Das Schlachthaus ist grün 

In den vergangenen 150 Jahren waren das Elsass und die Vogesen Schauplatz dreier Kriege. Zahlreiche Kriegsgräber, um die sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge kümmert, zeugen davon. Eine sehr persönliche Reise zu den letzten Ruhestätten der Opfer irrsinniger Kriege. 

Von Thomas Schnieders

 

Die Kreuze für die deutschen Opfer sind schwarz auf dem Friedhof Hohrod-Bärenstall. Eine Bußfarbe, denn Deutschland hat den Ersten Weltkrieg verloren.
Die Kreuze für die deutschen Opfer sind schwarz auf dem Friedhof Hohrod-Bärenstall.
Eine Bußfarbe, denn Deutschland hat den Ersten Weltkrieg verloren. Fotos: Schnieders

Der Boden ist ein grüner Schwamm. Als wäre er warme Butter, in die meine Füße einsinken. Die Stille breitet sich nicht über mir aus; sie ist schon längst da. Die Sonne kämpft in tausend Metern Höhe noch damit, ihre warmen Strahlen durch die Baumkrone zu schicken. Noch ist dieser letzte Julitagmorgen 2014 kühl, aber es wird ein schöner, ein warmer, ein sonniger Tag werden. Es riecht nach dem feuchten Morgentau, der auf dem Moos so einladend glitzert, dass ich mich gerne darauf legen möchte. Wie in einem idyllischen Park ist es, hier mitten in den Vogesen. Ich fühle mich schlecht bei dem Gedanken, denn das ist kein Park. Das hier ist der deutsche Soldatenfriedhof Hohrod-Bärenstall, am Lingekopf, etwa 25 Kilometer von Colmar entfernt, das so viele gerne das Klein-Venedig von Frankreich nennen.

In meinem Leben war nie Krieg. 

Ich bin 28 Jahre alt, einen Krieg habe ich glücklicherweise nie erleben müssen. Die deutsche Teilung kenne ich nur aus Fernsehbildern, zur Bundeswehr wurde ich nicht eingezogen. Meine Großeltern sind gestorben, da war ich noch ein Kind. Ein Kind, das den Opa nach Kirmesgeld gefragt hat und nach einem Zuschuss für die eigene Urlaubskasse – aber nicht nach dem Krieg. Wie in so vielen Familien, wurde auch in meiner so gut wie gar nicht über die beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts gesprochen. Nur auf dem Grabstein meiner Urgroßmutter, standen Namen von Männern, daneben das Wort „gefallen“ und das Wort „vermisst“. Sicherlich habe ich als Kind gefragt, was diese Wörter heißen, bestimmt wurde es mir erklärt. Mehr weiß ich nicht darüber, vermutlich habe ich damals nicht weiter gefragt. Und heute kann ich es nicht mehr.

1.475 schwarze Holzkreuze stehen an den Einzelgräbern in Hohrod-Bärenstall.
1.475 schwarze Holzkreuze stehen an den Einzelgräbern in Hohrod-Bärenstall.

1.475 schwarze Holzkreuze für die Einzelgräber und ein großes Sammelgrab mit 941 Toten befinden sich um mich herum. Die Überreste von 2416 Toten. Diese grausame, abstrakte Zahl ist plötzlich fassbar. Hohrod-Bärenstall ist ein sogenannter Frontfriedhof, er wurde noch während des Ersten Weltkrieges angelegt, damit die Soldaten hier ihre toten Kameraden begraben konnten. Die Kreuze kamen nach diesem Krieg, sie mussten schwarz sein, als Ausdruck dafür, dass Deutschland ihn verloren hatte. 1928 bekam er seine endgültige Form, gestaltet vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Der Verein wurde 1919 gegründet und kümmert sich bis heute um deutsche Kriegsgräber. Schon nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 verpflichteten sich beide Länder, die auf ihrem Territorium liegenden Gräber zu respektieren und zu erhalten. Seit 1954 ist der Volksbund von der Bundesregierung mit der Aufgabe betraut, deutsche Soldatengräber im Ausland zu suchen, zu sichern und zu pflegen. 832 Kriegsgräberstätten in 45 Nationen befinden sich heute in seiner Obhut.

