Herzlichen Glückwunsch?!

Plötzlich ist alles anders: Wenn eine Frau schwanger wird, der Partner sich aber von ihr trennt. Oder wenn der Ehemann zwar in der selben Stadt, aber nicht im selben Haus leben kann und das Paar dazu noch aus Afrika geflohen ist und sich in Deutschland nicht gut auskennt. Dann suchen sie Rat.
Ein Besuch in einer Schwangerenberatungsstelle von Thomas Schnieders.

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In einer Beratungsstelle erhalten Schwangere und junge Mütter Hilfe. Foto:SKF/Jan Roeder

Sandra Kastner* wollte die Kinder. Mit Zwillingen war sie schwanger, als ihr Partner ankündigte, sich von ihr trennen zu wollen, aus der gemeinsamen Wohnung musste sie ausziehen. Aber ihr war klar, dass sie die Kinder bekommen wollte. Sie sind jetzt neun Monate alt, Luis und Paul sitzen in ihrem Kinderwagen. Luis spielt an seiner Schnullerkette, Paul verzieht das Gesicht und Mama kramt das Brei-Gläschen aus der Tasche hervor, denn Paul bekommt Hunger, das sieht sie ihm an.

Dass die drei so ein gutes Team sind, hat viel mit Eva-Maria Stadler-Luft zu tun. Als Kastner schwanger fast auf der Straße stand, bat sie ihren Onkel um Unterstützung. Dieser ging mit seiner Nichte in die Schwangerenberatung des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in München. Leicht war das für die 30-Jährige nicht: „Ich habe ja noch an die Beziehung geglaubt“, sagt sie. Der Vater der Kinder allerdings nicht.

Es musste also ein Plan her, und Stadler-Luft hat ihn zusammen mit der werdenden Mutter entworfen. „Wir haben eine Prioritätenliste erstellt, ganz oben dabei ist das Thema Wohnen“, berichtet die Sozialpädagogin. Direkt danach komme aber auch die Frage, wie das neue Leben bezahlt werden soll: Von was soll die kleine Familie leben, welche Ansprüche auf Sozialleistungen hat eine Mutter wie Sandra Kastner. „Es ist wichtig, dass sich nach der Trennung kein Riesenabgrund auftut“, sagt Stadler-Luft. Die psychische Stabilisierung der Frau sei ganz wichtig.

Hilfe und Beratung über die Geburt hinaus

Mittlerweile lebt Kastner mit Luis und Paul in einem Mutter-Kind-Haus des SkF, kurz vor der Niederkunft ist sie eingezogen. Dort hat sie jetzt ein eigenes Appartement; ein Betreuer ist bei Problemen immer ansprechbar. Der Kontakt zu Eva-Maria Stadler-Luft bleibt trotzdem bestehen, auch wenn die Gesprächstermine nicht mehr so regelmäßig sind und es auch nicht mehr sein müssen. Sandra Kastners Leben mit Paul und Luis hat sich gut eingespielt, auch der Vater besucht seine Söhne regelmäßig.

Schwangeren-Beratung-SKF-Muenchen
Marina Macke vom Sozialdienst katholischer Frauen in München will Frauen Möglichkeiten zeigen,
wie ihr Leben mit Kind gelingt. Foto: SKF/Jan Roeder

2001 ordnete die katholische Kirche in Deutschland ihre Beratung für Schwangere neu. Sie stieg aus der Konfliktberatung aus oder vielmehr: Sie stellt seitdem keine Beratungsnachweise mehr aus, die eine Frau braucht, möchte sie ihr Kind legal abtreiben – aus welchen Gründen auch immer. Dem Ausstieg war ein jahrelanger Streit der deutschen Bischöfe mit dem damaligen Papst Johannes Paul II. vorausgegangen.

