüchern gehört nur dieses Werk auch dem jüdischen Kanon an.

Das erste  Buch der Makkabäer

Die Zählung der beiden Makkabäerbücher ist kompliziert. Denn eigentlich hängen sie nicht direkt zusammen, da beide unterschiedliche Verfasser haben. Der erste Autor jedenfalls hat ein sehr ausgefeiltes Geschichtswerk geschaffen, das beim „gottlosen“ König Antiochus IV. beginnt und mit dem Tod des Makkabäers Simon endet. Dazwischen erleben wir zahlreiche Kämpfe, ehe die Israeliten ihre Freiheit erringen können. Und auch hier sagt die Bibel: Gott lässt sein Volk nicht im Stich.

Das zweite Buch der Makkabäer

Das zweite Werk behandelt eine weitaus kürzere Zeit als das erste. Nur etwas sechs Jahre dauert die Geschichte, ehe sie mit dem Sieg der Makkabäer über den feindlichen Feldherr Nikanor zu Ende geht. Im Gegensatz zum ersten Makkabäerbuch finden wir hier viele Wundererzählungen und beinahe fantastische Ausschmückungen. Eine Anmerkung am Rande: Es gibt noch zwei andere Makkabäerbücher, die allerdings nicht in den Kanon aufgenommen wurden.

Simon Biallowons