Am Liegekopf sind noch Schützengräben des Ersten Weltkriegs erhalten.
Am Liegekopf sind noch Schützengräben des Ersten Weltkriegs erhalten.

 

Die Soldaten, die in Hohrod-Bärenstall liegen, sind größtenteils etwas höher am Berg gefallen. „Die Zeit des Angriffes ist gekommen. Die jetzige Minute ist entscheidend. Nach dem tösenden Lärm der Bombardierungen bedeutet diese plötzlich eintretende Stille für uns, dass die menschlichen Streitkräfte nun an der Reihe sind“, schrieb der französische Hauptmann Ferdinand Belmot am 21. Juli 1915 in einem Brief, es ist der zweite Tag der Kämpfe um den Lingekopf, der bis in den Oktober hinein dauern sollte. 17.000 Menschen verloren allein an diesem Frontabschnitt ihr Leben; gestorben in einem grausamen Stellungskrieg, bei dem die Soldaten einander nur wenige Meter gegenüberlagen. Teile des ausgebauten Stellungssystems sind bis heute erhalte., Seit 1981 sind sie eine nationale Gedenkstätte, um die sich Ehrenamtliche kümmern. Gänge sind hier gezogen, Unterstände eingehauen, Ausgucke mit Schießscharten gebaut. Wer die Anhöhe beherrschte, hatte es leicht, auch das Tal zu kontrollieren. Auch heute noch schweift der Blick ins Tal, ein grünes Landschaftsschutzgebiet.

Hier krochen Männer auf allen Vieren durch den Schützengraben.

Vor 100 Jahren stand hier überall dichter Wald, vor 99 Jahren ragten nur noch vereinzelte Baumstümpfe aus dem Boden. Der Krieg machte die Landschaft öde und leer. Heute kommen Touristen, sich die alten Schützengräben anzusehen; sie sind noch immer begehbar. Ein beherzter Sprung hinein, aber der Graben verdeckt mich nur bis zur Brust. Wollte ich hier ungesehen durchlaufen, es würde nicht reichen, mich zu bücken, ich müsste kriechen. Der Boden unter meinen Turnschuhen schmatzt. Unwillkürlich ziehe ich den Stoff meiner Hose hoch, am Tag zuvor hat es geregnet, es haben sich kleine Pfützen gebildet. Ich sinke ein paar Millimeter ein, nehme dann langsam die Hände von der Hose und fühle mich wie eine Mimose. Unerträglich ist in diesem Moment der Gedanke, Sorge um Flecken auf meiner hellen Sommerhose zu haben. Hier sind Männer auf allen Vieren durchgekrochen, durch Zentimeter hohen Schlamm, Dreck, durch Exkremente, ohne zu wissen, ob sie die nächste Biegung noch erreichen oder von einem Geschoss tötlich getroffen werden; am Kopf nur durch eine Pickelhaube geschützt, die in diesem Schlachthof kein Schutz war.

Das Stellungssystem des Liegekopfes ist heute ein Museum.
Das Stellungssystem des Liegekopfes ist heute ein Museum.

 

Ein metallenes Geräusch dringt in das Gemurmel der Besucher. Wie eine zu leise Ahnung von dem Lärm, der unter Beschuss hier geherrscht haben muss. Es sind heute Arbeiter, die sich um die Sicherheit der Anlage kümmern und die Pflanzen im Zaum halten, die hier wieder wachsen. Zwischen Brombeersträuchern stehen Holzkreuze, denn noch immer werden Tote gefunden. Die Zuordnung fällt nicht immer leicht, erklärt Gerd Krause vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, auch wenn er hier nicht zuständig ist, sondern das Volksbund-Pendant Souvenir francais. Finde man an Überresten von deutschen Soldaten die Erkennungsmarke, so könne die immer noch über die Deutsche Dienststelle in Berlin zurückverfolgt werden. Franzosen trugen in der Regel Papierausweise, an denen die Zeit und der Krieg nagte. „Das Schlimmste“, sagt Krause, „was man Menschen antun kann, ist ein solch mörderischer Krieg.“ Denn die Gräben liefen bei Regen mit Wasser voll, die Verpflegung der Soldaten war schwierig. „Krieg fand nicht nur bei schönen Wetter statt.“ Zahlreiche Geschosse gingen hier vor hundert Jahren nieder. Nicht alle konnten geräumt werden. Die Wege hier oben am Lingekopf sind durch Zäune von den saftigen Wiesen mit den wilden Blumen abgesperrt. Vor Explosionsgefahr warnen Schilder, die dicke Hummel stört das nicht. Sie fliegt in völliger Ruhe von Blüte zu Blüte, auf der Suche nach süßem Nektar.

