28. März 2017 Guntram, Ingbert

Hoffnung mit AIDS

Fast jeder Fünfte ist in Südafrika an HIV erkrankt – unter ihnen auch viele Kinder. Dagegegen stellt sich das Projekt HOPE Cape Town, das sich in der Region um Kapstadt dafür einsetzt, die Not der Menschen zu lindern.

Kinder vor dem Auto von HOPE.
Unter den HIV- und AIDS-Kranken in SĂĽdafrika sind auch viele Kinder (Symbolfoto).
Vorbei zieht das schicke Hafenviertel Waterfront in Kapstadt, ziehen „Champagner Tours“, bei denen Touristen ein Glas Sekt während Fahrten auf Miet-Katamaranen genießen. Der Vater der „Regen­bogennation“, Nelson Mandela, ­­der den Menschen Hoffnung gab, die leidvolle Epoche der Trennung zwischen den Hautfarben zu überwinden, lächelt übergroß als buntes Relief von einer Hochhausfront.
 
Nur 20 Minuten dauert die Fahrt auf der N1 vom Stadtzentrum in den Norden. Schilder warnen hier die Fahrer vor blitzartigen Raub­überfällen während roter Ampelphasen. Ein weiteres Problem neben der hohen Kriminalität in den Townships, den sozialschwachen Stadtteilen rund um Kapstadt: Viele Menschen sind mit dem HI-Virus infiziert oder haben bereits dessen Folge AIDS.
 
Damit möchten sich die Büroleiterin Kerstin Behlau und Krankenschwes­ter Pauline Jooste nicht abfinden, die Pflegekräfte ausbildet. Sie haben sich dem Kampf gegen das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) verschrieben. Zusammen mit 33 anderen Mitarbeitern gehören beide zu HOPE Cape Town – einem Hilfsprojekt, das sich ausschließlich durch Spenden finanziert und das staatlich unabhängig ist. 2001 gründeten es der deutsche Pfarrer Stefan Hippler und die Ärztin Monika Esser, um der hohen Sterblichkeitsrate von Kindern durch eine altersgerechte Behandlung und spezielle Medikamente Einhalt zu gebieten.

Umfangreiches Programm

Im Laufe der Jahre wuchs das Programm dann um viele Facetten: Gesundheitsberater besuchen Familien zu Hause und erzählen ihnen, wie sie ihre erkrankten Kinder besser betreuen können. Sozialarbeiter sorgen durch Schulungen dafür, die Bildung zu verbessern und klären über die Verbereitungswege von HIV auf. HOPE betreibt eine Kinderstation im größten Krankenhaus der Region mit eigenen Ärzten und Pflegern. „Wir wollen den Menschen Hoffnung für das Leben mit der Krankheit geben, die eine Zerstörung der körperlichen Abwehrkräfte zur Folge hat“, sagt Kers­tin Behlau.
 
Hoffnung gewinnen mit einer Erkrankung, die ohne Behandlung zum Tod führt und von der es bis heute keine Heilung gibt – was das bedeutet, zeigt eine Besichtigungsfahrt an die verschiedenen Orte um Kapstadt, an denen HOPE tätig ist.So auch im Stadtteil Delft. 152.000 Menschen leben hier auf engem Raum, überwiegend in einfachen Behausungen aus Wellblech. Vor der Main Clinic, einem kleineren Krankenhaus im Herzen des Townships, warten zahlreiche Patienten auf die Sprechstunde. Viele sind wegen Symptomen gekommen, die mit der Immunschwäche AIDS einhergehen: Sie leiden unter Atemproblemen, Erkrankungen des Darm-Traktes oder fühlen sich körperlich zu schwach, ihre alltäglichen Aufgaben bewältigen zu können.
 
Wartende Patienten
In der Main Clinic im Township Delft in Kapstadt warten Patienten auf die Sprechstunde.

Tuberkulose

Im Wartebereich für Tuberkulose-Patienten werden Atemmasken verteilt: So soll ein weiteres Anstecken mit der Lungenkrankheit verhindert werden, die eine Folge einer HIV-Infektion sein kann. Darüber informiert auch ein Vortrag eines Gesundheitsberaters von HOPE vor einer Gruppe Patienten. Wie auf einer Insel lauschen die Zuhörer seinen Ausführungen inmitten der Gänge, während um sie herum Stimmengewirr hallt. Kinder, die mit ihren Angehörigen auf die Sprechstunde warten, laufen umher. Ruhig ist es wiederum in einem Zimmer, in das die Patienten einzeln eintreten. Im „Erstaufnahmeraum“ bekommen sie Gewissheit, ob bereits eine Infektion mit HIV vorliegt.
 