Das Kirchenoberhaupt forderte die Deutschen in mehreren Briefen auf, Abtreibungen nicht zu unterstützen, sondern sich mehr für den Schutz des Lebens einzusetzen. Der Großteil der Bischöfe hatte davon jedoch eine andere Vorstellung als der Papst. Sie wollten die Möglichkeit behalten, als letztes Mittel auch eine Abtreibung ermöglichen zu können. So wie es etwa staatliche und evangelische Einrichtungen bis heute handhaben.

Bischof Kamphaus (Bild von 2008) leistete lange Widerstand gegen die Forderung des Papstes. Foto:Karl-Heinz Meurer - Übertragen aus de.wikipedia nach Commons.
Bischof Kamphaus (Bild von 2008)
leistete lange Widerstand
gegen die Forderung des Papstes.
Foto:Karl-Heinz Meurer -
Übertragen aus de.wikipedia nach
Commons.

Schließlich wurde die katholische Schwangerenberatung in Deutschland neu geregelt und die Kirche stieg aus dem staatlichen System aus. Als Einziger leistete der Limburger Bischof Franz Kamphaus noch Widerstand gegen die Kurie. Doch im März 2002 beendete Papst Johannes Paul II. diesen Alleingang. Kamphaus erklärte daraufhin: „Nach meinen Erfahrungen werden jetzt Lebenschancen für Kinder vergeben. Darum kann ich nicht verschweigen, dass mich die Verfügung des Papstes sehr schmerzt.“

Die Verbände beraten seitdem Frauen weiter in allen Anliegen rund um die Schwangerschaft und sehen ihre Aufgabe nicht nur in der Beratung während der Schwangerschaft, sondern verstärkt in der Betreuung von Mutter und Kind nach der Geburt. Man will mit den Frauen eine Perspektive für die Zeit mit Kind erarbeiten. Denn auch wenn die Mütter in diesem Stadium oft Sozialleis-tungen beziehen, soll das kein Dauerzustand bleiben. In den Beratungen und den Kursangeboten geht es also um viel Handfestes. Kindererziehung, Alltagsbewältigung, aber auch um Geld: Unterhalt, staatliche Unterstützung oder um den gesetzlichen Mutterschutz.

Schutz von Mutter und Kind

Das Arbeitsverbot vor allem in der Zeit nach der Entbindung kannte Senait Abiel zum Beispiel gar nicht. Die junge Frau flüchtete aus Eritrea nach Deutschland. Seit sie in München lebt, habe sie stets gearbeitet, das ist ihr wichtig zu sagen. „Ich bin jung, ich kann arbeiten“, das sagt sie immer wieder, während die fünfmonatige Zoe neben ihr liegt und im Kinderwagen schläft.

Nach ihrer Ankunft hat sie in einer Flüchtlingsunterkunft gewohnt und Teller in einer Spülküche abgewaschen. Bei einer Fast-Food-Kette stand sie an der Kasse – alles am selben Tag. Freizeit habe sie nicht gewollt, erzählt sie in einem Mix aus Englisch und Deutsch. Dann hätte sie zu viel über ihre Heimat nachdenken müssen, die im Nordosten Afrikas liegt und aus der jeden Monat Tausende fliehen. Die Menschenrechtsorganisation „Pro Asyl“ beschreibt Eritrea als „eine brutale Militärdiktatur, in der Folter und Verfolgung an der Tagesordnung sind“.

Während der Flucht lernte Senait Abiel im Sudan ihren jetzigen Mann kennen, Griechenland war ihre erste Station in Europa. Sie gelangte weiter nach Deutschland, nach dem Flüchtlingsheim kam Abiel im Haus Agnes, einer Einrichtung des Sozialverbandes für wohnungslose Frauen, unter. Die griechischen Behörden hätten ihren Verlobten inhaftiert, weil ihm Papiere fehlten, erzählt die 26-Jährige. Von ihrem Lohn habe sie ihn dort unterstützt. Als er freikam, sei auch ihr Asylantrag anerkannt worden und sie hätten in Griechenland heiraten können. Ihr Mann durfte nun ebenfalls nach Deutschland kommen. Vor fünf Monaten erblickte dann Zoe das Licht der Welt, doch zusammen wohnen, das kann die Familie bislang nicht.

