Der Pater sucht das Geheimnis

Anselm Grün sieht sich nicht als Experte für Gott.

Anselm Grün hat über 300 Bücher veröffentlicht.
Anselm Grün hat über 300 Bücher veröffentlicht. Foto: Herbert

Die große Uhr mit schwarz-weißem Ziffernblatt, die unter dem Ärmel der dunklen Ordenstracht hervorschaut, trägt Pater Anselm Grün nicht ohne Grund. Auch nachdem er das Amt des Cellerars abgegeben hat und sich nun eigentlich im Ruhestand befindet, muss der 71-jährige Benediktinermönch aus der unterfränkischen Abtei Münsterschwarzach die Zeit im Blick behalten. An manchen Tagen kommt er erst nach Mitternacht ins Kloster zurück und muss am nächs­ten Tag schon wieder weiter. Im Sommer war er auf Leserreise in Brasilien. Eine der wohl berühmtesten Mönche Deutschlands ist noch immer viel unterwegs. Warum nimmt er das auf sich? Was ist seine Motivation? Und bleibt ihm da eigentlich noch Gelegenheit für die Begegnung mit Gott?

Auf Gott hin angelegt

„Der Mensch ist auf Gott hin angelegt. In seinem ganzen Denken. In seinem ganzen Streben“, ist sich Pater Anselm Grün sicher. Ihm ist es ein Anliegen den Menschen zu zeigen, dass durch Offenheit für Gott das Leben lebendiger wird. Das ist Motivation für den Autor zahlreicher Bücher. Auch deshalb ist er ständig unterwegs. Schließlich seien sie in Münsterschwarzach ja nicht nur kontemplative Mönche, sondern Missionsbenediktiner. „Für mich ist das schon eine Art missionarischer Dienst. Und gerade in unserer Zeit, wo sich auch in Deutschland viele von der Kirche abwenden, ist es für mich ein Anliegen, die Menschen wieder in Berührung zu bringen mit der Spiritualität. Damit sie merken: Die Kirche ist nicht nur etwas Verstaubtes, sondern Spiritualität ist eine Lebenshilfe“.

Anselm Grün ist sein eigener Erfolg ein Rätsel

„Ich denke viele Menschen haben eine Sehnsucht nach Gott. Aber sie haben sie oft genug auch unterdrückt oder wenden sich von Gott ab, weil Gott sie auch verunsichert. Also Gott suchen heißt auch, sich selber in Frage stellen lassen“, lautet seine Einschätzung. Selbst mit so manchem Atheisten könne man einen Dialog führen. „Die benennen das was sie suchen nicht mit Gott, aber letztlich suchen sie auch das Geheimnis. Etwas, das größer ist als sie selbst. Und das ist für mich auch das Kriterium, ob jemand Gott sucht. Ob er offen ist für das Geheimnis.“ Ein Geheimnis ganz anderer Art ist für den Mönch sein eigener Erfolg. Er weiß selbst nicht so recht, was die Menschen ausgerechnet bei ihm finden. Bei der Frage wird der sonst so souverän auftretende Anselm Grün, mit der ruhigen, gleichmäßigen Stimme ein bisschen verlegen. „Das ist eigentlich schwer zu sagen“, meint er und streicht sich über seinen fast schon zum Markenzeichen gewordenen grauen Bart. Er versuche eine einfache, offene Sprache zu sprechen. Grund für seinen Erfolg ist zudem vermutlich seine Authentizität. Die Menschen spüren wohl: Der Pater lebt das, was er predigt – es ist nicht bloße Theorie.

Gott ist Entscheidung für das Gute

Doch zurück zur Suche nach Gott. Wie erkennt man Gottes Gegenwart überhaupt? Der Mensch könne Gott selbst nicht wahrnehmen, lediglich seine Spuren. Die fänden sich beispielsweise in der Musik, der Stille, der Kunst, der Natur, der Schönheit der Welt und natürlich in der Bibel: „Erfahrungen, die einen berühren, wo man das Gefühl hat, da ist etwas.“ Dadurch erhalte man ganz kurz eine Ahnung von Gott. Wichtige Spuren seien zudem die Sehnsucht – etwa nach absoluter Liebe oder Geborgenheit –, das Erfahren von Güte oder die Erkenntnis.  Und der Teufel? Die Frage überrascht den Pater. Sonst kommen die präzise formulierten Antworten zügig. Jetzt gerät er kurz ins Stocken, bevor er den Teufel als Bild für die tiefen Dimensionen des Bösen charakterisiert. „Also die Anfechtung des Bösen gibt es auch in mir“, sagt er. Und: „ Gott ist eben auch die Entscheidung für das Leben, für das Gute.“
Zum Beispiel sei Macht eine „Urversuchung“ – nicht nur von Tyrannen, sondern jedes Menschen. Gott sei dabei die Befreiung von der eigenen Vergötzung und dem eigenen Ego.

Lebenslange Suche

Ist Pater Anselm Grün, der soviel über Gott weiß und rund 300 Bücher veröffentlicht hat, denn nun ein Experte für Gott? „Fachmann für Gott kann man nicht sein“, lautet seine Antwort. Der heilige Benedikt definiere den Mönch ja als einen, der sein Leben lang Gott suche. Eine der intensivsten Gottesbegegnungen war für ihn selbst seine Erstkommunion 1955. Da hatte er erstmals den Wunsch, Priester zu werden. „Mein Vater war stolz“, erinnert sich der Pater, der 1964 ins Kloster eingetreten ist. Ein Weg, den in seiner Familie zuvor bereits ein Onkel und zwei Tanten väterlicherseits eingeschlagen hatten.
Im klösterlichen Tagesablauf biete ihm zum Beispiel das Chorgebet die Gelegenheit, sich Gott zu öffnen. Besonders gut könne er Gott auch in der Gebetsecke in seiner Zelle erfahren, beim Lesen oder beim Spaziergang an einem nahe gelegenen Bach. Und unterwegs? Im Auto hört er meist Bachkantaten oder Mozartmessen. Auch in der Musik begegne ihm Gott. Wenn er spüre, dass Menschen berührt werden, sei das für ihn selbst ebenfalls eine Art Gotteserfahrung.
Aber auch ein Mann wie Anselm Grün zweifelt gelegentlich an der Existenz Gottes. „Natürlich kenne ich den Zweifel“, sagt der Mönch, der dem Zweifeln auch reinigende Wirkung für den Glauben zugesteht. Er versuche nicht, den Zweifel zu unterdrücken, er lasse ihn zu und entscheide sich dann für den Glauben. Die Suche nach dem Geheimnis Gott ist auch für einen spirituellen Menschen wie Anselm Grün noch lange nicht zu Ende.

Anna-Lena Herbert

Dieser Artikel erschien am 20. November 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.

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Dieser Artikel ist Teil der Themenwoche "Mein Gott." Sie ist eine Aktion
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