Die Evangelien

Die Frohe Botschaft

Evangelium kommt vom griechischen Wort für „frohe Botschaft“. Das war damals ein sehr gebräuchliches Wort. Wir dagegen kennen es heute nur noch im Zusammenhang mit der Bibel. Genauer gesagt im Bezug auf das Neues Testament. Vier solcher „frohen Botschaften“ sind hier aufgenommen worden, sie bilden das Herz der neutestamentarischen Überlieferung. Benannt sind sie nach ihren – vermuteten – Verfassern: Markus, Matthäus, Lukas und Johannes

Jordaens, Jacob: Die vier Evangelisten (Wikipedia)
Jordaens, Jacob: Die vier Evangelisten
Darstellung des Evangelisten Marcus im Lorscher Evangeliar, karolingische Buchmalerei, um 810 (Wikipedia)
Darstellung des Evangelisten Marcus im Lorscher Evangeliar, karolingische Buchmalerei, um 810

Das Evangelium nach Markus

Nach der altbiblischen Tradition gilt Markus als Schüler des Petrus. Diese Sichtweise geht auf den frühen Kirchenvater Papias von Hierapolis zurück. Tatsächlich nimmt Petrus in diesem Evangelium eine sehr hervorgehobene Rolle ein.
Für das Markusevangelium ist charakteristisch, dass es sehr viele Taten Jesu, aber verhältnismäßig wenig Worte Jesus enthält. So gibt es nur zwei wirklich große Reden (Mk 4,1 ff und Mk 13,1 ff). Auch bezüglich der Anzahl der Gleichnisse kann das Markusevangelium mit den beiden anderen Synoptikern nicht mithalten. Dagegen erzählt Markus von vielen Streitgesprächen Jesu mit den Juden. Auf diese Weise transportiert Markus ein großes Stück der Lehre Jesu.

Inhaltlich stehen wie erwähnt die Taten Jesu im Vordergrund. Allerdings nicht in dem Sinne, dass Markus damit eine möglichst detailgetreue Biographie Jesu abliefern möchte. Das gesamte Evangelium hat stattdessen einen Verkündigungszweck: Markus will zeigen, dass Jesus Christus Gottes Sohn und der Messias ist. Sein Sterben wird als Lösepreis für Gott und als unsere Befreiung zum Heil betont.
Ein weiterer großer Unterschied zu Lukas und Matthäus: Markus erzählt oft viel anschaulicher, nennt Namen und konkrete Begebenheiten. Der Leser gewinnt daher manchmal den Eindruck, Markus sei „näher dran“ gewesen – was zumindest zeitlich gesehen stimmt. Besonders anschaulich wird des Geschehen, wenn Markus von Emotionen und Gefühlen spricht. Dieses Element verwendet er weitaus öfters als die anderen Evangelisten. Außerdem klingen Satzbau und Sprachstil einfacher und bodenständiger, Umgangsworte oder semitische Ausdrücke finden sehr häufig Anwendung. Daher dürfte es als ziemlich sicher gelten, dass Markus Muttersprache Aramäisch war. Als Adressaten waren wohl in erster Linie Heidenchristen gedacht. Also Christen, die ohne jüdischen Hintergrund aufgewachsen und zum Christentum übergetreten waren.

Rembrandt-Gemälde: Matthäus (Wikipedia)
Rembrandt-Gemälde: Matthäus

Das Evangelium nach Matthäus

Die Überlieferung identifiziert den Verfasser des Evangeliums mit dem Apostel Matthäus. Ob dies tatsächlich stimmt, können wir heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Gerade von protestantischer Seite wird diese Identität geleugnet. Genauso wie die Annahme, der Zöllner Levi sei der Apostel Matthäus – und damit natürlich dann auch der Evangelist.

Das entscheidende Merkmal liegt darin, dass Matthäus wohl versucht hat, eine Lehrschrift zu verfassen. Der Verfasser bemüht sich oft, die Worte Jesu zu markanten und gut unterscheidbaren Einheiten zusammenzufassen. Ihm geht es weniger um detailgetreue Sammlung kleiner Themen und Randerscheinungen, sondern vielmehr um eine Lehrschrift aus möglichst einem Guss. Sechs große Lehrreden führt Matthäus an, unter denen die bekannteste die Bergpredigt (Mt 5 – 7) ist. Der Fokus liegt ganz klar auf den Worten Jesu, die „Herrenworte“ werden zu großen Elementen komponiert. Gleichartige oder verwandte Stoffe werden dabei zusammengeordnet. Meistens entsteht daraus eine Lehrrede, auf die dann Taten Jesus – zum Beispiel Wunder – folgen. Aber die Lehre steht praktisch immer am Anfang. Damit fällt der Erzählanteil im Matthäusevangelium deutlich geringer als beispielsweise bei den anderen Synoptikern aus. Die Bergpredigt als Lehrstück wiederum ist dreimal so lang wie Lukas. Durch die starke Konzentration auf die wichtigen Worte Jesu, hat das Matthäusevangelium am meisten das frühe Christentum geprägt. Der Einfluss auf die frühen christlichen Theologen und Schriftsteller war unglaublich stark und intensiv.

