Der kleine Bruder

Auf dem für die Weltreligionen heiligen Tempelberg in Jerusalem steht der Felsendom, eines der wichtigsten islamischen Heiligtümer. In unmittelbarer Nähe befindet sich der so genannte „Kettendom“. Gibt es bereits viele offene Fragen bezüglich des Felsendoms, so ist das Gebäude des Kettendoms für Wissenschaftler ein noch größeres Mysterium.

Der Kettendom steht direkt neben dem bekannten Felsendom und wirkt wie eine Miniaturausgabe davon. (Foto: Imago)Wissenschaftler gehen davon aus, dass sowohl der Felsendom, als auch der an der Ostseite des Felsendoms liegende so genannte „Kettendom“ im 7. Jahrhundert von dem Kalifen ?Abd al-Malik errichtet wurden. Handfeste Beweise gibt es dafür allerdings nicht. Vieles Weitere liegt ebenso im Unklaren. So ist weder der genaue Zeitpunkt des Entstehens bekannt, noch die Funktion des neben dem Felsendom liegenden Gebäudes, das von der Architektur her wie ein kleiner Nach- oder Vorbau des Felsendoms wirkt.

Man nimmt an, dass der große Felsendom zu Beginn noch ein offener Bau mit Kuppel war, so wie es der Kettendom noch heute ist. Unter späteren Herrschern sei der Felsendom dann zugemauert worden, während der Kettendom seine Form behielt. Die Kuppel des Kettendoms blieb schwarz, die des Felsendoms wurde vergoldet. Anhand von archäologischen Untersuchungen konnte belegt werden, dass die Höhe der Fundamente beider Heiligtümer identisch ist und dieselben Säulensockel verwendet wurden. Die Gebäude haben also einen konkreten Bezug zueinander.

Schatzkammer oder Ort der Rechtsprechung?

Verworrener ist die Informationslage bei den möglichen Funktionen des Kettendoms. Dass er – auch wenn er ihm architektonisch entspricht – als Bauvorlage für den Felsendom diente ist eher unwahrscheinlich. Eine Theorie, die immer wieder genannt wird ist, dass es sich dabei um eine Schatzkammer handelte, in der Geld für den Bau des Felsendoms gesammelt wurde. In mehreren Überlieferungen wird die heilige Bedeutung des Baus hervorgehoben. Von einigen wenigen wird es auch als der Aufenthaltsort der Bundeslade vermutet.

Seinen Namen trägt der Kettendom auch aufgrund einer Theorie zu seiner Funktion. So ist es der islamischen Überlieferung nach der Ort, an dem König David Ketten aufhängt, die der Rechtsfindung dienen sollten. Nur derjenige, der im Recht war, konnte die Ketten mit seinen Händen anfassen.