Mit einer spitzen Lanzette entnimmt die Mitarbeiterin von HOPE dem Zeigefinger eines etwa 40-jährigen Mannes ein paar Tropfen Blut, die sie anschließend auf Teststreifen träufelt. Langsam zieht die rote Färbung das Papier bis zur Markierung hinauf. Verschüchtert verfolgt der Mann, der vorher über Unwohlsein klagte, den Ablauf der Untersuchung. Er hofft, dass der Test negativ ausfällt.
 
Es ist nur eine etwa stecknadelkopfgroße Linie, die über sein weiteres Schicksal entscheidet. „Ein positiver Ausgang des Schnelltests hat gravierende Folgen auf das Leben der Patienten. Dann sind auch weitere Blutuntersuchungen notwendig, um die Viruslast zu bestimmen, die darüber Auskunft gibt, ob und wie stark die Krankheit bereits ausgebrochen ist“, erläutert Kerstin Behlau. So weit kommt es bei dem Mann allerdings nicht, der erleichtert aufatmet: der Test fällt negativ aus. Die gelöste Stimmung nutzt die Gesundheitsberaterin dazu, ihn über die Verbreitungswege von HIV zu informieren und erklärt, wie er sich durch einen verantwortungsvollen Umgang mit der Sexualität schützen kann.
 
Pauline Jooste
Pauline Jooste (links) ist Krankenschwester. Sie bildet Pflegekräfte aus und berät Familien.

Problem AIDS

Nach einer Studie der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2014 sind von den etwa 54 Millionen Einwohnern Südafrikas bis zu 6,8 Millionen Menschen mit HIV infiziert oder haben bereits AIDS. 3,9 Millionen Frauen über 15 Jahren und bis zu 340.000 Kinder bis 14 Jahren leben mit HIV. Die Ursachen liegen vor allem in mangelnder Bildung und daraus resultierender Unkenntnis durch die Verbreitungswege der Krankheit durch mangelnde Hygiene und Geschlechtsverkehr. Aber auch Armut und Kriminalität tragen zur hohen Rate der HIV-Infektionen bei, sagt die Statistik nüchtern. Was das in der Realität bedeutet, wird in Blikkiesdorp deutlich – einem weiteren Standort von HOPE.
 
Etwa zehn Autominuten von Delft entfernt, bietet der Sozialarbeiter Gerald Flagg, den alle nur „Oudi“ nennen, eine Sprechstunde an. In dem mit einfachsten Hütten bebauten Areal, das hier draußen errichtet wurde, um sozialschwache Menschen aus dem Blickfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in der Innenstadt Kapstadts zu verbannen, sei das Bildungsniveau besonders gering. „Die Bewohner des Viertels können hier eigentlich an Computerkursen teilnehmen oder in Schulungen lernen, wie sie einen Haushalt führen,“ sagt Flagg mit ruhiger Stimme, während er etwas ratlos in seine leeren Räumlichkeiten blickt.
 
Gerald Flagg
Sozialarbeiter Gerald "Oudi" Flagg organisiert Computerkurse.

Kriminalität

Eigentlich standen hier Schreibtische und Computermonitore – bis sie bei einer Einbruchserie gestohlen wurden. Selbst die Lichtschalter, Stromleitungen und Türklinken haben die Diebe mitgenommen. Davon lässt sich Oudi aber nicht abschrecken und gibt sich hoffnungsvoll, bald weitermachen zu können. „Kriminalität und Banden sind hier ein großes Problem, das wir mit unserer Arbeit bekämpfen möchten. Gerade sind wir dabei, alles neu aufzubauen und suchen bereits Spender“, erzählt er. Auch einen Wachmann hat er bereits eingestellt, der zukünftig abends nach dem Rechten sehe.
 
