Spitze, ganz fein

Handarbeiten haben die süddänische Stadt Tønder reich gemacht. Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert entwickelte sich hier eine ganze Industrie rund ums Klöppeln. Wahrscheinlich durch den Handel mit den Niederlanden und Belgien ist die feine Spitze in die Region gekommen. Meist klöppelten Frauen in Heimarbeit – und das so gut, dass selbst die Hauptstadt Kopenhagen dabei nicht mithalten konnte. Der Glanz der damaligen Zeit ist in der Stadt noch zu sehen. Und ein Verein erhält das reiche Erbe aufrecht.

Zu Besuch in der Stadt, die bis heute stolz ist auf ihre Tradition mit Spulen, Nadeln und Faden. Von Thomas Schnieders

Lene Holm Hansen (links) und Jette Lausen bewahren die Spitzen-Tadition in Tønder.
Lene Holm Hansen (links) und Jette Lausen bewahren die Spitzen-Tadition in Tønder.

Schnell kreuzt Lene Holm Hansen das Klöppelpaar miteinander. Dann legt sie es zur Seite, nimmt das nächste, dann das übernächste. Insgesamt vier Paare hat Lene vor sich liegen, rasend schnell hat sie dies bei allen gemacht. Dann steckt sie eine Nadel ins Kissen, damit der Knoten hält, und sie beginnt von vorn. Man braucht ein gutes Auge, um zu erkennen, an welcher Stelle sie nun die Knoten beim Klöppen gemacht hat und wie es dann weitergeht. Lene lacht: „So schwer ist es eigentlich gar nicht, es sind doch nur vier Paare, mit denen ich hier arbeite.“ Es wird ein kleines Bild, an dem sie grade arbeitet und das sei eigentlich etwas für Anfänger. Bei den berühmten Spitzen, die früher die Gewänder von Königen und die Hochzeitskleider von Bräuten schmückten, da brauche 40 oder 50 solcher Paare.

 Spitzen-Freunde aus der ganzen Welt kommen nach Dänemark

Hansen ist Vorsitzende des Vereins „Kniplings-festival i Tønder“. Die 58-Jährige organisiert mit den anderen Mitgliedern alle drei Jahre eine Messe rund ums Klöppeln. In diesem Jahr kamen in die südjütländische Stadt Hunderte Besucher, nicht nur aus Europa, sondern sogar aus Japan, Kanada und den USA. Es schwingt Stolz in ihrer Stimme mit, wenn sie das erzählt. Denn der Verein arbeitet ehrenamtlich und die große Spitzen-Zeit ist seit der Industrialisierung vorbei.

Für einen Zentimeter Spitze braucht man etwa eine Stunde.
Für einen Zentimeter Spitze braucht man etwa eine Stunde.

Zum ersten Mal erwähnt wird das Tonderanderklöppeln (Tonderknipling) Ende des 16. Jahrhunderts, 1688 sollen sich bereits 29 Spitzenhändler in der Stadt niedergelassen haben. Eine ganze Industrie hatte sich entwickelt: Die Ursprünge dieser Kunst liegen in Nord-Italien, über Frankreich, Belgien, England, den Niederlanden und Deutschland kam die Kunst nach Skandinavien. Durch die Nähe zum Wasser führten man in der Gegend um Tønder einen regen Handel mit diesen Ländern. Dennoch war ein großer Teil der Bevölkerung sehr arm und so waren es vor allem Frauen, die das Handwerk erlernten und dankbar waren, in Heimarbeit etwas für den Lebensunterhalt der Familie hinzuzuverdienen.

Zur Beliebtheit beigetragen hat der damalige König Christian IV. (1588-1648): Auf Gemälden ist er oft mit spitzenumrandeten Gewändern zu sehen. „Tønder-Spitzen bestehen aus ganz dünnem Garn, das mit einem dickeren Faden umrahmt ist“, erklärt Jette Lausen, die sich ebenfalls im Verein engagiert und ergänzt: Das waren ganz feine Muster. Inspiriert wahrscheinlich von Frankreich und Italien.“

Spitze machte Tønder reich. In der Stadt ist das noch zu sehen.

