Wüste (Foto: istock)

Fastenzeit: Warum fasten?

40 Tage in Richtung Gott

In vierzig Tagen kann man Bier brauen oder einen Intensivsprachkurs besuchen. Oder man lernt leichter Leben. Leben ohne sich von Nebensächlichkeiten den Tag diktieren zu lassen. Leben mit dem Blick für das Entscheidende. In der Fastenzeit nehmen wir uns genau dafür Zeit: Wir verzichten, um offen für Ostern zu werden

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Warum soll ich auf Süßigkeiten verzichten, wenn ich für mein Leben gerne nasche? Welchen Grund gibt es, eine Fernsehsendung zu ignorieren, wenn ich noch keine Folge verpasst habe? Und weshalb soll ich das Feierabendbier vermeiden, wenn ich dabei doch so herrlich abschalten kann? Das sind berechtigte Fragen. In der Fastenzeit versagen sich viele Menschen ihre liebsten Genüsse. Fasten bedeutet zunächst einmal Verzichten. Und es bedeutet damit auch „Frei-werden“. Dieses „Frei-werden“ funktioniert immer zweifach. Zum einen werden wir durch das Fasten frei von irgendetwas: Wir lassen uns nicht mehr von relativ unwichtigen Sachen das Leben diktieren, entscheiden selber, was unseren Tag gestaltet. So klein diese Dinfe auch sein mögen, oft verstellen sie uns den Weg zum Wesentlichen. Jesus selbst sagt: "Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon." (Lk 16,13)

Wenn wir uns also von diesen Dingen frei machen, werden wir frei für etwas. Das "Freiwerden-von" wird immer belohnt durch ein "Freiwerden-für". Wir können Dinge anpacken und in Angriff nehmen, von denen wir zuvor nur geträumt haben. Wir können unsere Möglichkeiten vielleicht noch mehr ausschöpfen, weil wir nicht mehr an Nebensächlichkeiten hängen. Und das kann ein großartiges Gefühl sein. In der Fastenzeit bietet sich genau dazu die Chance. Wir legen unwichtige Dinge beiseite und können uns so wieder zu Gott hinwenden, uns einmal wieder genau mit ihm beschäftigen.

Auf diese Weise werden wir ruhiger und ausgeglichener. Es ist ein wenig so, wie der heilige Augustinus zu Gott betete: „Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in Dir.“ Wir bekommen das Gefühl, wieder die Kontrolle über unser Leben zu haben. Wir werden nicht von den kleinen Genüssen beherrscht, sondern richten bewusst unser Leben nach dem großen Ziel: Gott. Diese Leben wiederum ist das, was uns Jesus verheißt: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben." (Joh 10,10)

Das Fasten steht also nicht an sich im Mittelpunkt, sondern das große Ziel, für das wir in diesen vierzig Tagen frei werden wollen: Ostern und die Auferweckung Jesu Christi. Mit jedem Tag der Fastenzeit werden wir merken, dass wir offener für Ostern werden. Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche. Dabei zeigen selbst kleine Gesten: Wir meinen es ernst mit unserer Beziehung zu Gott. Wir bekommen an Ostern die Auferstehung Christi geschenkt, also wollen wir jetzt auch ein wenig geben. Ob das nun Zeit, Süßigkeiten, Alkohol oder andere Dinge sind, spielt keine Rolle. Hauptsache, wir werden frei für Gott. Dazu gehört auch, dass wir uns darüber klar werden, was unsere Beziehung mit Gott bisher gestört hat. Wir können die Fastenzeit dann nutzen, um das wieder in Ordnung zu bringen – man nennt das auch „Buße“. Wir wollen umkehren, um an Ostern wieder neu beginnen zu können. Doch zuvor müssen wir investieren.

Durch die Bereitschaft zu investieren zeigen wir noch etwas anderes: Wir treten damit ein in den Kampf gegen das Böse. Das hört sich martialisch an, ist aber im Grunde ganz klar. An Ostern hat Jesus das Böse für immer besiegt. In seiner Nachfolge sind auch wir berufen dazu, uns gegen das Böse und die Sünde zu stemmen. Indem wir uns also bewusst auf Ostern vorbereiten – eben den Tag des Sieges über das Böse – versuchen wir, mit an diesem Sieg zu wirken. Natürlich immer durch und mit Christus.

Jesus in der Wüste

Die österliche Fastenzeit (oder österliche Bußzeit) nimmt Bezug auf die vierzig Tage, die Jesus in der Wüste verbrachte. Die Zahl "Vierzig" ist ein fester Bestandteil der biblischen Erzählungen. Allerdings wurde im Jahr 1091 festgelegt, dass die Sonntage nicht mehr zu den vierzig Tagen hinzugezählt werden. Deshalb war es früher auch üblich, an den Sonntagen das Fasten zu unterbrechen. Daneben entwickelte sich langsam nicht nur der Bußgedanke heraus, sondern auch die Maßgabe, in dieser Zeit mit guten Taten seine Umkehr zu dokumentieren. Dazu gehört auch die Beichte, die vor dem Osterfest abgelegt werden soll. ?Der Aschermittwoch und der Karfreitag sind als Bußtage besonders hervorgehoben. Im katholischen Erwachsenenkatechismus gibt es dazu klare Anweisungen: "Das Abstinenzgebot verpflichtet alle, die das vierzehnte Lebensjahr vollendet haben; das Fastengebot verpflichtet alle Volljährigen bis zum Beginn des sechzigsten Lebensjahres".

Simon Biallowons