Die Intention des Matthäusevangeliums kann man relativ einfach herausarbeiten. Matthäus will Jesus als den Messias oder Davidssohn – darum beginnt das Evangelium mit der Erwähnung eines Stammbaumes – des Alten Testamentes vermitteln. Er sei der Heiland, den die Juden so lange erwartet haben – und den sie durch ihre eigene Schuld später um den Erfolg seiner Mission bringen. Kein Evangelium widmet der Auseinandersetzung der jüdischen Führer mit Jesus und dessen Stellung zu den jüdischen Gesetzen soviel Raum. Die jüdischen Riten, Traditionen und Sitten werden sehr kenntnisreich beschrieben, so dass dieses Evangelium zugleich auch eine Dokumentation des Judentums vor 2000 Jahren ist.
Aus all diesen Hinweisen lässt sich über den Verfasser eines mit großer Sicherheit sagen: Matthäus war wohl ein Judenchrist, sonst wäre die detailreiche Kenntnis der jüdischen Kultur nur schwer zu erklären. Auch seine vornehmlichen Adressaten waren Judenchristen. Die ursprüngliche Sprache wiederum ist unklar. Papias von Hierapolis schreibt, Matthäus hätte das Evangelium im Aramäischen abgefasst. Viele moderne Exegeten gehen dagegen davon aus, dass das Evangelium bereits im Urtext in der griechischen Sprache geschrieben wurde. 

Lukas und die Madonna, Lukas-Altar des Hermen Rode, Lübeck 1484 (Wikipedia)
Lukas und die Madonna, Lukas-Altar des Hermen Rode, Lübeck 1484

Das Evangelium nach Lukas

Der Evangelist Lukas wird von der Tradition als Begleiter des Paulus beschrieben. Er soll Arzt gewesen sein, wahrscheinlich aus Antiochien. Lukas hat auch die Apostelgeschichte, die sich im Neuen Testament an die vier Evangelien anschließt, geschrieben. Die Tatsache, dass Lukas als Begleiter Paulus skizziert wird, erinnert ein wenig an das Markusevangelium. Auch dort wird eine Autorität, Petrus, herangezogen, um das Evangelium zu legitimieren.

Lukas lässt die Geschichte Jesu in drei großen Abschnitten spielen: Galiläa, die Reise nach Jerusalem und Jerusalem selber. Er stellt dabei Jesu Wirken in den großen Kontext, also erwähnt das Auftreten Johannes des Täufers und gibt konkrete zeitliche Angaben wie Jesu Alter bei seinem Auftreten, die Verknüpfung der Geburt Jesu mit der Volkszählung oder die Angabe des damaligen Statthalters. Es gibt dabei einen beträchtlichen Unterschied zu den beiden anderen Synoptikern: Lukas schreibt ein historisch orientiertes Literaturwerk, das sich speziell an christliche Leser richtet. Wie für ein damaliges literarisches Werk üblich, beginnt das Evangelium mit einer Widmung. Lukas schreibt, wie bei der Apostelgeschichte auch, für einen „Theophilus“. Es soll eine fundierte Grundlage bieten, damit Theophilus sich „von der Zuverlässigkeit der Lehre“ überzeugen kann, in der er unterwiesen wurde. Dennoch ist der Stil keinesfalls so „belehrend“ abgefasst, wie das zum Großteil bei Matthäus geschieht. Lukas verwendet literarische Kunstformen, damals durchaus üblich für Geschichtswerke. Dabei merkt man deutlich, dass Lukas als Arzt gebildet und in der griechischen Kultur und Sprache bewandert ist. Er verwendet kaum aramäische Wörter, sondern legt viel mehr auf griechische oder lateinische Termini Wert. Wir hatten gesagt, dass Lukas ein geschichtlich orientiertes Werk schreibt. Das heißt aber nicht, dass er eine neutrale Biographie im Sinn hat. Sein Werk ist ein Evangelium und will als solches den Leser mitreißen und den Glauben vertiefen.

Lukas setzt zu diesem Zweck auf eine klare Botschaft: Jesus ist der Heiland der Welt. Er will zeigen, dass die Botschaft Christi universal für alle Völker gilt. Diese entgrenzte Botschaft betont Lukas immer wieder. Das heißt, dass Lukas noch mehr Wert als die anderen Evangelien darauf legt, zu zeigen, dass Jesus allen Menschen hilft. Überhaupt ist das Bild Christi als Anwalt der Sünder, Außenseiter und Verzweifelten bei Lukas so präsent wie in keinem anderen Evangelium. Exemplarisch dafür sei das Gleichnis von der Drachme und vom verlorenen Sohn (Lk, 15, 8ff) zu nennen. Und noch eine wichtige Besonderheit weist das Evangelium nach Lukas auf: Es spricht als einziges auch von der Himmelfahrt Christi, die anderen beschränken sich auf die Auferstehung. 

