Auf der Walz reifen Seele und Geist

Franz Zschornack war über drei Jahre auf der Walz. Ein Besuch bei ihm in der Lausitz.

Franz Zschornack (2.von links) trifft bis heute immer wieder andere Wandergesellen.
Franz Zschornack (2.von links) trifft bis heute immer wieder andere Wandergesellen.
Fotos: Kirschke

In seiner Schmiede mitten im kleinen Crostwitz trifft sich die Welt. „Hier waren schon Polen, Tschechen, Finnen, Japaner und sogar Tschernobyl-Kinder. Zum Internationalen Folklorefestival ‚Lausitz‘ alle zwei Jahre kommen oft Gruppen zu uns“, schildert der junge Bauschlosser Franz Zschornack stolz. Sein Großvater Paul Knopp führte die Schmiede in dem sächsichen Ort seit 1936 und übergab sie später an den Sohn. „Schon Großvater ging drei Jahre auf Walz“, erzählt der Enkel. „Bei mir reifte der Entschluss 2009. Das war bei einer Zugfahrt. Ganz im Stillen für mich.“

 

Glaube als Halt auf der Walz


Der heute 30-Jährige kehrte von einem Treffen der „Gesellschaft der rechtschaffen fremden und einheimischen Maurer- und Steinhauergesellen“ in Itzehoe zurück. Es ist die deutschlandweit älteste Gesellschaft für Wandergesellen. Sie vereint Berufe wie Maurer, Steinmetze, Bauschlosser, Schmiede und weitere Zweige. Aus Neugier fuhr Zschornack in den holsteinischen Ort und half bei einem sozialen Projekt: Gemeinsam schufen sie für einen Kinderzirkus eine Manege.
Privat und beruflich war er auf der Suche. Nach der Lehre als Konstruktionsmechaniker für Metall- und Schiffbau war Zschornack drei Jahre in einem Metallbau-Betrieb angestellt. Doch nun zog es ihn hinaus in die Welt. Tief verwurzelt im Glauben wuchs er auf. Sorbisch ist Alltags- und Umgangssprache in der Familie. Seine Großmutter ging täglich in sorbisch-katholischer Tracht. „Sie trug sie mit Liebe, Würde und Stolz“, erzählt der Enkel. „Oft las sie uns Kindern russische Märchen vor. Das Gebet vor dem Essen gehörte zum Alltag. Das war meine Kindheit.“ Seine Eltern leben Weltoffenheit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft vor. „Die Art, wie sie geben und nehmen, respektiere ich von ganzem Herzen“, sagt Zschornack. Hart arbeiten lernte er früh: Als Jugendlicher baute er mit dem Vater eine Haustreppe aus Metall, half beim Dachdecken und beim Bau von Eingangs- und Hoftoren. Der Werkstoff Metall fasziniert ihn.
 

Das ABC der Straße


Am 21. November 2009 startete er seine dreijährige Walz in Erfurt. Sie führte ihn quer durch Europa und sogar nach Brasilien, Paraguay und Argentinien. Manchen Rückschlag musste er verkraften. Ob das eine angebrochene Schulter nach einem Fahrradsturz war oder eine schwere Erkältung oder die anstrengende Arbeit bei Gluthitze oder Eiseskälte. „Manchmal fragte ich tagelang vergeblich nach Arbeit in den Betrieben“, erinnert er sich. Trotzdem dachte er nie ans Aufgeben. Wandergesellen, so schildert er, halten zusammen. Einer gebe dem anderen sein Wissen weiter, und man achte gegenseitig aufeinander. „Das ist das ABC der Straße.“
Erst nach elf Monaten traf er erstmals seine Eltern in Leipzig wieder, denn auf der Walz darf ein Handwerker seinem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen. Heimweh spürte er vor allem Ostern. Ritt er doch zuvor zehn Jahre stets in der Crostwitzer Auferstehungsprozession mit. Damit überbrachte er mit anderen Sorben die frohe Botschaft der Auferstehung.
 

Schnell wird Zschornack das Sorbenkind


Während der Walz lebte er drei Monate im Schweizerischen Graubünden bei einer Handwerkerfamilie. Zschornack erfuhr viel Liebe zur Natur und zu den Tieren. Der Hausherr lobte ihn für seinen Fleiß: „Ihre Gesellen seid gute Handwerker.“
In Rumänien wiederum machte Zschornack unterschiedliche Erfahrungen. In Sibiu (früher Hermannstadt) in Siebenbürgen lebte er sieben Wochen im Haus der Wandergesellschaft. Mit anderen Gesellen baute er eine elfstufige Barocktreppe für das Gemeindehaus der evangelischen Kirche. Für eine Gaststätte schmiedete er eine Reklame-Tafel. „Das waren sehr anspruchsvolle Arbeiten“, meint er. „Das andere Extrem war: Einige Einwohner unterwegs grüßten uns mit dem Hitlergruß. Da war ich geschockt und sprachlos.“
Sein Glaube bestärkte ihn immer wieder zum Weiterziehen. Stets erzählte er von den Sorben, ihrer Geschichte, ihrem Glauben, ihrer Sprache und Kultur. Die anderen Gesellen nannten ihn schnell das „Sorbenkind“. „Zum Ehrenkodex gehört: ein Wandergeselle hält Wort. Auf ihn ist Verlass. Er tritt stets so auf, dass auch seine Nachfolger in der Unterkunft gastfreundlich empfangen werden.“
 
In der Schmiede seines Vaters steht immer noch eine alte Maschine des Großvaters: Ein Federhammer von 1936, Marke Eigenbau.
In der Schmiede seines Vaters steht immer noch eine alte Maschine des Großvaters:
Ein Federhammer von 1936, Marke Eigenbau.

In seiner Zeit der Walz gelangte er mit zwei anderen Gesellen nach Südamerika. „Erstaunlich unterwegs war: Je ärmer die Menschen und Länder waren, umso offenherziger und freigebiger empfingen sie uns“, sagt der Crostwitzer. „Gerade in Paraguay waren sie sehr erstaunt, wie weit junge deutsche Handwerker reisen und was sie mit ihrer vorhandenen traditionellen Technik können.“
Am 8. Dezember 2012 kehrte er nach Hause zurück. Mit Glückstränen empfing ihn die Familie. Franz Zschornack will jetzt die Meisterprüfung als Metallbauer schaffen. Prüfung um Prüfung arbeitet er sich vor. „Es ist noch ein weiter Weg. Doch ich bin guter Hoffnung.“ Eines Tages will er Großvaters und Vaters Werkstatt weiterführen.             
Andreas Kirschke
 
Über seine Erlebnisse auf der Walz hat Franz Zschornack ein Buch geschrieben: "Franz im Glück - Meine Wanderjahre auf der Walz". Es ist im Bastei Lübbe Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.
(3.07.2016)

 

Der Artikel erschien am 3.Juli 2016 inunseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.