28. März 2017 Guntram, Ingbert

Mit der Russenschaukel in den Himmel

Seit 1925 dreht sich das Russenrad auf der Auer Dult und dem Oktoberfest in München – und zwar wie am ersten Tag. Dafür sorgen Edith Simon und Herbert Koppenhöfer mit viel Liebe und Begeisterung zu ihrem kleinen Riesenrad. Thomas Schnieders ist eine Runde mitgefahren.

Seit 1925 dreht sich die Russenschaukel in München.
Seit 1925 dreht sich die Russenschaukel in München.
Fotos: Schnieders

Maximilian sitzt in der Gondel und macht ganz große Augen, von so weit oben hat er seine Heimatstadt wahrscheinlich noch nie gesehen. Mit einem Mal wirken die Schießbude, der Flohzirkus und der Stand mit den gekühlten Schokoerdbeeren wie Spielzeug in einem Miniaturwunderland. Das Russenrad hat Halt gemacht und die Gondel mit dem Vierjährigen und seiner Großmutter steht nun am höchsten Punkt, der Turm des Deutschen Museums fast zum Greifen nahe. Die Oma hält zur Sicherheit den Schlumpf-Luftballon fest und Maximilian schaut und staunt.

Dann taucht Herbert Koppenhöfer wieder die drei Schaufeln in die drei Wannen mit dem Salzwasser. Der Schausteller steht am Anlasser des Russenrades auf der Auer Dult in München und setzt so das Russenrad wieder in Bewegung, tatsächlich mit Salzwasser. „Je tiefer die Schaufeln drin sind, umso schneller dreht es“, erklärt Koppenhöfer.

Mit Salzwasser wird die Russenschaukel angetrieben

Das Prinzip dieses Anlassers ist einfach: In der Wanne sind fest verbaute Elektroden. Die Schaufeln wirken ebenfalls wie Elektroden und indem Koppenhöfer beide zueinander führt, schließt er den Stromkreis. Denn Salzwasser leitet Strom besonders gut und er kann den Motor des Rades stufenlos steuern.

Dafür braucht man schon auch ein Gefühl“, sagt er und schmunzelt. Dieses Gefühl hat schon von Kindesbeinen an, Koppenhöfer ist mit der Schaustellerei aufgewachsen. Mit seiner Schwester Edith Simon betreibt er das Russenrad, er allein auch noch eine Schießbude und eine Kinderschaukel.

Herbert Koppenhöfer und Edith Simon sind mit dem Riesenrad in dritter Generation unterwegs.
Herbert Koppenhöfer und Edith Simon sind mit dem Riesenrad in dritter Generation unterwegs.

1925 bestellte ihr Großvater Josef Esterl die Russische Schaukel mit 12 Gondeln. „Er war eigentlich Schus-ter, aber das war wohl nicht mehr das Wahre“, erzählt Edith Simon. „Sein Bruder war Schausteller und hat ihn dann dazu überredet.“ Sehr mutig sei das in der damaligen Zeit gewesen, findet die Enkelin. Die Zeit der Hyperinflation und der Massenarbeitslosigkeit von 1923 war noch nicht lange her. Der Einstieg in die Schaustellerei schien dennoch einen Versuch wert zu sein. „Unser Großvater war so etwas wie ein Pionier“, schwärmt Simon, denn ein 14 Meter hohes Rad, das war schon etwas besonderes.

Vorgänger der sogenannten Russenschaukeln gab es wohl schon im Zarenreich des 18. Jahrhunderts, nach Deutschland kamen sie um die Jahrhundertwende. Großvater Esterl reiste damit sogar bis nach Helsinki. Heute bauen die beiden Münchner Geschwister die Schaukel noch vier Mal im Jahr auf: drei Mal zur Auer Dult sowie zum Oktoberfest. „Das Schöne an dem Riesenrad ist, dass man immer mit fröhlichen Kindern und Familien zu tun hat“, sagt Simon.