In den Gassen von Blikkiesdorp, allesamt einfache Pisten aus festgefahrenem Sand, gibt es keine Bäume – nur Strommasten mit fliegenden Leitungen, um die herum sich wie in Spinnennetzen die Wohneinheiten gruppieren. Und die sehen fast alle gleich aus: Oudi öffnet die Tür zu einem Haus, in dem eine Familie wohnt, die gerade aber nicht anwesend ist. „So wie ihnen, geht es auch den gut 15.000   anderen Bewohnern des Viertels, die sich mittlerweile aus 35 Nationen zusammensetzen“, erklärt Oudi. 18 Quadratmeter für bis zu fünf Personen: zwei Räume – einer mit Bettgestellen zum Schlafen. Der andere mit Sitzecke, ein paar Schränken und einer improvisierten Küche zum Wohnen. Draußen befindet sich ein kleiner Platz, in dessen Mitte ein Toilettenhäuschen steht, dessen Abwässer im von der Sonne aufgeheizten Sandboden versickern.
 
Blikkiesdorp
Die Siedlung Blikkiesdorp prägen einfache Behausungen und Gassen aus Sand.

Mehr Bildung

„Der Kampf gegen AIDS wird von uns nicht nur auf der medizinischen Ebene geführt“, sagt Kerstin Behlau, die in ihrer Mitarbeit bei HOPE eine „Lebensaufgabe“ sieht. Mit Sozialarbeitern wie Oudi möchte HOPE in die Bildung der Menschen investieren. Das führe dann zu mehr Wohlstand, weniger Kriminalität und letztendlich auch zu weniger Neuinfektionen. Dennoch bleibe die Verbesserung der Gesundheit eines der Kernanliegen. So auch im Tygerberg Hospital, das als größtes Krankenhaus der Region für den gesamten Norden von Kapstadt zuständig ist.
 
67 Stationen gibt es in dem riesigen Gebäudekomplex. Eine von ihnen ist anders. Die „Hoffnungs-Station“ wird durch speziell ausgebildete Krankenschwestern und Ärzte des Hilfsprojekts betreut. In den Zimmern sitzen Mütter, die ihre neugeborenen Babys stillen. Innig kuscheln einige mit ihren erkrankten Töchtern und Söhnen. Andere kleine Patienten wiederum schlafen, während Angehörige neben dem Bett lesen, Musik hören oder sich unterhalten. Im Nachbarraum tobt sich ein Junge in einer Spielecke aus. Der gelösten Stimmung merkt man nicht an, dass hier vorwiegend kleine HIV-und AIDS-Patienten behandelt werden, die ohne ihren Aufenthalt ihrem Tod entgegengehen würden.
 
Schutzmaske
Eine kleine Patienten trägt eine Tuberkulose-Schutzmaske.

Resistenz-Tests

„Wir kümmern uns hier um Kinder, die vor allem Erkrankungen des Magen- und Darmtraktes haben“, sagt Kerstin Behlau. Bei einigen ist Krebs ausgebrochen – eine weitere Folge, die die Immunschwäche haben kann. „Auch in diesem Fall ist uns wichtig, dass sie Verwandte begleiten, die rund um die Uhr hier auch übernachten können“, erklärt Behlau. So können sie immer bei ihren Kindern sein und sehen, wie sie sich zu Hause weiter um sie kümmern sollten.
 
HIV-Infektionen und AIDS sind bis heute nicht heilbar – mit Medikamenten lassen sie sich allerdings eindämmen. Ein Problem sei aber, dass viele Kinder bereits Resistenzen gegen manche Präparate entwickelt hätten, erläutert Pauline Jooste. HOPE teste die Kinder daher, welche Therapie für sie die richtige sei und vermittle ihnen dann antiretrovirale Medikamente aus dem staatlichen Gesundheitssystem: Sie verhindern, dass sich das Virus vermehrt und senken damit die Virenlast im Blut. „Das stärkt das Immunsystem der Betroffenen wieder und bringt sie ins Leben zurück“, sagt Jooste. Neugeborene kann man damit sogar von HIV befreien, wenn man die Mütter bereits vor der Geburt medizinisch versorgt. So können die Kinder einem Leben ohne Immunschwäche entgegengehen.
 
Im zähfließenden Feierabendverkehr geht es zurück über die N1 nach Kapstadt. Nelson Mandela heißt die Ankommenden aus dem Norden, die in Richtung des Kaps der Guten Hoffnung unterwegs sind, mit einem Lächeln willkommen.

Text: Henning Schoon / Fotos: HOPE Cape Town, Henning Schoon

Weitere Informationen zum Projekt HOPE Cape Town finden Sie hier.

Der Artikel erschien am 3.Juli 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.