23. Mai 2017 Bartholomäus Bauer

 

Lüneburger Hilfsnetzwerk

Ärzte und Heilpraktiker setzen sich in Lüneburg für Flüchtlinge ein

Bettina Schröder-Henning arbeitet in ihrer wöchentlichen Sprechstunde mit Thulfiqar Iqbal. Er stammt aus Bagdad.
Bettina Schröder-Henning arbeitet in ihrer wöchentlichen Sprechstunde mit Thulfiqar Iqbal.
Er stammt aus Bagdad. Fotos: Bleumer

Heute ist es noch vergleichsweise ruhig. Nur wenige Patienten warten an der Tür zu dem provisorischen Sprechzimmer in der Lüneburger Flüchtlingsunterkunft, in dem die Allgemeinmedizinerin Dr. Bettina Schröder-Henning einmal pro Woche zu festgelegten Zeiten ihre Beratungsstunde für die Bewohner anbietet. Eine schlichte Untersuchungsliege und ein Schreibtisch, in dem sich Medikamente befinden, gehören zur Ausstattung des Zimmers, das sonst von dem abendlichen Wachpersonal genutzt wird.

Zu der 66-jährigen Medizinerin, die heute mit Thulfiqar Iqbal einen Kollegen aus Bagdad mitgebracht hat, kommen Menschen wie Hanan aus Syrien, der jetzt mit seiner Frau und sechs Kindern in Lüneburg lebt. Wie die Orgelpfeifen stehen drei der Töchter neben ihrem Vater und zeigen der Ärztin ihre Schnupfennasen. Ein anderer Bewohner hat Probleme mit dem Beipackzettel eines Medikamentes. Auf Englisch und mit Händen und Füßen erklärt Schröder-Henning die Wirkungsweise der Medizin und kann in diesem Fall relativ schnell helfen.

Verschiedene Schicksale in der offenen Sprechstunde

Doch es gibt auch deutlich kompliziertere Fälle. Denn die Flucht und die Sorge über die ungeklärte Situation in ihren Heimatländern gehen an vielen Menschen nicht spurlos vorbei. Immer wieder wird die Ärztin mit den sehr unterschiedlichen Schicksalen der Menschen konfrontiert, die den Weg nach Deutschland geschafft haben. Da ist zum Beispiel der Patient mit der angeborenen Mund-Gaumen Spalte, der schon mehrfach in ihrer Sprechstunde war. „Er ist in seiner Heimat bisher einmal operiert worden“, berichtet sie. Dann sei der Mann geflohen, sodass die zweite OP nicht mehr durchgeführt werden konnte. Jetzt, im fremden Land, ist er unsicher, wie es mit ihm weitergeht. „Wir haben schon einen Termin beim Spezialisten“, erklärt ihm die Ärztin auf Englisch.

„Viele Menschen haben schlimme Erfahrungen gemacht“, sagt sie. Daher behandelt sie auch immer wieder Krankheiten der Bewohner, die vielfach auf den traumatischen Erfahrungen beruhen, die die Flüchtlinge in der Vergangenheit gemacht haben. Appetitlosigkeit ist eine häufige Beschwerde, viele Menschen leiden auch unter Rückenproblemen oder Schlafstörungen, deren Ursache vor allem in seelischen Problemen zu sehen ist.

Mit ihrem Engagement steht Bettina Schröder-Henning, die sich selbst als Ärztin in Teilzeitrente bezeichnet, nicht alleine. Vergangenen September hat sich in der Hansestadt die Initiative Offene Sprechstunde Lüneburg gegründet. Eine Gruppe von Ärzten, Therapeuten und Heilpraktikern behandelt die Flüchtlinge in den Unterkünften oder der eigenen Praxis ehrenamtlich.

Da war es für sie selbstverständlich, sich dieser Gruppe anzuschließen. Ziel ist es, gemeinsam mit der Stadt Lüneburg eine angemessene Gesundheitsversorgung für alle zu ermöglichen. Inzwischen sind es über 30 medizinische Fachleute der verschiedenen Richtungen, die sich der Initiative angeschlossen haben. Idealerweise hat jeder Arzt oder Heilpraktiker seine feste Sprechzeit am gleichen Ort, um Kontinuität zu gewährleisten.

Mohammed Al-Hamdan erklärt einer Frau aus Syrien ein Medikament.
Mohammed Al-Hamdan erklärt einer Frau aus Syrien ein Medikament.

Die gesetzlichen Regelungen sehen vor, dass der medizinische Leistungsumfang geringer als bei gesetzlich Versicherten ist. „Für die Flüchtlinge ist eigentlich nur bei akuten Erkrankungen und starken Schmerzen eine reguläre ärztliche Behandlung vorgesehen“, erläutert Bettina Schröder-Henning. Dafür müssten sich die Patienten im Normalfall bei dem Sozialarbeiter vor Ort einen Behandlungsschein geben lassen. Eine Ausnahme seien Schwangere, die Anspruch auf alle üblichen Untersuchungen und Leistungen hätten, so die Medizinerin weiter.

In Deutschland ist vieles anders

Doch Schmerzen oder Krankheiten halten sich nicht immer an den Dienstplan der Sozialarbeiter. Und so komme es auch schon mal vor, dass der abendliche Wachdienst einen Krankenwagen ruft, obwohl dies nicht unbedingt nötig sei. „In Syrien zum Beispiel ist das Gesundheitssystem ganz anders geregelt. Woher sollen die Flüchtlinge wissen, dass man hier in Deutschland nicht sofort ins Krankenhaus geht?“, fragt sie.

Überhaupt sei die Kommunikation mitunter nicht leicht. Zwar gehe viel mit Händen und Füßen, doch: „Leichter wäre es natürlich mit einem richtigen Dolmetscher.“ Manche Unterkünfte in Lüneburg können glücklicherweise auf die Hilfe von Menschen zählen, die ihre guten Sprachkenntnisse ehrenamtlich während der Sprechstunden einsetzen. Einer davon ist Mohammed Al-Hamdan, der auch an diesem Nachmittag gekommen ist. Er lebt schon seit mehr als zehn Jahren in Deutschland, spricht deutsch und arabisch und kann daher die Fragen der Flüchtlinge beantworten.

Dass die zusätzliche Betreuung durch ehrenamtliche Ärzte und Heilpraktiker natürlich nicht die reguläre kassenärztliche Behandlung ersetzen kann, ist allen Beteiligten klar. Doch das niedrigschwellige Angebot ist nicht nur aus medizinischer Sicht sehr wichtig. Es bringt auch Entlastung für die Sozialarbeiter und zeigt den Bewohnern der Unterkunft, dass sich andere Menschen für sie interessieren und sie nicht allein gelassen werden.
Christiane Bleumer

 

Der Artikel erschien am 22.Mai 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.