Tønder sei damit reichgeworden, erzählt Lene Holm Hansen. „Man sieht das immer noch. Einige der schönsten Häuser in der Innenstadt gehörten einmal Händlern von Spitzen. Diese versorgten die Frauen mit Garnen und sorgten anschließend für den Verkauf der Ware. Diese Industrie war für die Gegend so wichtig geworden, dass ein Erlass ab 1740 verbot, dass Klöpplerinnen ihren Wohn- oder Geburtsort verließen. „Wir wissen von einem Mädchen, das eine Genehmigung brauchte, nur weil sie einen Mann heiraten wollte, der ein paar Kilometer weit weg wohnte“, erzählt Lene. Bis zu 12.000 Frauen klöppelten im 18. Jahrhundert professionell, wobei es sicherlich auch viele gab, die damit nicht ihren kompletten Lebensunterhalt verdienen mussten, sondern als Bäuerinnen im Winter etwas dazuverdienten. Doch ab etwa 1800 änderte sich die Mode und Spitzen waren nicht mehr so gefragt. Dazu kam die große Konkurrenz aus anderen Landesteilen, die weniger aufwändig und mit größeren Mustern klöppelten. „Das ist das Kopenhagener Loch“, erzählt Lene. Sie steht nun im Klöppelmuseum, in dem der Verein auch sein Büro hat, vor einer Vitrine mit alten Spitzen. Die Löcher der Arbeit sind bei diesem Stück tatsächlich größer als bei anderen, insgesamt sieht es weniger edel aus. Aber man machte das, erklärt Lene, „um mit den Maschinen mitzuhalten“. Die Industrialisierung hatte so starken Einfluss auf Tønder.

Daran erinnert das Klöppelmuseum, das in der Fußgängerzone von Tønder liegt und in dem das Kniplingsfestival sein Büro hat. Lene Holm Hansen und Jette Lausen bringen hier in den Ferien Kindern aus der Stadt und Touristen die Tradition des Klöppelns bei. „Wir hoffen, dass die Mädchen, wenn sie älter sind, sich an den Kurs erinnern und zu Hause selbst ein bisschen klöppeln“, sagt Jette. Bis heute ist dieses Handwerk eine weibliche Angelegenheit geblieben. Nur zweimal habe sie Männer in einem ihrer Kurse gehabt, erinnert sie sich: „Es ist eigentlich eine Tätigkeit, die leicht zu lernen ist. Weil man aber die Finger viel bewegt, ist es gut, wenn man Rheuma hat.“ Und es schule die Konzentrationsfähigkeit, ergänzt Lene. Ungeduldig sei sie allerdings nicht, wenn sie ein neues Muster ausprobiere: „Es ist eine Beruhigungstherapie.“

Eine erfahrene Klöpplerin hat auch bei so vielen Paaren den Überblick.
Eine erfahrene Klöpplerin hat auch bei so vielen Paaren den Überblick.

Lene weiß noch genau, wann sie das erste Mal geklöppelt hat. 1979 war das, sie wollte Handarbeitslehrerin werden und erlernte das Handwerk aus diesem Grund. Als Lehrerin arbeitet sie nicht mehr, sondern als Sozialarbeiterin, doch klöppeln macht sie immer noch gerne. Ihre erste Arbeit, ein kleines Band, hat sie gut verwahrt zu Hause. Klassische Spitzen aus weißen Leinenfäden, die etwa um Taschentücher genäht werden, klöppeln die beiden Frauen nur noch selten. Auch wenn die Tradtion der Tønder-Spitzen wunderbare Arbeiten an Hauben für Frauen oder Tüchern hervorgebracht hat, wie beide beim Rundgang im Museum gerne zeigen. Sie probieren mittlerweile neue Formen und Materialien aus: Mit dünnem Draht zum Beispiel oder mit getrockneten Gräsern.

Der Garten ein Klöppel-Muster.
Der Garten ein Klöppel-Muster.

Wenn Lene Holm Hansen und Jette Lausen in das kleine Museum kommen, dann gibt es eine Sache, über die sie sich regelmäßig freuen, die aber erst auf den zweiten Blick etwas mit dem Klöppeln zu tun hat. Lene öffnet die Tür in den Garten, dort hat das „Museum Sonderjylland“, zu dem auch diese Außenstelle gehört, einen Garten angelegt. Die Frauen zeigen auf symmetrisch angelegte Beete und sechseckige Steinplatten.

„Komm!“, ruft Lene. „Wir gehen nach oben. Von dort aus kannst du es besser sehen: Es ist ein Muster für eine Klöppelarbeit!“

 Weitere Informationen zum Klöppelfestival in Tønder finden Sie hier auf deutsch.

Grundlegende Informationen zum Klöppelmuseum in Tønder finden Sie hier auf deutsch. Das Museum gehört zum Museum Sønderjylland (Seite auf dänisch).

 

Der Artikel erschien am 14. August 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.