28. MĂ€rz 2017 Guntram, Ingbert

Die Welt, mit der wir leben

Peru ist eines der wald- und artenreichsten LĂ€nder der Welt. Doch durch Abholzung, Bergbau und Ölförderung sind die Natur und damit der Lebensraum der indigenen Ureinwohner bedroht. Birgit Weiler hilft ihnen, ihre Rechte durchzusetzen.
Die Natur sei so schön, dass man sie auch schĂŒtzen mĂŒsse. Nicht jedem gefĂ€llt das.

Von Thomas Schnieders

DIe Idylle trĂŒgt: Zahlreiche FlĂŒsse in Peru sind verseucht. Foto: Adveniat/Escher
DIe Idylle trĂŒgt: Zahlreiche FlĂŒsse in Peru sind verseucht.
Foto: Adveniat/JĂŒrgen Escher

Wenn Birgit Weiler ĂŒber den Amazonas fĂ€hrt, den wasserreichsten Fluss der Erde, genießt sie die vielen Pflanzen, die Tiere – sie sieht, wie bunt die Natur hier in Peru sein kann. „Wenn man unterwegs ist, dann ist das wie eine Betrachtung von Schönheit. Das macht auch demĂŒtig. Es lĂ€sst mich die eigene Kleinheit spĂŒren, im positiven Sinne“, erzĂ€hlt sie. Die MissionsĂ€rztliche Schwester ist in den Wochen vor Weihnachten in Deutschland unterwegs und berichtet von ihrem Leben in dem Anden-Staat.

Die 58-JĂ€hrige begleitet an der Jesuitenhochschule in der Hauptstadt Lima indigene Studierende. Auf deutsch wĂŒrde man den Studiengang, in dem sie tĂ€tig ist, Umweltmanagement nennen. Aber dahinter stecke mehr: Es gehe darum, zu ĂŒberlegen, welche Bereiche des Lebens auch fĂŒr die Umwelt eine Rolle spielten. Allerdings, sagt Weiler, gibt es in SĂŒdamerika den Begriff „Umwelt“ nicht in dem Sinne, wie wir EuropĂ€er ihn benutzen.

Traditionelle Lebensweisen

„Umwelt ist die Welt, mit der wir leben. Sie ist kein Objekt.“ Die Natur ist also direkter Bestandteil des Lebens. Denn die indigenen Völker sind in ihrer traditionellen Lebensweise eng mit der Natur verbunden: In Peru lernen bei den Wampi etwa die Jungen das Jagen von ihren VĂ€tern bei StreifzĂŒgen durch den Regenwald; MĂŒtter lehren ihren Töchtern Gartenarbeit. Die mit ihnen eng verwandten AwajĂșn leben im Amazonasgebiet vom Fischen, der Jagd und sie sammeln Wildpflanzen.

„Es gibt bei den indigenen Völkern die Vision vom guten Leben“, erklĂ€rt Missionsschwester Birgit Weiler. „Das ist kein Masterplan, sondern eher ein Horizont auf den man hinarbeitet. In Europa wird der Begriff anders gedeutet – aber damit ist kein Wellness-Gedanke fĂŒr einen selber gemeint!“ Vielmehr gehe es um die Erkenntnis, dass alles mit einander in Beziehung stehe: Mit der Gemeinschaft, mit der Umwelt und in Verbindung zu einem selbst.

AbwÀgen zwischen Natur und Wirtschaft

Die Studierenden, mit denen Weiler arbeitet, sollen nach ihrem Abschluss in der Lage sein, Unternehmen und die Regierung in Umweltfragen zu beraten. Dabei kann es etwa um die Vergabe von Abbaurechten im Erdöl- und Bergbau- sektor gehen. „Wir betreiben eine angewandte Forschung, wir sitzen nicht im Elfenbeinturm“, sagt sie. „Wir wollen uns in die gesellschaftliche Debatte einbringen, mit Aspekten, die sonst nicht bedacht werden.“ Es geht um eine AbwĂ€gung zwischen dem Nutzen, den wirtschaftliche Investitionen bringen können und mögliche langfristige Risiken fĂŒr die Natur.

Das Team um Birgit Weiler an der Jesuiten-Hochschule in Lima berĂ€t auch indigene Dorfgemeinschaften, die vor genau diesen Fragen stehen. In Peru sei es zwar so, dass das Land zwar Einzelnen gehören könne, die darin liegenden BodenschĂ€tze fielen allerdings dem Staat zu, erklĂ€rt sie. Durch eine Übereinkunft der Vereinten Nationen ist Peru jedoch verpflichtet, die LebensrĂ€ume der Ureinwohner zu schĂŒtzen und sie entsprechend vor der Vergabe von SchĂŒrfrechten anzuhören.