Lukas war wie erwähnt syrischer Arzt. Er verfasste den Text in erster Linie für gebildete Heidenchristen, die genaue Kirche oder Gemeinschaft bleibt allerdings unklar. Der Urtext ist wohl auf Griechisch geschrieben worden.

Tilman Riemenschneider: Evangelist Johannes, 1490–1492 (Wikipedia)
Tilman Riemenschneider: Evangelist Johannes, 1490–1492

Das Evangelium nach Johannes

Das Evangelium des Johannes gehört nicht zu den synoptischen Schriften und unterscheidet sich zum Teil gravierend davon. Der Verfasser wird mit dem Apostel Johannes identifiziert, er soll das Evangelium im hohen Alter in Ephesus verfasst haben.  

Während die Inhalte der drei Synoptiker in vielen Bereichen übereinstimmen, geht Johannes einen sehr eigenen Weg. Von den 29 Wundern der Synoptikern erwähnt das Evangelium des Johannes nur sieben. Heilungen von Besessenen gibt es gar nicht, die Auseinandersetzung Jesu mit der jüdischen Obrigkeit in der Karwoche entfällt ebenfalls komplett. Dafür besteht das Evangelium zu einem Großteil aus Reden – aber nicht aus den Reden, die auch die Synoptiker kennen. Die Geschichte Jesu stellt sich bei Johannes weitaus komplizierter und verzweigter dar. Drei Pessachfeste werden erwähnt, Jesus reist viermal nach Jerusalem. Übrigens: Im Hinblick auf die Passionsgeschichte scheint es auch tatsächlich weitaus wahrscheinlicher, dass Jesus mehrmals in Jerusalem war. Ein Aufenthalt von wenigen Tagen hätte wohl eher nicht gereicht, um die Katastrophe der Kreuzigung heraufzubeschwören. Auch bezüglich der Textkomposition zeigen sich markante Unterschiede. Während die synoptischen Evangelien aus relativ losen Einheiten bestehen, die aneinander gefügt wurden, bildet das vierte Evangelium eine geschlossene Anordnung. Innere Verweise und weitreichende Verknüpfungen ordnen die einzelnen Bestandteile zu einem stringent ablaufenden Text. Dieser Text verkündet eine sehr eigene Theologie. Die Botschaft vom Reich Gottes, die die anderen Schriften dominiert, nimmt bei Johannes weitaus weniger Platz ein. Dafür trägt das Evangelium fast schon gnostische Züge. Das heißt, dass Johannes sehr stark kontrastiert: Gut und Böse, Licht und Dunkelheit, oben und unten. Das bedeutet allerdings nicht, dass Johannes  überzeugter Gnostiker gewesen wäre. Einige Quellen wie der Kirchenlehrer Irenäus von Lyon sprechen sogar davon, dass er diese Richtung ausdrücklich bekämpfen wollte. Dennoch finden wir klare Einflüsse der orientalischen Lehre. Die universale Bestimmung der Heilsbotschaft hat Johannes noch mehr als die Synoptiker, unter denen ja vor allem Lukas, herausgearbeitet.

Und noch etwas ist ganz zentral: Die Selbstoffenbarung Jesu als Gottessohn. Jesu Herkunft, Jesu Verhältnis zu Gott, seine Aufgabe und seine Rückkehr zu Gott – die Person Jesu steht bei Johannes ganz stark im Vordergrund. Viele Aussagen werden aus diesem Grund in der Ich-Form überliefert: „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12), „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30) oder „Ich bin das Brot des Leben“ (Joh 6,35). Diese Aussagen gelten allen Christen, sie sollen den Glauben vertiefen und dazu führen – und das ist eine der zentralen Botschaften Johannes – dass durch den Glauben das ewige Leben erreicht wird. Damit ist das Evangelium nicht primär für Heiden oder Juden gedacht, ein Missionsgedanke nach außen stand wohl nie Pate. Viele Forscher attestieren dem vierten Evangelium denn auch eine sehr polemische Absetzung vom Judentum. Die Juden würden als Feinde Jesu dargestellt. Eine häufig zitierte Quelle beschreibt, wie Jesus zu Juden sagt: „Warum versteht ihr nicht, was ich sage? Weil ihr nicht imstande seid, mein Wort zu hören. Ihr habt den Teufel zum Vater und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an.“ (Joh 8, 43-44).  

Simon Biallowons