Früher stand hier ein Obstgarten. Dann kam ein Kriegsdenkmal als Symbol von Stärke und Macht. 

Über die Spuren der Kriege sind Gras und Blumen gewachsen. Als Deutschland als Sieger aus dem Krieg gegen Frankreich 1870/71 hervorging, baute man noch monumentale Gedenkstätten, in eine Gegend, die nach dem Friedensschluss deutsch wurde. Mitten im 1800-Seelen-Ort Woerth steht das sogenannte Bayerndenkmal. Es gedenkt der gefallenen bayerischen Soldaten, die am 6. August 1870 in der Umgebung gefallen sind. Die Gebeine von 452 deutschen und französischen Soldaten liegen hier begraben. Noch 1870 soll hier ein Obstgarten gestanden haben. Umschlossen von drei Straßen wachsen hier keine Zweige mehr in den Himmel, stattdessen streckt sich ein grauer Steinlöwe bei 27 Grad.

Im Ortskern von Wörth steht das
Im Ortskern von Wörth steht das "Bayerndenkmal".
Es erinnert an die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges.

Lange war in beiden Ländern, die heute den Kern des modernen Europas bilden, der Hass aufeinander geschürt worden. Der Schriftsteller Ernst Moritz Arndt schrieb 1813 über die Franzosen: „Wir sollen sie hassen, weil sie schon über drei Jahrhunderte unsere Freiheit hinterlistig belauert haben, weil sie von Geschlecht zu Geschlecht rastlos und planmäßig gearbeitet haben, diese Freiheit zu untergraben, bis sie unter ihren letzten Banditenstreichen hingefallen sind.“ Arndt stand unter dem Eindruck Napoleons, was die Propaganda nicht entschuldigt, die auf beiden Seiten des Rheins betrieben wurde. In der Gegend von Woerth und dem Geisberg stehen zahlreiche Denkmäler und Gräber, deutsche wie französische. Zu Fuße eines Mahnmals schmücken drei junge Menschen einen Baum mit bunten Kreppbändern, der Sommerwind trägt das Geläut der Kirchenglocken aus dem Tal nach oben. Es ist Hochzeit, der oft beschworene glücklichste Tag im Leben eines Menschen. Weniger Meter weiter zeigt die Inschrift des Grabmals des Majors von Groenefeld wie unterschiedlich das Wort Glück doch in weniger als 150 Jahren interpretiert werden kann. „Für Deutschlands Ehre / weiht jedes deutsche Mutterherz/ Gatten, Sohn und Bruder / gern dem Heldentode.“ 

Ob eine Mutter wirklich gern Mann und Söhne für ihr Heimatland sterben sieht?

Ob 73 Jahre nach der Beerdigung des Majors das Herz von Mutter Rihm in der Pfalz in einem solchen Spruch Trost gefunden hat – ich bezweifle es, als Bernard Klein das Grab von Josef und Friedrich Rihm zeigt. Der Leiter der Jugendbegegnungsstätte des Volksbundes in Niederbronn erzählt, dass die Zwillingsbrüder 1943 zum Arbeitsdienst nach Marseille eingezogen wurden. Obwohl Geschwister eigentlich nicht in der gleichen Einheit dienen sollten, kommen sie in die selbe Artilleriebatterie. Die Mutter hat, erzählt Klein, über eine Eingabe dafür gesorgt. Ihre Jungs, die bis dahin nicht getrennt waren, sollten auch im Krieg zumindest einander haben. Sie starben mit 19, vielleicht im selben Atemzug. Sie galten als alt genug um in den Krieg zu ziehen, doch sie waren zu jung, Verträge zu unterschreiben. Volljährig wären sie erst mit 21 geworden. Zu jung, um zu heiraten und eine Familie zu gründen, aber alt genug, um ihre Männlichkeit mit einem fragwürdigen Heldentod unter Beweis zu stellen,. Erst mit der Umbettung vom Friedhof Elzange hier nach Niederbronn werden Josef und Friedrich identifiziert.