Birgit Weiler kĂ€mpft fĂŒr die Rechte der Indigen in Peru. Foto:Adveniat/JĂŒrgen Escher
Birgit Weiler kĂ€mpft fĂŒr die Rechte der Indigen in Peru. Foto: Adveniat/JĂŒrgen Escher

Birgit Weiler setzt sich dafĂŒr ein, dass dies immer auch geschieht, und dass am Ende die Bewohner eine Entscheidung fĂ€llen können, fĂŒr die sie alle Fakten kennen. „Die Menschen wenden sich an die Kirche, weil sie ihr vertrauen“, sagt sie. Man habe auch schon runde Tische mit Experten gebildet, damit diese die betroffenen Einwohner begleiten. Oft wĂŒrden die Unternehmen im Vorfeld mit neuen ArbeitsplĂ€tzen fĂŒr die Region werben, wo es meist keine Fabriken gibt. Doch Weiler ist skeptisch: Zu oft hĂ€tten Unternehmen dann doch ihre eigenen Leute mitgebracht, Bewohner selbst wĂŒrden nur fĂŒr untere TĂ€tigkeiten angestellt. Auch, weil die meisten eben nicht ĂŒber die nötige Ausbildung verfĂŒgten.

Schmutzkampagnen

Die 58-JĂ€hrige Ordensfrau hat die Erfahrung gemacht, dass Unternehmen zu oft mit falschen Informationen versuchten, Menschen auf ihre Seite zu ziehen. Manchmal wĂŒrden sogar Indigene bezahlt, um ihr Umfeld von einer Investition zu ĂŒberzeugen und Gefahren klein zu reden. Außerdem werde verunglimpft – Weiler selbst stand zwei Mal im Fadenkreuz, berichtet sie. „Richtige Schmutzkampagnen“ seien das gewesen; Kollegen hĂ€tten sogar schon Probleme gehabt, ihr Visum zu verlĂ€ngern. In diesem Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen bewegen sich ihr Team und sie, deren Arbeit vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat gefördert wird, und fĂŒr das traditionell in den katholischen Weihnachtsgottesdiensten gesammelt wird. Sie wollten versuchen, den Indigenen eine objektive Entscheidung zu ermöglichen. „Wirtschaftliche Investitionen sind nicht immer schlecht“, sagt Birgit Weiler.

Aus eigener Erfahrung

Aber sie können eben doch gravierende Folgen haben. Weiler weiß aus eigener Erfahrung, wie die Schwerindustrie in das Leben der Anwohner eindringt, wenn zum Beispiel der Bergbau das Unterste einer Gegend nach oben kehrt: Die 58-JĂ€hrige ist in Duisburg aufgewachsen, einer Stadt, die bis heute von der Stahlindustrie geprĂ€gt ist. Dort wie im ganzen Ruhrgebiet hatte man in der Zeit des Wirtschaftswunders noch nicht den Blick fĂŒr den Umweltschutz, den man heute hat. „Wenn die Mutter am Montag gewaschen hat, dann mussten wir Kinder immer mit Acht geben. Wenn gerade ein Hochofen angestochen wurde, dann musste die WĂ€sche schnell rein, sonst wĂ€re sie voller Ruß gewesen.“ Schon in ihrer Kindheit habe sie gelernt, achtsam zu sein. Erst wegen der WĂ€sche, dann auch wegen der Natur und der Umwelt, die Schöpfung. Daraus entstamme ja das Leben, denkt sie, deshalb sei die Schöpfung so schĂŒtzenswert.

Schon als Jugendliche habe sie der Gedanke der Befreiungstheologie beeindruckt, der den Armen eine Stimme geben will. „Die Kirche ist gerufen, Dienst an den Menschen zu tun, nicht nur fĂŒr Christen“, sagt sie. Sie versteht ihr Engagement deshalb als direkte Nachfolge im Dienste Jesu. Als Ordensfrau der MissionsĂ€rztlichen Schwester wolle sie den Weg Jesu nachgehen. „Jesus hatte den Menschen als Ganzes im Blick und auch die Beziehungen unter den Menschen. „Weil Jesus fĂŒr die Armen gelebt hat, heißt das ja nicht, dass anderen seine Liebe nicht galt.

„Der Einsatz fĂŒr Arme“, sagt Birgit Weiler, die Ordensschwester, „muss vereinbar sein mit dem Schutz der Erde. Damit sie ein Haus fĂŒr alle bleibt.“

 

Stichwort:

Peru ist nach Brasilien und Argentinien das drittgrĂ¶ĂŸte Land SĂŒdamerikas. Damit ist es etwa doppelt so groß wie Frankreich, hat aber nur halb so viele Einwohner, nĂ€mlich 30 Millionen, von denen 90 Prozent katholisch sind. In Peru gibt es drei verschiedene Landschaftszonen mit jeweils unterschiedlichen klimatischen Bedingungen: Das Hochland, die KĂŒste und den Regenwald, der etwa 60 Prozent des Staatsgebietes ausmacht.

Die Wirtschaft ist stark auf den Export von BodenschÀtzen ausgelegt, in erster Linie aus dem Bereich Bergbau, ein kleinerer Teil Erdöl.

Die Hauptstadt Perus ist Lima, deren Altstadt noch aus der
spanischen Kolonialzeit stammt und zum Weltkulturerbe der Vereinten Nationen gehört.

 

Dieser Artikel erschien am 25. Dezember 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.

Lesen Sie zu diesem Thema auch das PortrĂ€t ĂŒber Ernestina LĂłpez Bac. Sie setzt sich in ihrer Heimat Guatemala fĂŒr die Rechte der Indigenen ein: „Damit wir auf Augenhöhe sind"