Schwanger und das Leben steht Kopf

In einer Stadt wie München dreht es sich in vielen Beratungsstellen immer wieder um das Wohnen, denn Wohnraum ist knapp und teuer. „Es geht meist um existenzsichernde Fragen“, sagt auch Marina Macke, die als Sozialpädagogin Senait Abiel betreut. Viele Frauen, die in die Beratung kämen, seien alleinerziehend: „Es ist natürlich schwierig, arbeiten zu gehen, wenn man ein so kleines Kind hat. Mit dem Partner ist oft auch das Geld weg. Das ganze Leben ist dann auf den Kopf gestellt.“

Frauencafe-SKf-Schwangerenberatung
Ein Angebot des SkF ist das Frauencafé: Hier sollen Mütter Kontakte zu anderen Müttern knüpfen.
Foto: SKF/Jan Roeder

Wie bei Senait Abiel und Sandra Kastner: Von außen betrachtet sind ihre Leben schon kompliziert genug. Den Frauen, die Hilfe suchen, wollen Marina Macke und ihre Kolleginnen deshalb Halt geben. So soll das Gefühl entstehen, nicht allein zu sein, sondern mit Hilfe an der Seite, solange sie gebraucht wird. „Wir sagen dann: Besinnen Sie sich darauf, Sie bekommen ein Kind“, sagt Macke. „Wir schauen, welche Ressourcen sind da. Gibt es jemanden in der Familie oder Freunde, die jetzt zur Seite stehen können?“ Und manchmal, ergänzt ihre Kollegin Stadler-Luft, sei es so, „dass Behörden die Frauen ernster nehmen, wenn jemand von einem Verband wie dem SkF nach einem fehlerhaften Bescheid anruft“.

„Wir versuchen für die Frauen ein Netz zu schaffen“, erklärt Sozialpädagogin Macke. Ihr persönlicher Eindruck sei, dass „die Anonymität in der Großstadt nicht nur bei Frauen zum Problem werden kann“. Damit ihre Klientinnen einen Freundeskreis aufbauen können, bieten sie zum Beispiel Kochkurse an, wo es nicht darum gehen soll, den Frauen deutsche Hausmannskost nahezubringen. Eher, dass sich junge Mütter kennenlernen und anfreunden. Und wer Freundinnen hat, kann mit ihrer Hilfe rechnen.

Ausländerinnen wie Senait Abiel können dort auch ihr Deutsch verbessern. Die junge Frau versteht zwar gut, das Sprechen macht ihr aber noch Probleme. Einen Deutschkurs hat sie nicht besucht. „Man muss das so sehen: Viele müssen sich entscheiden – Deutsch lernen oder arbeiten“, erklärt Marina Macke. Abiel entschied sich, Geld zu verdienen statt die Schulbank zu drücken.

Wünsche an die Zukunft

Die Beraterinnen versuchen eine grundsätzliche berufliche Perspektive mit ihren Klientinnen zu entwickeln. Die 26-jährige Abiel würde gerne eine Ausbildung machen, als Kinderkrankenschwester zum Beispiel. Sandra Kastner kann in ihrem erlernten Beruf nicht mehr arbeiten. Zumal die Arbeit als Beiköchin nicht gerade etwas ist, was eine alleinerziehende Mutter von Zwillingen gut bewerkstelligen kann. Eine zusätzliche Ausbildung stellt sie sich vor, als Erzieherin im Kindergarten etwa, „in Teilzeit dann“, sagt sie und klingt hoffnungsvoll, als sie Louis und Paul die Mützchen gegen das schmuddelige Winterwetter überzieht. Momentan kümmert sich auch der Kindsvater um die beiden Kleinen. „Aber das kann sich ändern, wenn er wieder eine neue Freundin hat.“ Jetzt stehe er aber gleich vor der Tür und freue sich auf seine Söhne.

*Namen der Mütter und Kinder geändert

 

Dieser Artikel erschien am 5. Februar 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.