Hochzeitswalzer auf der Auer Dult

Und mit Fahrgästen, die vielleicht einmal eine Familie gründen werden. Bei Verliebten ist das kleine Riesenrad auch heute noch sehr beliebt: Vor sechs Jahren kam eine ganze Hochzeitsgesellschaft zur Auer Dult, alle fuhren eine Runde mit. „Dann haben wir unsere Konzertorgel angemacht und das das Brautpaar hat davor den Hochzeitswalzer getanzt.“ Ihre Augen leuchten, während sie sich daran erinnert. Und ihr Bruder Herbert ergänzt: „Heute haben die selbst drei Kinder und kommen immer noch her.“

Die Lieblingsgeschichte des 70-Jährigen ist aber eigentlich eine aus den 1950er-Jahren. „Da hat mein Vater ein Paar zusammengebracht.“ Herbert Koppenhöfers Augen leuchten wie die der Schwester, als er davon erzählt: Eine junge Frau saß bereits in einer Gondel, aber damit alles im Gleichgewicht ist, musste noch eine Person dazu: Da platzierte der Vater einen jungen Mann zu ihr auf die gegenüberliegende Bank. „Heuer haben die schon Goldhochzeit gefeiert.“

Auch die Orgel gehört zur Russenschaukel. Sie lässt von Operette bis Schlager kaum Wünsche offen.
Auch die Orgel gehört zur Russenschaukel. Sie lässt von Operette bis
Schlager kaum Wünsche offen.

Mittlerweile stehen die Mitarbeiter der Schausteller-Geschwister an Anlasser und im Kassenhäuschen, während sich beide eine kleine Pause gönnen. Stammgäste sind gerade vorbei gekommen, man steht im Schatten und plaudert. Bis Edith Simon schnell im Wohnwagen verschwindet. Sie schaut nach dem Essen, denn sie verpflegt auch die Mitarbeiter. Gegessen wird dann zwischendurch, wenn gerade Zeit ist. Vorbereitet hat sie alles schon am Morgen bei sich zu Hause. Sie schläft in ihrem eigenen Bett, während Bruder Herbert im Wohnwagen auf dem Platz bleibt.

Man braucht viel Liebe für diesen Beruf“ sagt sie als sie zurückkommt: „Aber man kann anderen eine Freude machen.“ Wie sie lächelt wirkt es, als wiege dies alle Sorgen auf. Die, ob das Wetter gut ist für ein Volksfest, ob genug Leute eine Runde mitfahren wollen. Die Konkurrenz für Volksfeste werde größer, aber jammern wolle sie nicht. „Früher war nicht alles besser, unsere Großeltern hatten auch Probleme.“ Und ihr Bruder nennt einen der für ihn wichtigsten Vorteile: „Dafür ist man selbstständig, man kann frei sein.“

Blick über die Auer Dult. Im Hintergrund der Turm des Deutschen Museums.
Blick über die Auer Dult. Im Hintergrund der Turm des Deutschen Museums.

Die Geschwister wollen ihr Riesenrad erhalten, „wir halten eine Tradition aufrecht“, sagt Edith Simon. Die 66-Jährige hat drei Söhne, die zwischen 25 und 30 sind. „Sie wollen das Rad erhalten“, erzählt sie stolz, auch, wenn keiner der drei Schausteller geworden ist.

Der vierjährige Maximilian ist mittlerweile aus seiner Gondel geklettert. Er hält zielstrebig wieder auf den Rummelplatz zu, Großmutter Angela Heinemann ruft ihn zu sich, denn der Ausgang ist nach hinten raus, am Wohnwagen entlang. Am liebsten würde der Vierjährige direkt nochmal fahren.

Maximilian ist mit seiner Großmutter Angela Heinemann zum ersten Mal eine Runde gefahren.
Maximilian ist mit seiner Großmutter Angela Heinemann
zum ersten Mal eine Runde gefahren.

Edith Simon löst ihren Mitarbeiter derweil am Kassenhäuschen ab und lächelt beiden hinterher. Sie kann Maximilian gut verstehen. „Ich fahr auch immer noch gern selbst!“

 

Der Artikel erschien am 11. September 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.