 

Früher kämpften am Gleisberg bayerische Truppen an der Seite Preußens. Heute schmücken junge Leute einen Baum für eine Hochzeit.
Früher kämpften am Gleisberg bayerische Truppen an der Seite Preußens. Heute schmücken junge Leute einen Baum für eine Hochzeit.

Ein Jahr länger als beide lebten, arbeitet Bernard Klein nun schon in dem Luftkurort, 50 Kilometer nördlich von Straßburg. Klein will den Jugendlichen in der Bildungsstätte ein Gefühl für den Krieg geben, für die unterschiedlichen Personengruppen, die daran mitwirkten. Mitläufer, Überzeugungstäter, Widerstandskämpfer. Er sammelt dazu die Geschichten von Toten, die auf dem Friedhof nebenan liegen, wie die der Zwillinge. Auf diesem Weg will er die Vergangenheit für sie greifbar machen, denn heute ist eine Generation jung, die keine Menschen mehr kennt und fragen kann, wie es war, damals im Krieg, mit Hass, Gewalt, Ohnmacht oder Widerstand. Ich wäre noch alt genug gewesen, wird mir bewusst. Ich habe die Chance nicht genutzt.

Mahnung für den Frieden 

Die Kriegsgräber sind eine Mahnung für den Frieden, sagt Gerd Krause, der Volksbund-Geschäftsführer in Bayern. Vier Tote teilen sich in Niederbronn und an vielen anderen Stätten eine Grabstelle, ein Gedenkkreuz. Zwei auf jeder Seite. Die über 4.000 Grabstellen für mehr als 15.000 Tote werden zur Zeit saniert, die Kreuze ausgetauscht. Ein Teil des Friedhofs ist durch rotes Flatterband gesperrt, dahinter zu sehen aneinandergereihte Löcher, in die wahrscheinlich der Karton meiner neuen Schuhe gerade hineinpassen würde. Meist ist mehr von den Toten nicht übrig, was identifiziert und hier bestattet werden kann. Meine Sommerschuhe wiegen in Größe 45 als Paar 930 Gramm. Wie viel wiegen eigentlich die Überreste von vier Menschen?

Die Zwillinge starben am selben Tag. Ihr Grab ist auf der Kriegsgräberstätte Niederbronn.
Die Zwillinge starben am selben Tag. Ihr Grab ist auf der
Kriegsgräberstätte Niederbronn.

 

Bei den Umbettungen, die immer noch, vor allem aus Osteuropa, organisiert werden, gehe es auch darum, den bis dahin oft Identitätslosen „ihren Namen zurückzugeben. Es ist das Einzige, was wir für die Menschen noch tun können“, sagt Krause. „Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens“, hat Albert Schweitzer gesagt, der Arzt, Theologe und Friedensnobelpreisträger. Wer die Notwendigkeit von Frieden und den Gründungsgedanken Europas verstehen will, müsse Kriegsgräber besuchen, gibt Bernard Klein seinen Besuchern mit auf den Weg. „Wenn Sie nach Straßburg fahren“, und Klein meint den Sitz des europäischen Parlements, „ohne hier hin zu kommen, sehen sie nur leere Sessel. Wenn Sie hier waren, verstehen sie die Idee von Europa.“

Seine Worte hallen nach, als ich noch allein in Niederbronn auf dem Friedhof stehe. Vor mir das Grab eines unbekannten Soldaten. Junge Menschen, dahingerafft in mörderischen, sinnlosen Kriegen. Welch Glück ich habe, in Frieden aufzuwachsen. Eine Träne im Augenwinkel verdecke ich schnell mit der Sonnenbrille, als würde sie mich blenden. Dabei ist gerade niemand außer mir hier, zu drei Seiten ist der Friedhof von Bäumen eingefasst und ich stehe im Schatten. Wie aus dem Nichts schwebt ein Zitronenfalter an mir vorbei gen Himmel. Als wäre dieses zarte, zerbrechliche Geschöpf Teil der Mahnung, für Frieden einzutreten.

Diese Reportage erschien am 24. August 2014 in unseren Zeitschriften LiboriusblattBayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.