30. März 2017 Leonardo Murialdo, Patto

 

Freudentanz ohne Grenzen

Geflüchtete Kinder müssen auch wieder lernen, was in ihnen steckt. Zu Besuch bei Freudentanz in München, wo sie auch wieder lernen zu spielen.

Von Thomas Schnieders

Wenn Eva-Maria Weigert Musik auflegt, schnappen sich die Mädchen bunte Tücher. Tanzen ist für sie wirklich ein Freudentanz.
Wenn Eva-Maria Weigert Musik auflegt, schnappen sich die Mädchen bunte Tücher.
Tanzen ist für sie wirklich ein Freudentanz. Fotos: Schnieders

 „Toba, Toba!“, rufen mehrere Jungen begeistert, lassen Schulbücher und Spielsachen liegen und stürmen zur Tür des kleinen Zimmers, das ihnen in einer Münchner Flüchtlingsunterkunft als Spiel- und Hausaufgabenzimmer dient. Noch bevor der junge Mann seinen Fuß über die Schwelle gesetzt hat, umarmen ihn einige stürmisch. Denn, wenn Toba kommt, dann schallen Hip-Hop-Beats über den Flur, zu denen sie trainieren. Toba ist einer von etwa 100 Freiwilligen, die sich bei „Freudentanz“ in München engagieren. Er ist selbst ein ehemaliger Freudentänzer, lebte selbst im Heim und gibt den Jungen nun weiter, was er einst bekommen hat.

Toba war selbst  Freudentänzer.  Heute gibt er sein Wissen weiter.
Toba war selbst Freudentänzer.
Heute gibt er sein Wissen weiter.

Die Initiatorin Eva-Maria Weigert steht daneben und beobachtet, wie die Kinder die Mitte des Zimmers leer räumen, Stühle und Tische an den Rand schieben und zwei dicke blaue Matten herbeizerren. Sie lächelt, was bei dem Lärmpegel, der nun herrscht, vermutlich nicht jedem gelingen würde. Doch für Weigert drückt die Lautstärke die Freude der Kinder aus.

Eva-Maria Weigert suchte neue Aufgaben. Mit Freudentanz schuf sie sich eine.

Diese Erfahrung macht die 60-Jährige seit über 20 Jahren: Damals waren ihre vier Kinder auf dem Weg flügge zu werden und Eva-Maria Weigert wollte eine neue Aufgabe. Gelernt hat sie nach der Schule das Handwerk der Goldschmiedin, aber schon damals habe sie auch mit dem Beruf der Sozialpädagogin geliebäugelt. Ihr Mann ist Pastor in München und gemeinsam hätten sie sich immer schon sozial stark engagiert.

Der Auslöser, Flüchtlingen zu helfen, kam vor über 20 Jahren von ihren beiden Töchtern. Diese hatten im Zuge eines Hilfseinsatzes in Albanien eine syrische Familie kennengelernt, die später in München lebte und die drei Frauen zu sich einlud. Weigert sagt, sie sei entsetzt gewesen, über die Zustände, in denen diese Familie in einem Heim leben musste, und gleichzeitig beeindruckt von ihrer Gastfreundschaft.

Der Freudentanz für die Jungen in München ist Hip-Hop.
Der Freudentanz für die Jungen in München ist Hip-Hop.

Sie habe für die Kinder in der Flüchtlingsunterkunft damals etwas tun wollen, vor allem für die Mädchen, sagt sie. „Die Jungs konnten im Hof Fußball spielen, aber für die Mädchen gab es nichts.“ Was solle man auch machen, wenn weder Geld noch Platz für die Freizeitbeschäftigung von Kindern vorgesehen ist. Das Tanzen war ihre Idee, denn dafür braucht man keine teuren Geräte. Sie bot dann der Caritas ihre Hilfe an. Einmal in der Woche wolle sie ehrenamtlich tätig sein.

Freudentanz ist mehr als tanzen

Im Jahr 2000 gründete sie „Freudentanz“ und über die Jahre entstand ein ganzes Netzwerk inklusive Hausaufgabenbetreuung: Mittlerweile ist Weigert hauptamtlich für die Caritas im Einsatz, immer in der Unterkunft an der Truderinger Straße im Münchner Osten: einem ehemaligen Bürogebäude mit Platz für 300 Menschen, darunter fast 150 Kinder, vor der Tür eine Schnellstraße, gleich nebenan ein Wertstoffhof.

Die Kleinen sollen von den Großen lernen. Diese zwei Mädchen tanzen gerne mit bunten Tüchern.
Die Kleinen sollen von den Großen lernen. Diese zwei Mädchen tanzen gerne mit bunten Tüchern.

„Es geht nicht nur um das Tanzen“, sagt Weigert. „Es ist Hilfe zur Selbsthilfe. Die Kinder können sich so gegenseitig unterstützen.“ Durch die Flucht hätten viele ihr Kindsein verlernt, wüssten gar nicht mehr was Spielen eigentlich sei. Viele hätten erfahren, dass es am besten helfe, die Ellenbogen auszufahren, um zu überleben. Bei einigen äußere sich das in immer wieder aufkeimender Aggression, bei anderen, indem sie mittlerweile völlig verschüchtert und in sich gekehrt seien. Durch das Training lernen sie ein besseres Sozialverhalten: Weigert achtet sehr stark darauf, den Kindern zu vermitteln, Streit mit Worten statt Fäusten zu lösen.

