28. März 2017 Guntram, Ingbert

Das Alte Testament

Zeugnis des Glaubens

Das Alte Testament erscheint uns manchmal sehr fremd. Manche mögen sich an der Brutalität stören, manche hätten gerne etwas weniger Krieg, dafür umso mehr Friede und Freude. Dabei ist das Alte Testament genau das, als was es auf uns wirkt: ein Zeugnis aus längst vergangener Zeit. Allerdings mit einer Botschaft, die immer noch aktuell ist. Sie lautet: Gott ist da. Gott ist mit uns

Riesen, Ungeheuer, Menschenopfer: Die Geschichten, die wir im Alten Testament lesen, erscheinen uns meist ziemlich abenteuerlich. Dabei spiegelt sich in den meisten Erzählungen das wieder, was uns auch heute noch beschäftigt. Beispiel Genesis: Jeder Mensch möchte wissen, wo er herkommt, was sein Ursprung ist. Die Schöpfungsgeschichte in der Genesis, dem 1. Buch Mose, will genau darauf eine Antwort geben. Sie erklärt unsere Welt als ein Geschenk Gottes. Auf diese Schöpfungsgeschichte gehen erstaunlich viele „moderne“ Grundannahmen zurück. Wir nehmen an, dass alle Menschen gleich und alle Leben unglaublich wertvoll sind.  Diese Einsicht finden wir tief im Alte Testament verankert, wenn wir lesen, dass Gott uns als seine „Abbilder“ geschaffen hat. Oder die Hoffnung, dass das Leben von Grund auf gut und eben nicht böse ist. Diese Erwartung finden wir gebündelt in einem Satz: „ Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.“ Das Alte Testament stellt also für viele Überzeugungen, die wir heute als selbstverständlich erachten, einen gedanklichen Unterbau dar.

Aber: Natürlich gibt es auch Inhalte und Ideen, die wir heute nicht mehr teilen würden. Und hier kommt eine weitere Lesart ins Spiel. Das Alte Testament ist immer auch ein Zeugnis, ein Glaubenszeugnis. Es zeigt uns oft, wie die Menschen vor uns ihren Glauben gelebt und erfahren haben. Das Alte Testament – und das gilt dann natürlich auch für das Neue Testament – erzählt die Geschichte von Menschen und Gott. Und die Botschaft dieser Geschichte ist: Gott hat uns nicht verlassen. Und er wird es auch nicht tun.

Kein Freibrief, sondern auch Verpflichtung

Das heißt nicht, dass im Alte Testament die Menschen einen Freibrief haben, weil sie Gott hinter sich wissen. Wer den Psalm 6 liest, kann die tiefe Verzweifelung förmlich greifen: „Ich bin erschöpft vom Seufzen, jede Nacht benetzen Ströme von Tränen mein Bett, ich überschwemme mein Lager mit Tränen. Mein Auge ist getrübt vor Kummer, ich bin gealtert wegen all meiner Gegner.“ Der Verfasser dieser Zeilen schreit hier seine Angst, seine Furcht, seine Verzweifelung hinaus  – wir finden eine Stelle vor, die zutiefst menschlich ist.
Doch gerade hier zeigt sich das besondere Charakteristikum der biblischen Botschaft: Selbst in tiefster Angst, in größter Not wird der Ruf nach Gott von Gott gehört. Gott kommt und steht seinem Volk zur Seite. Sei es die Befreiung aus Ägypten, sei es das Brot in der Wüste. Das Alte Testament gibt uns das Gefühl, einen sicheren Rückhalt zu haben. Doch nicht alles ist unproblematisch. Ohne Zweifel benötigen einige Bilder wie das des „eifernden Gottes“ der reiflichen Reflexion. Auch die Schilderung, Gott habe ein ganzes Heer von Ägyptern ertrinken lassen und ganze Städte ausgelöscht, muss hinterfragt und überdacht werden. Diese Anforderung ist ohne Frage auch heute noch aktuell und wichtig. Und natürlich ist es längst klar, dass viele Erzählungen alte literarische Themen und Motive aufgreifen und keinesfalls einen Augenzeugenbericht geben. Wie gesagt: In vielen Teilen ist das Alte Testament ein Glaubenszeugnis.

Damit sind wir schon am wichtigsten Punkt bei der Frage nach dem Alten Testament angelangt. Es ist nämlich nicht nur ein Werk, das längst vergangenen und daher uninteressante Geschichten erzählt. Das Alte Testament ist immer noch aktuell. Im Alte Testament schließt Gott mit den Menschen einen Bund. Dieser Bund, und wir finden damit die markanteste von vielen anderen Verknüpfungen vor, wird im Neuen Testament bestätigt, wenn Jesus vom „neuen Bund“ spricht. Das sagt uns: Die Geschichte Gottes mit uns Menschen, die wir im Alte Testament vorfinden, geht weiter. Diese Kontinuität, diese Verlässlichkeit ist die wohl stärkste Botschaft des Alte Testament. Dieser neue Bund mag über alles hinausgehen, was wir Menschen bisher erfahren haben. Aber Jesus bezieht sich explizit auf das Alten Testament. Er erfüllt die Bücher Mose und der Propheten – und damit die Hoffnungen, die wir beim Lesen im Alten Testament schöpfen dürfen und schöpfen können. Schließlich wissen wir: Gott ist da. Gott ist mit uns. Und er wird es auch bleiben.

Simon Biallowons