"Wir wollen gute Freunde sein!"

Deshalb kniet sie gerade zwischen den Jungen auf dem Boden, bevor Toba mit dem Training anfangen kann. In ihren Händen zwei Playmobil-Figuren. Mit dem Spielzeug stellt sie einen Konflikt nach und fordert die Kinder dazu auf, ihr zu erklären, was sie machen können, wenn mit ihnen jemand Streit anfängt. Weigert sieht auch die Fortschritte der Kinder, und sie sieht auch, wie stark die Kinder sind: „Sie sind Überlebende. Das setzt ganz viel frei! Für sie ist wenig selbstverständlich, sie wollen das Leben!“ Damit meint sie auch den Wunsch zur Schule zu gehen und zu lernen.

Weil die Interessen von Jungen und Mädchen oft unterschiedlich sind, gibt es zwei Tanzgruppen. Die Mädchen treffen sich an dem Tag eine Etage höher. Sie sitzen im Kreis auf einem Teppich und halten ihr Begrüßungsritual ab: „Wir wollen gute Freunde sein!“, rufen sie am Ende und klatschen in die Hände. Dann legt Eva, wie alle Kinder sie nennen, Musik auf. Die acht Mädchen, die an diesem Tag gekommen sind, schnappen sich bunte Tücher. Zwei fangen beim ersten Ton der Musik an zu tanzen. Schnell fliegen auch die Tücher der anderen rot, gelb und grün durch den Raum.

Freudentanz macht selbstbewusst

Nur die Schwestern Precious und Progress stehen dabei noch etwas verschüchtert am Rand. Eva-Maria Weigert bittet sie zwischendurch immer wieder mitzumachen, den anderen vorzumachen, wie sie gerne tanzen. Sie drängt sie nicht.

Doch plötzlich fasst sich Precious, ein Herz, geht in die Mitte und dreht sich um sich selbst. Die anderen machen es nach, Precious schaut selig dabei. Dann traut sich auch ihre Schwester Progress. Glücklich, mit einem Strahlen auf dem Gesicht stehen beide nun in der Mitte, tanzen, springen, lachen. Für Eva-Maria Weigert ein Beweis dafür, dass die beiden kleinen Mädchen wieder neues Selbstvertrauen gewonnen haben.

In den Ferien veranstaltet Weigert Tanzwettbewerbe für die Kinder. Dabei geht es nicht um den Wettstreit und die Konkurrenz untereinander, sondern darum, gemeinsam an einer Choreographie zu arbeiten. Mittlerweile treten die Gruppen auch auf, etwa auf Stadtteilfesten.

„Eigentlich ist das mein Traumjob“, sagt Eva-Maria Weigert über ihre Arbeit. Die Hektik, den Stress ihrer Arbeit kann sie im Gebet loslassen: „Aus meinem Glauben, aus meiner Freundschaft zu Gott und zu Jesus schöpfe ich Kraft.“ Sie zitiert einen Vers aus dem Matthäus-Evangelium: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“, und ergänzt: „Die Liebe, die ich für die Menschen habe, die habe ich selbst geschenkt bekommen und die gebe ich weiter.“

Eva-Maria Weigert ist "Goldene Bild der Frau"

Für ihre Arbeit ist Eva-Maria Weigert schon oft ausgezeichnet worden, etwa mit der „ Goldenen Bild der Frau 2014“ und dem „Prix Courage“ des ZDF-Magazins „ML Mona Lisa“. Von selbst kommt sie darauf aber nicht zu sprechen. Sie frage sich manchmal, warum sie eigentlich ausgezeichnet werde. Sie sagt das, als sei es selbstverständlich, sich in dem Maße über so lange Zeit zu engagieren. Aber sie nehme die Preise an, für die Kinder, die sich darüber so freuen, und natürlich auch, um das Projekt „Freudentanz“ bekannt zu machen.

In der Pyramide wie im Leben: Man muss zusammenhalten.
In der Pyramide wie im Leben: Man muss zusammenhalten.

Achtsamkeit und Menschlichkeit wolle sie vermitteln. Ihr Zukunftswunsch ist deshalb allgemein auf die Gesellschaft gerichtet: „Wenn sich nur jeder zehnte Deutsche um seinen Nachbarn kümmert, egal, ob er Syrer oder Deutscher ist, wäre an der Gesellschaft ein guter Dienst getan.“

Mittlerweile sind beide Übungsstunden dem Ende nahe. Die Mädchen verstauen die Tücher, und zwei Etagen tiefer, im Erdgeschoss der Unterkunft, will Trainer Toba noch eins ausprobieren: die gemeinsame Pyramide. Die ersten Jungen knien sich auf allen vieren auf den Boden, weitere steigen auf ihre Rücken. Auch wer kurz vorher noch gestritten hat, muss sich nun an den Händen halten. Sonst hält die Formation nicht. Dann fällt sie in sich zusammen.

 

Mehr Informationen zu Freudentanz erhalten Sie im Internet unter: http://freudentanz.net/

 

Der Artikel erschien am 31.Juli 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.